"Ich wünsche mir einen Weltraumaufzug" (Piraten)

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Die Parteien zur Europawahl : Ein Weltraumaufzug und krumme Gurken
Jolinde Hüchtker Cyrill Callenius David Fresen Max Deibert Simon Grothe Xenia Heuss Antonia Bretschkow
Julia Reda (Piraten) wünscht sich neben einem bedingungslosen Grundeinkommen auch mehr 3D-Drucker und einen Weltraumaufzug.
Julia Reda (Piraten) wünscht sich neben einem bedingungslosen Grundeinkommen auch mehr 3D-Drucker und einen Weltraumaufzug.Foto: CC-BY-ND bartjez

Julia Reda ist Spitzenkandidatin der Piraten für die Europawahl. Ein Interview über Angst vor der Technik, einen Weltraumaufzug und den 3D-Druck.

Was sind die Hauptziele der Piraten für die Europawahl?

Wir kommen ja aus dem Internet und haben festgestellt, dass die Werte, die wir in der Onlinewelt gefunden haben, auch extrem wichtig für Europa sind. Wir wollen eine Überwindung von Grenzen, auch im kulturellen Bereich.

Zum Beispiel?

Dass manche Youtube-Videos in deinem Land nicht verfügbar sind. Oder dass Leute, die in Österreich sitzen, sich die ARD-Mediathek nicht anschauen können. Wir wollen auch einen gemeinsamen Datenschutz. Jetzt ist es z.B. so, dass Facebook seine Server nach Irland stellt, weil dort der Datenschutz-Standard besonders niedrig ist.

Was wollen die Piraten dagegen tun?

Wir glauben, dass wir zu Grundrechten, wie Datenschutz oder Zugang zu Information, bessere Regelungen in ganz Europa schaffen können. Die Überwindung von Grenzen muss auch nicht nur mit dem Internet zu tun haben. Wenn die CSU sich hinstellt und sagt "Wer betrügt, fliegt" und die Freizügigkeit von Menschen aus Rumänien und Bulgarien in Frage stellt, dann ist das ein riesiger Rückschritt für die europäische Idee.

Wie ist es mit der Wirtschaft in Europa?

Wir haben den Klimawandel, bestimmte Ressourcen werden in den nächsten Jahren an ihre Grenzen stoßen. Deshalb müssten wir eigentlich energieeffizienter werden, weniger konsumieren. Aber wenn die Leute das plötzlich machen würden, dann würde unser Wirtschaftssystem zusammenbrechen - weil es darauf angelegt ist, dass es immer ein Wachstum gibt und die Menschen mehr konsumieren.

Was ist die Alternative?

Wir halten es für ganz wichtig, da wirklich mal radikal alternative Wege aufzuzeigen und vorzuschlagen, die Existenzgrundlage von der Arbeit zu entkoppeln. Solange das nicht der Fall ist, wird jedesmal, wenn uns technische Innovationen Arbeit abnehmen können, das erst einmal als Problem angesehen, weil das Arbeitsplätze zerstört. Aber die Automatisierung von Arbeit ist ja eigentlich eine gute Sache.

In vielen EU Ländern herrscht eine Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent. Sieht so Europas Zukunft aus?

Der Europarat hat sich in einer Studie die Frage gestellt: Was machen eigentlich diese ganzen arbeitslosen Jugendliche den ganzen Tag? Die Studie zeigt, dass viele tatsächlich arbeiten, aber eben nicht in der klassischen Wirtschaft, wo sie für das, was sie machen, bezahlt werden. Zum Beispiel in ihren Gemeinden solche Sachen wie Urban Gardening machen, wo im öffentlichen Raum eine Selbstversorgung mit Lebensmitteln aufgebaut wird. Diese jungen Leute mit tollen Ideen werden von den Innovations-Programmen der EU aber überhaupt nicht erreicht.

Was steht sonst noch auf dem Plan der Piraten?

Ein Beispiel ist der 3D-Druck. Der kann in den nächsten Jahren die Art und Weise, wie wir leben, total verändern. Es gibt jetzt viele, gerade von den älteren Parteien, die versuchen, vor dieser Technik Angst zu machen. Da würden sich Leute Waffen ausdrucken, was totaler Quatsch ist, weil man immer noch Munition auf dem Schwarzmarkt kaufen müsste. Nach dem jetzigen Technikstand wäre es viel schwieriger, sich eine Waffe auszudrucken, als sich einfach irgendwelche gefährlichen Materialien im Baumarkt zu kaufen. Wenn man aber eine Technologie gleich im Keim erstickt, werden wir in Zukunft nicht von ihren Vorteilen profitieren können.

Wollen Sie noch etwas zum Abschluss sagen?

Ich will noch ein Projekt ergänzen: den Weltraumaufzug, der es wesentlich günstiger machen würde, im Weltraum zu forschen. Dabei wird von der Erde ein stabiles Seil zu einem Satelliten gespannt, an dem man, wie mit einem Aufzug, Material ins All bringen kann. Die europäische Raumfahrt ist heute schon eines der wenigen Projekte, bei denen Länder absolut übergreifend zusammen arbeiten.

Das hört sich ziemlich utopisch an…

…Genau darum geht es mir. Wenn sich keine Partei mal traut, irgendwas Visionäres, was utopisch klingt, überhaupt zu benennen, weil sie Angst haben davor, dass die Leute denken, das wäre Science-Fiction, dann kommen wir auch nie weiter. Dann reagieren wir immer nur auf die nächste Krise. Eigentlich soll die Politik ja gestalten und solche Visionen erst formulieren. Da sehe ich auch eine Aufgabe der Piraten.

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