Die Prinzen A capella in Berlin : „Schmeißt den Schlagzeuger raus!“

Die Prinzen treten A capella im Stadtkloster Segen auf. Warum sie Kirchen mögen und was sie vom Berliner Publikum halten.

Die Prinzen: (v.l.) Tobias Kuenzel, Jens Sembdner, Sebastian Krumbiegel Wolfgang Lenk, Mathias Dietrich.
Die Prinzen: (v.l.) Tobias Kuenzel, Jens Sembdner, Sebastian Krumbiegel Wolfgang Lenk, Mathias Dietrich.Foto: Sven Darmer

Hallo Prinzen!
Alle im Chor: Hallo, Berlin!

Sie als Band singen ja gerne hier – am Sonntag sogar in der ausverkauften Kirche Stadtkloster Segen in Prenzlauer Berg. Wollen Sie die Berliner Atheisten bekehren?
Sebastian Krumbiegel: Berlin ist immer noch arm, aber sexy. Und arme sexy Leute unterstützen wir gerne.

Henri Schmidt: Berlin ist damit das Gegenteil von uns. (alle lachen)

Welchen Segen könnte Berlin gebrauchen?
Krumbiegel: Woher sollen wir das wissen? Wir sind Leipziger. Aber in Kirchen machen wir schon seit zehn Jahren immer wieder Konzerte. Wir verteilen dann überall im Kirchenraum die Boxen – das gibt einen ganz anderen Hall.

Jens Sembdner: Die Akustika in den Kirchen sind auch ganz unterschiedlich. Manche Bauten sind flach und aus Holz, manche hoch und mit großem Hallraum.

Wolfgang Lenk: Heißt das nicht: die Akustiken?

Sembdner: Akustika-ka?

Lenk: Acustie? (alle lachen wieder)

Krumbiegel: Auf jeden Fall klingt es gut. Und Kirchenkonzerte sind auch eine Tradition unserer Band. Ursprünglich kommen wir ja aus dem Thomanerchor und dem Kreuzchor. Natürlich ist das keine Gutmenschenaktion, wir wollen damit auch Geld verdienen. Aber als die Segenskirche fragte, ob wir ihr mit einem Solikonzert bei der Rekonstruktion helfen, konnten wir nicht nein sagen. Wir sind ja auch Gutmenschen.

Tobias Künzel: Das Tolle an Kirchenkonzerten finde ich immer, dass da auch Atheisten kommen. Sie sehen dann mal ein Gotteshaus von innen und sagen sich: Sieht ja doch ganz schön aus.

Krumbiegel: Die Gebäude strahlen Ehrfurcht aus, allein durch ihre Geschichte. Niemand kommt hier rein und brüllt irgendwelchen Blödsinn. Ich nehme immer meine Mütze ab, aus Respekt vor dem Gemäuer.

Was haben Kirchen, was der Rest der Welt nicht hat?
Krumbiegel: Keine Toiletten. (alle lachen schon wieder)

Und die Prinzen singen hier nur A capella – wie ganz früher?
Krumbiegel: Wir könnten natürlich raushängen lassen, woher wir kommen und lateinische Weisen von Martin Luther singen – aber das sind nur Schmankerl. Wir verstellen uns als Popband. Das wird ein ganz normales Prinzen-Konzert.

Viele ältere Fans würden sagen: Eigentlich sind die Prinzen doch A capella. Erst später wurde aus dem Choralen das Poppige.
Lenk: Nee, das waren die Herzbuben. So hießen wir früher, da haben wir im Chor gesungen. Als Prinzen hatten wir immer ein Schlagzeug am Start. Wir leben aber stark von den Stimmen.

Krumbiegel: Manchmal haben wir noch ein paar Puristen im Publikum. Einmal waren wir auf einem A-capella-Festival, da rief uns einer entgegen: Schmeißt den Schlagzeuger raus!

Das Berliner Publikum ist auch nicht ganz einfach: Erst wird rumgemault; und am Schluss rasten alle aus, wenn die Band gerade nach Hause gehen will.
Krumbiegel: Das haben wir so hier nicht erlebt. Unser erster Großmoment als Band war 1993 in der Deutschlandhalle – zweimal hintereinander vor ausverkauftem Haus. Wir liefen durch die Katakomben, da hört man dieses Grummeln, dann geht das Licht aus – und alles kreischt, bebt, brüllt. Da stellen sich mir heute noch die Haare auf.

Schmidt: Ich guckte damals in die Halle, auf die Tribünen hoch, alles voll. Und dachte: Verrückt, die sind alle wegen uns da. Seitdem spielen wir in Berlin überall.

Krumbiegel: Berlin ist die einzige Metropole in Deutschland, kosmopolitisch, kulturell. Deshalb bin ich so gerne hier.

Nicht wenige Leipziger haben Angst, dass ihre Stadt bald wie Berlin wird: viele Zuzügler, steigende Mieten, ein kollabierender Nahverkehr.
Lenk: Noch ist Leipzig ein schönes großes Dorf – mit kurzen Wegen.

Sembdner: Und Flughafen. (alle lachen, ist ja klar)

Krumbiegel: Vielleicht kann Leipzig wenigstens von den Fehlern der Berliner Gentrifizierung lernen – auch von den Versuchen, da jetzt nachzubessern. Mieten kann man nicht allein dem Markt überlassen.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Konzertpublikum in Berlin und Leipzig?
Schmidt: Leipzig ist für uns ein Heimspiel, da kommen viele Freunde, unsere Familien.

Krumbiegel: Naja, mittlerweile haben wir auch viele Freunde in Berlin.

Künzel: Die Zugabe-Rufe klingen auf jeden Fall anders: Sugobä!

Die Prinzen traten am Sonntag um 18 Uhr in der Segenskirche auf, das Konzert war ausverkauft.

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