Die Station meines Lebens : Am S-Bahnhof Wannsee im Dienste der DDR

Stasi und Reichsbahn, zu Mauerzeiten in Zehlendorf. Mittendrin: ein Student, der ahnungslos Züge abfertigt.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

In der Kolumne "Die Station meines Lebens" schreiben Tagesspiegel-Autoren über Berliner Haltestellen, die sie geprägt haben.

Wie war das damals eigentlich mit West- und Ost-Berlin? Immer, wenn ich diese Frage höre, denke ich an den S-Bahnhof Wannsee – um zu erzählen, was es damals für Kuriositäten gab, kleine Normalitäten im Kalten Krieg. Die S-Bahn fuhr bekanntlich unter Regie der DRR-Reichsbahn bis 1984 auch im Westteil der Stadt. Und sie bot deshalb in den frühen Siebzigern West-Berlinern unter der Hand Studentenjobs an, ohne jeglichen Gesinnungstest.

Keine Ahnung, wie ich dran gekommen bin, aber nach einer Gesundheitsprüfung in der Reichsbahn-Poliklinik am Schöneberger Ufer (also im Westteil) und einer kurzen Einweisung über Sicherheit und Signale wurde ich 1972, noch nicht mal volljährig, für geeignet befunden, am Endbahnhof Wannsee Züge abzufertigen.

Die mussten geleert und auf Signal des Fahrdienstleiters per Sprechfunk in die Kehranlage geschickt werden – also zum Umkehren, nicht zur Reinigung. Das klang an sich ganz einfach, hatte aber den Haken, dass in vielen Zügen Leute saßen, die keineswegs aussteigen wollten, oft stockbetrunken waren und/oder sehr schlecht riechend.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Keine angenehme Aufgabe, denn Sicherheitspersonal gab es nicht. In komplizierteren Fällen kreuzten manchmal Stasi-Typen von der DDR-Transportpolizei auf, die selbstverständlich im Westen keine Befugnisse hatten und beim Auffliegen sofort festgenommen worden wären.

Im Bahnhof Wannsee war auch das komplette Büro für die Streckenabschnitte bis Nikolassee (Stadtbahn) und bis Zehlendorf untergebracht, und das mit der kompletten DDR-Folklore einschließlich Kaderleitung und Kulturraum, für den andere Studentinnen Gardinen nähten. Der Chef, ein leibhaftiger Reichsbahn-Oberrat, wohnte nobel in Nikolassee und fuhr Mercedes, das kam mir damals schon leicht widersprüchlich vor. Auf die Präsenz der West-Berliner SED-Zeitung „Die Wahrheit“ und anderer einschlägiger Symbole in den Abfertigungshäuschen achtete er allerdings sehr.

Station: Wannsee
Linien: S1, S7, Bus 114, 118, 218, 316, 318, 620, N16, Fähre F10
Nachbarhaltestelle: Nikolassee
Fahrzeit bis Alexanderplatz: 32 Minuten ohne Umsteigen

Sogar Karrieren waren möglich. Ich hatte die Prüfung für Streckenabfertiger einmal mit Abiturienten-Arroganz versemmelt, kam aber beim zweiten Anlauf durch und durfte fortan auch auf allen anderen Bahnhöfen bis rauf nach Zehlendorf arbeiten. Eine Gehaltsstufe höher! Und das Beste: Das Geld, immerhin gut 1200 (West-)Mark im Monat, gab es steuerfrei bar auf die Hand.

Das entschädigte für viele öde Zwölf-Stunden-Schichten in menschenleeren Bahnhöfen, für manchen Zank mit verpeilten Zeitgenossen. Ende 1974 herum verschwanden diese Jobs. Aber ich träume heute noch manchmal, dass ich in Wannsee auf dem Bahnsteig stehe und irgendwas vermurkse.

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