Die Station meines Lebens : Heinersdorf Kirche war meine Haltestelle der Angst

Zum Start der neuen Kolumne: Wieso die Heimfahrt vom Hackeschen Markt jedes Mal zum Horrortrip wurde.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

In der neuen Kolumne "Die Station meines Lebens" schreiben Tagesspiegel-Autoren über Berliner Haltestellen, die sie geprägt haben. Den Anfang macht Karl Grünberg, für den Heinersdorf Kirche lange Zeit ein gefürchteter Ort war.

Damals, als wir schlaksige Jugendliche mit langen Haaren und bunten Klamotten waren. gingen wir feiern, in Prenzlauer Berg, in Mitte. Zu einer Zeit, als es noch Keller mit Punkkonzerten und Techno-Partys auf Dachböden gab. Berlin war unsere Spielwiese, auf der wir frei und sorgenlos spielen konnten.

Bis zu dem Punkt, an dem wir unweigerlich nach Hause mussten, raus nach Weißensee, nach Karow und Buch. Und zwar mit dem Nachtbus, N8, so hieß die Linie damals. Startpunkt Hackescher Markt, Ende S-Bahnhof Buch. Alle 30 Minuten fuhr er, immer 29 und 59.

Dann regte sich langsam die Angst, die wir bis dahin gut verdrängt hatten. Wir lachten nervös, wir spekulierten, wie es wohl diesmal werden würden. Wir waren sofort stocknüchtern.

Der Bus fuhr durch die Nacht, durch Mitte, durch Prenzlauer Berg, rein nach Weißensee. Wir holten Bücher raus, große, hinter denen wir uns verstecken konnten. Ich hatte manchmal sogar einen Atlas dabei. Wir wollten nur die Fahrt überstehen, ohne auf die Fresse zu kriegen oder Schlimmeres.

Sie warteten dort schon. Nazis. Faschos. Glatzköpfe.

Dann hielt der Bus noch einmal. Rote Ampel. Immer hielt er an dieser Ecke noch einmal, wie um uns auf die Folter zu spannen, kurz hinter dem alten Wasserturm, gleich hinter den Kleingärten, bog dann nach links und dann nach rechts. Da war sie: die Haltestelle.

Station: Heinersdorf Kirche
Linien: Tram M2, Bus 158, N58, X54
Nachbarhaltestelle: Romain-Rolland-Str./Straße 16
Fahrzeit bis Alexanderplatz: 21 Minuten ohne Umsteigen

Und fast immer warteten sie dort schon. Nazis. Faschos. Glatzköpfe. So, wie sie damals ausgesehen haben. Bomberjacke, Springerstiefel, weiße Schnürsenkel. Große Kerle, breite Schultern, manchmal waren auch ein paar Frauen dabei. Gleich gegenüber lag der „Heinersdorfer Krug“, ihre Stammkneipe. Und all die Nazis mussten ja dann auch nach Hause, so wie wir.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sie zeigten den Hitlergruß, sie brüllten „Sieg Heil!“ und sie sangen „Eine U-Bahn bis nach Auschwitz“. Besonders schlimm war es um den 20. April rum. Wenn wir Glück hatten, gingen sie nach hinten weiter und bemerkten uns nicht. Wenn wir Pech hatten, wollte gleich eine ganze Rotte mitfahren.

Wir schauten so unbeteiligt wie möglich aus dem Fenster. Sprüche gab’s. Auf die Lippe auch manchmal. Gelegentlich wurden wir aus dem Bus gestoßen. Und einmal jagte mir ein Trupp beim Aussteigen hinterher, die Straße rauf, bis ich schneller über den elterlichen Gartenzaun gesprungen war als sie. Zum Glück kam gleich der Hund angerannt.

Wenn ich heute an dieser Haltestelle vorbeikomme, muss ich an die Machtlosigkeit denken, die ich damals verspürte. Die Bushaltestelle heißt immer noch: Heinersdorf Kirche.

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