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Immer erreichbar. Irmgard Landgraf mit der 96-jährigen Heimbewohnerin Gertrud Haase.
©  Thilo Rückeis

Ärztin im Pflegeheim: Die Telemedizinerin

Irmgard Landgraf ist Ärztin im Pflegeheim und versorgt ihre Patienten nicht nur vor Ort, sondern ist auch von außerhalb digital mit ihnen vernetzt. Ergebnis: Die Bewohner leben hier deutlich länger.

Von Daniela Martens

Im Fernsehen läuft eine Gerichtsshow. Wilhelm Dittmar, 93 Jahre alt, thront auf seinem Fernsehsessel. „Den habe ich aus Schönwalde mitgebracht“, sagt der korpulente Mann zu Irmgard Landgraf, die neben ihm steht. Die Frau mit den kurzen grauen Haaren und dem weißen Kittel nickt, sie weiß, dass er sein ehemaliges Zuhause meint. Jetzt steht der Sessel in seinem Zimmer im Pflegeheim Agaplesion Bethanien Sophienhaus in Steglitz. „Na, dann mache ich den Kasten mal aus“, sagt er. Schließlich ist Irmgard Landgraf seine Hausärztin. „Ich habe nichts. Ich bin gesund und munter“, sagt der alte Herr fröhlich. Irmgard Landgraf guckt ihn erstaunt an. Sie weiß, dass das nicht stimmt. Wilhelm Dittmar hat Probleme mit den Augen und der Haut. Aber er sagt: „Das wird jeden Tag eingecremt. Besser kann es mir nicht gehen.“

Die meisten Bewohner des Steglitzer Pflegeheims haben mehrere Krankheiten: Herz-Kreislauf und orthopädische Leiden wie Gelenkbeschwerden, Arthrosen, degenerative Verschleißerscheinungen, Diabetes. Oft kommen Altersdepression und Demenz hinzu. Wilhelm Dittmar ist keine Ausnahme. „Erstaunlich, wie er seine Krankheiten verdrängt“, sagt die Hausärztin später auf dem Flur. Eine Demenz sei bei ihm jedoch nicht im Spiel. „Herr Dittmar ist seit eineinhalb Jahren hier. An seine Grundkrankheiten, die bei seiner Heimaufnahme sehr gravierend waren, erinnert er sich nicht mehr, weil sie ihn aktuell nicht belasten. Ein schönes Beispiel dafür, was gute Pflegeheimversorgung bewirken kann.“

Dass Wilhelm Dittmar so gut versorgt ist, liegt auch an ihr. Die hausärztliche Internistin ist für die Pflegekräfte immer erreichbar. Ihre Praxis liegt im Erdgeschoss des Pflegeheims. Einmal pro Woche kommt sie zur Visite auf eine der drei Stationen – egal, ob die Bewohner krank sind oder nicht. Bei 100 Bewohnern bekommt jeder alle drei bis vier Wochen Besuch. Einmal pro Woche geht sie die Akten durch. „Kurvenvisite“ nennt sie das.

Die Praxis ist mit dem Heim digital vernetzt

Die Kooperation zwischen der Internistin und dem Pflegeheim in Steglitz ist Teil des „Berliner Projekts“. Grundlage ist ein Vertrag zwischen vier Krankenkassen, der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin sowie Krankenhaus- und Pflegeheimverbänden. Zwölf beteiligte Heime haben einen Heimarzt angestellt, 16 andere unterhalten eine Kooperation wie die mit Irmgard Landgraf. Ihre Arbeit ist aber innerhalb des Projekts noch mal etwas Besonderes: Die 61-Jährige setzt als Einzige in Berlin auf eine „telemedizinisch unterstützte Pflegeheimversorgung“. Ihre Praxis ist mit dem Heim digital vernetzt. Wilhelm Dittmar hat eine digitale Krankenakte, auf die das Pflegepersonal und die Ärztin Zugriff haben. Sie aktualisieren sie fortlaufend, alle wissen jederzeit, wie es ihm geht. Hat er Beschwerden, ist die Ärztin schnell vor Ort. In Schulungen hat sie den Pflegern beigebracht, wie sie Beschwerden detailliert eintragen können.

Manchmal genügt es sogar, eine Medikamentendosis aus der Ferne zu verändern, damit es den Patienten wieder besser geht. Oder damit sie weniger leiden. So wie die Bewohnerin, um die sich Irmgard Landgraf vor dem Besuch bei Wilhelm Dittmar gekümmert hat. Am Computer hat sie bei der Patientin, die im Sterben liegt, die Dosierung der Mittel gegen Unruhe, Angst und Schmerzen erhöht. Eine Pflegekraft hatte sie angerufen und darum gebeten. Ohne schriftliche Anweisung eines Arztes darf sie die Dosis nicht verändern. „Bei diesem Schmerzmittel ist es wichtig, dass die Patientin es sofort bekommt und nicht warten muss, bis ich vorbeikomme“, sagt Landgraf. Schließlich hatte ihre Kollegin die Patientin am Morgen schon untersucht. „Drüben auf den Stationen sind 100 schwerstpflegebedürftige Patienten. Ich kann nicht immerzu kurz rüberrennen“, sagt Landgraf.

Bewohner leben hier länger als im Bundesdurchschnitt

In ihrer Praxis betreut Landgraf auch noch rund 500 externe Patienten. Einige dieser ambulanten Patienten ließen sich schon vor Langem auf die Warteliste für das Heim setzen, „weil sie merkten, dass die Bewohner dort gut versorgt werden“, sagt Landgraf. „Die Patienten, die wir hier im Heim versorgen, leben deutlich länger als im Bundesdurchschnitt in Pflegeheimen. Dabei sind sie älter und kränker. Vorher lebten sie hier eineinhalb bis zwei Jahre, jetzt sind es über drei. Der Landesschnitt liegt bei einem Jahr.“ Durch die Methode könne sie „verhindern, dass schlimmere Krankheitsverläufe entstehen“. Beispiel: Alte Menschen trinken oft zu wenig. Eine Blasenentzündung verschlimmert sich dadurch, weil die Blase nicht ausreichend durchgespült wird. Schnelle Behandlung verhindert eine Nierenbeckenentzündung, die eine Sepsis auslösen kann.“ Bei allen Patienten behält Landgraf die Nierenwerte im Blick.

Eine schnelle Behandlung: Daran fehlt es in Heimen ohne kooperierenden oder angestellten Arzt und ohne digitale Vernetzung am dringendsten. „Dort läuft es so: Geht es einem Bewohner nicht gut, ruft ein Pfleger den jeweiligen Hausarzt an. Beim ersten Mal ist besetzt, beim zweiten Mal auch, beim dritten Mal: Anrufbeantworter. Die Pfleger sind mit solchen Anrufen sehr lange beschäftigt.“ Der Hausarzt komme oft erst Tage später. „Und der arme Mensch, der da mit seinen Beschwerden liegt, muss es die ganze Zeit aushalten. Und wenn der Arzt kommt, trifft er eine Leasingkraft, die keine Ahnung hat, worum es genau geht.“

Die Methode erhöht die Patientensicherheit

Immer erreichbar. Irmgard Landgraf mit der 96-jährigen Heimbewohnerin Gertrud Haase.
Immer erreichbar. Irmgard Landgraf mit der 96-jährigen Heimbewohnerin Gertrud Haase.
©  Thilo Rückeis

In dem Steglitzer Pflegeheim läuft es anders. „Wir haben die perfekte Einsicht. Das macht die Arbeit einfach und übersichtlich“, sagt Pfleger Philipp Kreft, der Landgraf bei ihrem Besuch bei Wilhelm Dittmar begleitet. Neulich haben die Pfleger in seine Akte Schmerzen im Fuß eingetragen, Irmgard Landgraf wusste, worum es sich handelte und trug ein, welches Medikament er bekommen sollte. „Die Ärztinnen kommen und fragen, ob ich etwas habe, und gehen wieder“, sagt der 93-Jährige, der früher als Schlosser bei der BVG gearbeitet hat. „Das merkt man kaum und das ist angenehm: Solange man gesund ist, will man Ärzte ja gar nicht sehen.“

Landgraf sagt, mit vielen der Pflegekräfte im Heim arbeite sie jetzt schon bis zu 20 Jahre lang zusammen. „Kaum einer kündigt, und sie sind extrem selten krank. Verwechslungen gibt es nicht. In anderen Heimen wird vieles übers Telefon oder per Fax geregelt. Das ist unsicherer.“ Ihre Methode erhöhe Patienten- und Behandlungssicherheit. „Mein Handwerkszeug sind die Medikamente, ich muss sicher sein, dass der richtige Patient sie bekommt. Deshalb ist es wichtig, dass die Pflegekräfte alles über die Medikation wissen.“ Landgraf hat Zahlen parat, die den Erfolg belegen: „Eine kleine Studie hat ergeben: Im Berliner Projekt wurden die Krankenhauseinweisungen um 50 Prozent gesenkt – und bei mir noch einmal um 17 Prozent.“ Ein Krankenhausaufenthalt bedeute für viele Pflegeheimbewohner ein „Riesenrisiko für Komplikationen und den Verlust von Alltagskompetenzen, vor allem bei Demenz.“ Fast alle Bewohner des Heims sind bei ihr in Behandlung, auch wenn nur ein Drittel tatsächlich bei einer teilnehmenden Kassen versichert ist. Irmgard Landgraf ist so überzeugt von ihrem System, dass sie auch ihnen dieselben Vorteile bieten möchte. „Was ich hier mache, wird nicht extra bezahlt.“ Eigentlich, sagt sie, sei die Vergütung ein Problem. „Es gibt 2,36 Euro pro Tag und Patient. Das ist nicht viel.“ Das sei kein Anreiz für andere Ärzte, es ihr nachzutun. Wie sie trotzdem über die Runden kommt? „Das ist eine Mischkalkulation. Und durch die digitale Vernetzung wird es einfacher.“ Sie habe dadurch einen geringeren Aufwand. Doch sie ist tatsächlich rund um die Uhr abrufbereit, auch am Wochenende und nachts für Notfälle.

Vor dem Schlafengehen checkt sie die Krankenakten

Doch zu Notfällen komme es dank der Digitalisierung kaum. Vor dem Schlafengehen checkt sie die digitalen Akten der Patienten, bei denen sich etwas verschlechtern könnte, und trägt gegebenenfalls ein, was die Pfleger tun könnten, um vorzubeugen. Morgens guckt sie gleich wieder nach, ob die Pflegekräfte etwas eingetragen haben. „Noch mehr profitieren von der digitalen Vernetzung Pflegeheime, die weiter weg von der Arztpraxis sind“, sagt Irmgard Landgraf, die noch ein zweites Heim mit 50 Bewohnern in Spandau betreut. 2001 hat die Internistin das telemedizinisch unterstützte Versorgungsmodell entwickelt, 2011 bekam sie einen Innovationspreis dafür, doch Nachahmer hat sie bisher kaum. „Die Ersten fangen jetzt an, Teile zu übernehmen.“ In Berlin hat der Kollege, mit dem sie gemeinsam das Heim in Spandau betreut, mit digital vernetzer Versorgung begonnen.

Bei ihrem Gang durchs Pflegeheim ist Irmgard Landgraf bei Elsa Schwan angekommen. Die Dame mit den weißen Löckchen und rosigen Wangen ist 100 Jahre alt und in ihrer eigenen Welt versunken. „Guten Tag, Frau Schwan“, sagt die Ärztin. Keine Reaktion, Frau Schwan blickt versonnen aus dem Fenster. Aus dem Radio dudelt ein Schlager. „Ihnen geht es gut, oder?“ Keine Reaktion. „Und das ist schön, oder?“ „Hört sie gar nichts mehr?“, fragt die Ärztin den Pfleger. Das komme darauf an, sagt er und wiederholt die Frage. Da erwacht Frau Schwan aus der Trance. „Ja“, antwortet sie lächelnd. „Ich bin für die Patienten eine Autoritätsperson, sie sagen mir nicht immer, was los ist“, sagt Irmgard Landgraf. „Dann können die Pflegekräfte aushelfen.“ Vor allem bei Demenzkranken, die „eigene nonverbale Kommunikationsformen“ haben.

Gertrud Haase, die Irmgard Landgraf an diesem Tag auch noch besucht, ist nicht dement. Sie hat trotz ihrer 96 Jahre ein sehr gutes Gedächtnis. Die alte Dame lehnt sich mit den Unterschenkeln an die Couch und hält sich zusätzlich an der Hand der Ärztin fest. „Ich kann nicht frei gehen“, sagt sie und sieht trotzdem fröhlich aus. „Ich hab’ so das Übliche.“ Als sie in das Heim zog, ging es ihr schlechter. „Sie sind ein Steh-auf-Männchen“, sagt Landgraf. „Ich habe immer viel Sport gemacht“, erwidert die alte Dame stolz. Die Ärztin streicht über den Arm der Patientin. „Einmal ist es doch vorbei“, sagt die 96-Jährige mit einem mädchenhaften Lächeln. Die Ärztin lächelt zurück: „Aber bei Ihnen dauert das noch, da bin ich ganz sicher, so gut wie Sie alles machen.“

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