Berlin : Die Welt, wie sie im Reiseprospekt steht

Orientalische Tänze, palästinensisches Gebäck und polnische Primeln Ein Rundgang über die Internationale Tourismusbörse

Stefan Jacobs

Ausgerechnet die Wellnesshalle ist die anstrengendste: eng, unsortiert, und in den Gängen stehen Prospektverteiler wie Poller in einer überfüllten Fußgängerzone. Da helfen auch Dampfbadduft und Bionade-Ausschank wenig.

Seit gestern brummt die ITB, die im Werbesprech der Veranstalter von der weltgrößten Reisemesse zur Reiseshow geworden ist. Am Sonnabend und Sonntag, jeweils von 10 bis 18 Uhr, dürfen auch Privatleute rein und beispielsweise die traute Nachbarschaft von Israel und Iran erleben. Palästina hat nur noch ein drei mal fünf Meter kleines Eckchen. „Eine Budgetfrage“, erklärt Majed Ishaq, der Marketingchef im Tourismusministerium. Ein ausgesprochen freundlicher Mann von Welt, der von „Bed and Breakfast und Fünfsternehotels“ berichtet und dazu Burmah reicht, ein köstlich-klebriges Gebäck mit Pistazien und Honig: „Aus Betlehem. Sehr lecker. Und heilig.“ Ja, der Ruf seiner Heimat sei nicht da, wo man ihn haben wolle, aber das Image in der Branche bessere sich.

So zieht man durch die Hallen und fragt sich, wie viel die Reisewelt mit der realen zu tun hat. Könnte sein, dass sich beide immer weiter voneinander entfernen: Polen präsentiert sich so übersichtlich und dank reichlich Personal, Prospekten und Primeldekoration derart einladend, dass die Brandenburger Infostände eine Halle weiter fast nackt wirken. Während der Wirtschaftsminister des Landes, Ulrich Junghanns (CDU), gerade mit einer Havelkönigin plaudert, tritt hinter ihm ein Adler im rotem Samtkostüm gelangweilt von einer Kralle auf die andere. Bisher sei das Interesse an der Mark eher verhalten, heißt es – aber das heißt nicht viel, am ersten von fünf ITB-Tagen.

Die als Highlight angekündigte Trend- und Eventhalle zeichnet sich durch Indianertänze live und einen in einer Kühltruhe befindlichen Schlafsack aus. Das soll wohl eine methaphorische Absage an Pauschalreiseweicheier sein, lässt aber in Kombination mit den vielen Scheinwerfern und Mikrofonen anstrengende Besuchertage befürchten. Wäre schade, wenn echte Besonderheiten – wie die Angebote zur Arbeit in fernen Ländern – im Getrommel der Abenteurer untergehen.

Dem diesjährigen ITB-Partnerland Indien ist nicht nur die Einrichtung einer ganzen Halle gelungen, sondern auch deren Erfüllung mit orientalischem Duft. Nüchterner geht es bei den Fluggesellschaften zu, die ja in den Mittelpunkt der Klimadiskussion geraten sind. Eine Flugbegleiterin bei Germanwings versucht die Frage nach der Stimmung wegzulächeln, aber dann sagt sie: Ja, die Kolleginnen mit befristeten Verträgen machten sich schon Sorgen angesichts der Diskussion. Aber noch fliege man ja von einem Buchungsrekord zum nächsten. Da ist er wieder, der Kontrast zwischen der Reisewelt und der realen (weiteres zur ITB auf Seite 20).

Die Tageskarte kostet 13 Euro, Schüler und Studenten zahlen 7,50 Euro, Kinder bis 14 Jahre sind frei. Infos: www.itb-berlin.de., telefonisch: 30385555.

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