Problemfall Günther Oettinger und ein Hausverbot

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Digitalkonferenz in Berlin : Die re:publica ist erwachsen geworden
Die Zettelwand im Hauptquartier, an der die Vorträge und Diskussionsrunden auf insgesamt 20 Bühnen verteilt werden.
Die Zettelwand im Hauptquartier, an der die Vorträge und Diskussionsrunden auf insgesamt 20 Bühnen verteilt werden.Doris Spiekermann-Klaas

Zur Professionalisierung zählt auch, dass parallel zur re:publica seit drei Jahren im selben Gebäude die „Media Convention“ stattfindet. Das Medienboard Berlin-Brandenburg organisiert sie, lädt große Namen wie Pussy Riot oder den YouTuber LeFloid in die Station – und sorgte vergangenes Jahr für eine heikle Situation. Da hatte sich Günther Oettinger angemeldet, der damals amtierende EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Oettinger hatte praktisch keine digitalen Vorkenntnisse, war nur dank Brüsseler Geschacher zu seinem Posten gekommen – und in seinen ersten Amtsmonaten in ein Fettnäpfchen nach dem anderen getreten. Er hatte Netzaktivisten mit den Taliban verglichen, kryptische Twitter-Nachrichten verschickt („Of course is Fall of Berlin wall!“) und Menschen, denen Kriminelle Nacktfotos geklaut hatten, als „blöd“ bezeichnet – die seien selbst schuld, wenn sie solche Bilder von sich machten. Dieser Günther Oettinger also sollte in der Station vor der Netzgemeinde sprechen. Würde es Zwischenrufe geben? Torte ins Gesicht? Der Mann wurde höflich empfangen und angehört.

Abgesehen von dem Skateboard-Aktivisten, der mehr Platz für sich wollte und die Fluchtwege der Station mit Möbeln und Kunst vollstellte, musste in zehn Jahren kein Teilnehmer des Hauses verwiesen werden. Allerdings investieren die Organisatoren nach jeder Konferenz eine vierstellige Summe, um die zahllosen Aufkleber von Wänden, Spiegeln und Toiletten kratzen zu lassen. Besucher der re:publica sind friedlich, aber sehr mitteilungsbedürftig, heißt es.

Der Mann, an dem sich die Netzgemeinde in diesem Jahr inhaltlich abarbeiten wird, ist Donald Trump. Seine Attacken auf Twitter, die von ihm verbreiteten Falschinformationen, seine Ausfälle gegenüber Frauen und Minderheiten machen ihn in Kombination mit der Machtfülle seines Amts zum Feind Nummer eins. Ein Aussteller möchte dieses Bild umdrehen und gemäß dem diesjährigen Liebesmotto einen anderen Trump inszenieren. Er hat eine zwei Meter große Plüschversion des Präsidenten anfertigen lassen, die wird im Innenhof der Station auf ein rotes Sofa platziert. Wer sich dazusetzt und die Puppe umarmt, bringt den falschen Trump zum Sprechen. Von den Umarmungen werden Bilder gemacht, die der Aussteller über Twitter an den realen Präsidenten schickt.

Eine verhinderte Kunstaktion

Das Berliner Start-up Amorelie, ein Anbieter von Sexspielzeug, hatte eine riesige Kunstinstallation geplant, bei der hunderte Dildos von der Decke hängen sollten. Der Plan scheiterte an den Materialkosten. Eigentlich wollte Amorelie fehlerhafte Produkte benutzen, die wurden aber leider – firmeninternes Kommunikationsproblem – im Müll entsorgt. Nun wird das Unternehmen zumindest seinen 3-D-Drucker vorführen, mit dem Gussvorlagen für Liebeskugeln erstellt werden. Außerdem gibt es das zweiteilige Set des Herstellers Teledildonic zu bestaunen. Es besteht aus einem Vibrator und einem Masturbator. Die Teile sind für Fernbeziehungen gedacht. Bewegungen, die der Sensor des einen Geräts aufzeichnet, werden in Echtzeit auf das andere übertragen.

Als Feindbild der re:publica-Gänger gilt die Cebit in Hannover. Sie verkörpert alles, was die Berliner Konferenz nicht sein soll: seelenlose Massenveranstaltung, Schaufenster für Konsumgüter, rein profitorientiert. Umso überraschter waren die re:publica-Macher, als vor fünf Wochen auf der diesjährigen Cebit verkündet wurde, man wolle sich neu aufstellen. Weg vom traditionellen Messekonzept, hin zu einem „New-Tech-Festival“ mit Diskussionsforen und Vorträgen zu gesellschaftlich relevanten Digitalthemen. Im re:publica-Hauptquartier in der Schönhauser Allee klang das wie eine versteckte Kampfansage, das Berliner Konzept zu kopieren. Andreas Gebhard versucht, seine Mitarbeiter zu beruhigen. Die von der Cebit stehen doch ganz am Anfang, sagt er. „Und na ja, es ist eben Hannover.“

Die re:publica gründet unterdessen Satelliten. Vergangenen Herbst haben die Macher eine Konferenz in Dublin organisiert, wo Facebook seine Europa-Filiale hat. Dieses Jahr kehren sie nach Dublin zurück und halten außerdem eine re:publica in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki ab. Andreas Gebhard sagt, es sei auch ein Zeichen der Solidarität mit den Griechen. Und es werde interessant, herauszufinden, ob ein so krisengeschütteltes Land ganz andere Bedürfnisse und Ansprüche an digitale Veränderung hat.

Die Digitalexperten im Marzahner Exil

Ein kleiner Teilbereich der re:publica hat schon vergangene Woche begonnen. 17 Kilometer Luftlinie von der Kreuzberger Station entfernt, auf dem Gelände der Internationalen Gartenausstellung in Marzahn, laden die Konferenzmacher zu einem Vortragsabend. Sie nennen es „Digitalisierung im Grünen“, insgesamt fünfmal sollen hier Projekte vorgestellt werden, die beweisen, dass die digitale Revolution kein rein städtisches Phänomen ist. Heute berichtet Anne-Kathrin Kuhlemann über ihr Lichtenberger Projekt TopFarmers: Mit viel Technikeinsatz züchtet sie in einer Halle gleichzeitig Pflanzen und Fische, wobei die Exkremente der Tiere den Pflanzen als Dünger dienen. Die wiederum reinigen das Wasser der Fische. Ein geschlossener Nährstoffkreislauf. Danach präsentiert ein anderer Tüftler sein Projekt „IP-Garten“: Auf dem IGA-Gelände hat er am Hang neben der Seilbahn ein Beet aufgebaut. Das steht stellvertretend für viele weitere, die er mit Kollegen auf einem Grundstück in Brandenburg, eine halbe Autostunde südlich von Berlin, angelegt hat. Es sind insgesamt 50 Parzellen mit je 16 Quadratmetern Fläche, die an Berliner ohne eigenen Garten vermietet werden. Im Internet können die Kunden ihr Beet bestellen. Auswählen, welcher Abschnitt mit welchem Gemüse bepflanzt wird. Über eine bewegliche Kamera, die an einem Mast fixiert ist, können sie das Wachstum der Pflanzen überwachen. Per Tastendruck die Bewässerungsanlage in Gang setzen. Und entscheiden, wann geerntet wird. Das Testjahr 2016 verlief positiv, sagt der Gründer. In drei Jahren sollen es schon 500 Parzellen sein.

Wenn die Chefplaner der re:publica belegen wollen, dass heute eigentlich alles digital ist und somit als Thema auf ihrer Konferenz verhandelt werden kann, bringen sie das Beispiel vom Workshop aus dem Jahr 2014. Damals hat ein Netzaktivist gezeigt, wie man eine Schweinehälfte zerlegt, und erklärt, wie Zulieferer-, Schlachtungs- und Verarbeitungsprozesse digital vernetzt sind. Der Mann hat Fleischbrocken mitgebracht. Es war drastisch, sagt Andreas Gebhard. Aber insgesamt sehr einleuchtend.

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