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Discounter steigt in Immobilienmarkt ein : Aldi baut Wohnungen über Filialen in Berlin

Während der Senat in Sachen Wohnungsbau immer noch nicht vorankommt, macht die Discounter-Kette Aldi ernst: Auf ihren Innenstadt-Filialen sollen 2000 Wohnungen errichtet werden.

Der neue Aldi-Markt plus Wohnungen in der Lichtenberger Sewanstraße könnte so aussehen.
Der neue Aldi-Markt plus Wohnungen in der Lichtenberger Sewanstraße könnte so aussehen.Foto: Aldi Nord

Der Senat will im Wohnungsbau zeitlich „auf die Tube drücken“, wie Kultursenator und Bürgermeister Klaus Lederer „(Linke) am Mittwoch nach der Senatsklausur sagte. Doch während zunächst ein Steuerungskreis eingerichtet und Fristen bei der Umsetzung von Bauprojekten eingeführt werden, macht Aldi-Nord ernst: Der Discounter will 2000 neue Wohnungen an rund 30 Filialstandorten in Berlin bauen. Zwei „Leuchtturmprojekte“ an der Sedanstraße in Lichtenberg und der Silbersteinstraße in Neukölln seien bereits unterwegs, sagte Aldi-Immobilienchef Jörg Michalek. Bis 2019 sollen an den Standorte 200 Wohnungen über neuen Supermärkten entstehen, 30 Prozent davon als Sozialwohnungen.

Bis 2030 müssen in Berlin mindestens 194.000 neue Wohnungen gebaut werden. Doch Bauland dafür wird immer knapper. Der Senat hat auf seiner Klausurtagung beschlossen, einen Fonds in Höhe von 150 Millionen Euro für Grundstücksankäufe aufzulegen. Aber auch bebaute Grundstücke geraten immer stärker in den Blick für Neubauprojekte. Die „Untersetzung von Grundstücken“, so der Fachjargon, betrifft vor allem Discountmärkte mit großen Parkplätzen und eingeschossige Gewerbebauten, die nach dem Krieg auf Brachen entstanden sind. Senat und die innerstädtischen Bezirke dringen schon länger auf eine bessere, multifunktionale Ausnutzung von Flächen, scheitern aber oft an den Eigentümern, die funktionierenden Märkte ungern abreißen.

Jetzt hat sich überraschend Aldi-Nord aus der Deckung begeben. Auf einer Pressekonferenz – der zweiten von Aldi-Nord überhaupt – kündigte der Discounter Wohnungsbau an. Aldi möchte seine Märkte modernisieren, freundlicher – auch mit höheren Decken – gestalten und vergrößern. Daher muss in vielen Fällen ohnehin neu gebaut werden – und ein paar Wohnetagen einzuplanen. Bei den Bezirken laufe man mit diesem Vorschlag offenen Türen ein, sagte Aldi-Immobilienchef Jörg Michalek. Weil die Stadt wächst, will Aldi mitwachsen. Und neue Märkte wird es nach dem klassischen Satteldach-Muster nicht mehr geben.

Lebensmitteldiscounter hilft Senat aus der Patsche

Der Grünen-Abgeordnete und Bauexperte Andreas Otto begrüßte die Initiative. „Endlich macht ein Supermarktbetreiber Ernst. Seit mehreren Jahren ist das bündnisgrüne Forderung.“ Otto mahnt an, auch bei Schulbauten eine effizientere Nutzung einzuplanen. „Wir wollen die Mischung beispielsweise mit Studentenwohnungen, Ateliers auf dem Dach oder dem Kiezzentrum mit Bibliothek.“ Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Wegner begrüßte die Aldi-Wohnungen, übte aber gleichzeitig Kritik am Senat: „Es ist bezeichnend, dass ein Lebensmitteldiscounter dem rot-rot-grünen-Senat aus der Patsche helfen muss, weil dieser mit den eigenen großen Bauvorhaben nicht vorankommt.“

In der Koalition gab es eine deutliche Missstimmung, was die Umsetzung der Wohnungsbauprojekte betrifft. Die SPD–Fraktion beschloss sogar, eine Lenkungsgruppe unter Federführung des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) einzusetzen. Diese wird jetzt zwar eingesetzt, aber nicht im Roten Rathaus, sondern bei der Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). Die noch von Müller als Stadtentwicklungssenator eingerichtete Wohnungsleitstelle wurde von zwei auf zehn Mitarbeiter aufgestockt. Diese soll zunächst Konflikte bei Bauprojekten lösen. Sollte das nicht gelingen, wird ein Steuerungskreis auf Staatssekretärsebene einberufen. Allerdings sagte Müller auch, er habe in diesem Fall seine „Unterstützung“ angeboten. Es helfe doch auch, wenn Runden im Roten Rathaus stattfänden. „Das Angebot steht.“

Der Regierende Bürgermeister machte auch sehr deutlich, was er von Lompscher jetzt erwarte. „Ich erwarte, dass die Senatorin auch Fristen setzt.“ Diese sollen auf allen Verwaltungsebenen eingeführt werden, die mit der Umsetzung von Bauvorhaben und Projekten zu tun haben. Lederer sagte, für die Umsetzung würden alle Ebenen Verantwortung tragen. Er gestehe zu, dass es „manchmal Blockadesituationen“ gebe. Und dass es in puncto Wohnungsbau einen Konflikt zwischen SPD und Linken gegeben, wies Lederer vehement von sich. Das sei nur „Pillepalle“.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) betonte, Wohnungsbau sei eine der größten Herausforderungen. Bisher gebe es noch keine „strukturierten Verfahren“. Und diese seien angesichts des Zuzugs von jährlich 50.000 bis 60.000 Neu-Berlinern notwendig. Pop hält die Einsetzung eines Steuerungskreises auch für wichtig. Bei der Entwicklung von Bauprojekten müssten auch immer Mobilitätskonzepte berücksichtigt werden.



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