Doku "Back to the Fatherland" : Zurück zu Omas Wurzeln

Der Film erzählt Familiengeschichten von Israelis, die in Berlin leben. So auch die des Bildhauers Dan Peled aus dem Bergmannkiez.

"Warum Deutschland?" fragt die Großmutter ihren Enkel. Sie floh 1938 nach Palästina. Ihr Enkel geht den umgekehrten Weg.
"Warum Deutschland?" fragt die Großmutter ihren Enkel. Sie floh 1938 nach Palästina. Ihr Enkel geht den umgekehrten Weg.Foto: promo

Ungefähr 20.000 Israelis leben in Berlin. 80 Jahre nach der Reichspogromnacht und 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist das eigentlich nichts Besonderes mehr. Viele von ihnen haben Großeltern, die aus Deutschland fliehen mussten und die den Schritt der Enkel nicht nachvollziehen können.

Von diesem Generationenkonflikt handelt der Dokumentarfilm „Back to the Fatherland“, der diesen Donnerstag in die Kinos kommt. Darin geht es um Geschichten von jungen Israelis, die nach Deutschland oder Österreich ziehen – in die Länder, wo ihre Familien verfolgt und getötet wurden.

„Warum ausgerechnet Deutschland?“, hat auch Lea Ron Peled ihren Enkel Dan gefragt, als er ihr sagte, dass er nach Deutschland gehen werde. Dan Peled ist Bildhauer im Bergmannkiez und einer der drei Protagonisten des Films. Er steht in einem Atelier am Marheinekeplatz, gerade hat er hier mit einer Fotografin eine kleine Ausstellung eröffnet. Die Herbstsonne strahlt seine Bronze-, Gips- und Ton-Skulpturen an. Wenn Peled – runde Brille, dunkles Haar – über seine Kunst spricht, formt er jeden Satz mit seinen kleinen Händen, als seien es Skulpturen.

Dan Peled zog vor drei Jahren nach Berlin

Also warum in das Land gehen, das für den Tod von sechs Millionen Juden verantwortlich war? Er wollte einfach raus aus Israel, sagt Peled. „In Israel herrscht teilweise Apartheid“, sagt er in Bezug auf die Palästinensergebiete. „Je länger ich da blieb, desto mehr machte ich mich selbst zum Täter. Daher musste ich fliehen.“ Das tat er 2012. Peled setzte sein Kunststudium in Halle fort und zog vor drei Jahren nach Berlin. Die Stadt habe eine „Persönlichkeit“ und sei günstig. Über die Vergangenheit seiner Vorfahren habe er sich zunächst wenig Gedanken gemacht.

Den fast umgekehrten Weg ging vor 80 Jahren seine Großmutter. Lea Ron Peled ist eine zärtliche alte Frau, die 1924 in Wien geboren wurde und im Film immer noch im schönsten Wiener Dialekt über ihre Heimatstadt spricht. 1938 musste sie fliehen, nachdem die Nazis die Macht übernahmen. Mit einem der letzten Transporte konnte sie nach Dänemark entkommen. Von dort gelang sie später nach Palästina.

Erst in Berlin beschäftigte er sich mit seiner Familiengeschichte

Erst seit er in Deutschland ist, hat er sich wirklich mit der Geschichte seiner Großmutter beschäftigt, erzählt Peled. Zusammen waren sie in Wien, haben die Wohnung ihrer Kindheit und ihre Schule besucht. „Warum hast du nie etwas darüber erzählt?“, fragt Peled sie im Film, als sie erstmals Deutsch miteinander sprechen. Seine Großmutter erwidert: „Vielleicht hast du nicht gefragt.“

Die richtigen Fragen stellen ist das eine, überhaupt eine zu stellen, das andere. In Israel, wo die Generation der Holocaust-Überlebenden immer kleiner wird, gilt das besonders. Zwar ist die Shoah nach wie vor identitätsstiftend für die israelische Gesellschaft – es gibt unzählige Gedenkstätten, jeder Israeli fährt mit der Schule einmal nach Auschwitz, am Holocaustgedenktag im Mai hält das ganze Land zwei Minuten inne – doch sprechen die Älteren wenig über ihre europäischen Wurzeln. Dieses Schweigen wollen viele Jüngere aufbrechen.

„Wir sehen uns immer als Opfer“, sagt Peled. Es sei aber wichtig, sich mit dem was war auseinanderzusetzen. Israel sei ein neues Land gewesen, das eine neue Kultur brauchte. „Jeder hat Gefühle und Gedanken. Wir Israelis wissen aber nicht, woher sie kommen.“ Ein Blick zurück sei da umso wichtiger.

Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht in der Kunst

Peled tut dies mit seiner Kunst. Zu dieser kam er durch seine Großmutter, die selbst malte und im Alter von 85 Jahren ihre erste Ausstellung eröffnete. Ihre leise, aber klare Art habe ihn geprägt. Vor zwei Jahren, kurz vor der Fertigstellung des Films und der Geburt von Dan Peleds erstem Kind, ist sie gestorben. „Wir waren sehr eng. Sie hat mich stark beeinflusst.“ Ihre Fluchterfahrungen und die anderer Flüchtlinge hat er in der Bronze-Skulptur „Der Emigrant“ einfließen lassen, die am Marheinekeplatz ausgestellt ist.

Für Peled ist es Zeit weiterzuziehen. Berlin sei zu teuer geworden. „Die coolen Leute können hier nicht mehr leben.“ Wohin es geht, weiß er noch nicht. Israel sei keine Option. „Da gibt es keinen Platz mehr für mich.“

„Back to the Fatherland“. Termine: www.backtothefatherland.de/screening. Gespräch mit den Regisseurinnen Kat Rohrer und Gil Levanon sowie Dan Peled: Sonntag, 18 Uhr, Central Kino, Rosenthaler Straße 39. Ausstellung: Dieses und nächstes Wochenende im Atelier im Blauen Haus, Mittenwalder Straße 32.

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