Doku über Excelsior-Hochhaus in Kreuzberg : „Es pumpt und dröhnt und arbeitet“

Früher Standort eines legendären Hotels, heute das Zuhause Hunderter Menschen: Erik Lemke hat eine Doku über das Excelsiorhaus in Kreuzberg gedreht.

Karim El-Helaifi
Nachbar Norbert beschwört Geister im Excelsior-Hausflur.
Nachbar Norbert beschwört Geister im Excelsior-Hausflur.Foto: Promo

Herr Lemke, Sie haben einen Dokumentarfilm über das Excelsior-Hochhaus am Anhalter Bahnhof gedreht – eine „Wohnmaschine“ wie bei Le Corbusier. Warum?

Ich finde es faszinierend, wie so viele Menschen gleichzeitig übereinander wohnen können, Lebensgeschichten hinter jeder der über 500 Wohnungstüren. Da passt das Wort „Maschine“ gut, denn so ein Haus pumpt und dröhnt und arbeitet ständig, um das zu bewältigen. Dass von allen Hochhäusern das Excelsior Gegenstand meines Films geworden ist, liegt sicher daran, dass ich darin wohne.

Dort tragen sich skurrile Szenen zu. In einer geht Ihr Nachbar mit ausgestreckten Armen durch die giftgrünen Gänge des Hauses. Was hat das zu bedeuten?

Norbert glaubt, mit diesem Ritual den Geist eines Ermordeten im 14. Stock zu befreien. Ein Pendel zeigt ihm an, dass die Energien jetzt gut seien. Ironischerweise hört man in diesem Augenblick aggressives Brüllen im Hintergrund. Da dachte ich, das nimmt uns keiner ab, dass wir das nicht manipuliert haben.

Lebt es sich gut im Excelsior?

Im Gegensatz zur Entstehungszeit 1968 liegt das Haus seit dem Mauerfall sehr zentral, was reizvoll für mich war. Die geringe Wohnungsgröße fällt nicht so auf, wenn man über der Stadt thront. Mein Co-Autor und Kameramann André Krummel scherzt immer: Keine Perspektive im Leben, aber ein schöner Ausblick aus dem zehnten Stock. Früher hatte ich einen Nebenjob in der Solar Sky Lounge im Dachgeschoss. Das Schleppen der Bierkästen habe ich für mich als Filmrecherche gerechtfertigt.

Der Lebenskünstler Richard ist eine Vaterfigur im Haus. Ist so jemand wichtig für den sozialen Kitt oder bleiben die meisten Bewohner ohnehin anonym?

Wenn es im Haus so etwas wie eine Gemeinschaft gibt, ist Richard ein Teil davon. Wann immer einer Hilfe brauchte, war Richard zur Stelle. Ob als Firmencoach, Fotograf oder PR-Berater – er traut sich alles zu und betrachtet das Haus als sein „vertikales Dorf“. Sonst gehen die Gespräche aber über ein „Guten Tag“ im Fahrstuhl nicht hinaus. Besonders stolz scheint niemand zu sein, im Excelsior zu wohnen. Einige sagen, hier sei nur ihre Zweitwohnung. Stimmt fast nie.

Kann man sagen, dass das Excelsior-Haus eine Art konzentrierter Berliner Mikrokosmos ist?

Die meisten Hochhaus-Dokus erzählen von sozialen Brennpunkten, aber hier ist die Mieterstruktur gemischt. „Berlin Excelsior“ ist ein Film über die Mitte der Gesellschaft, über dich und mich. Es kommen Niederländer, Italiener und Schwaben vor. Im 17. Stock befindet sich die Dach-Bar, wo sich während der Berlinale die Hollywood-Prominenz tummelt. Unten gibt es einen Discounter und Obdachlose erleichtern sich im Treppenhaus. Ja, das ist Berlin.

Das Haus befindet sich nicht weit vom Potsdamer Platz. Sind Mietsteigerungen und Gentrifizierung ein Thema?

Durch einen Freund, der in Pankow lebte, weiß ich, was Gentrifizierung ist. Bei uns gibt es trotz steigender Mieten noch keine existenzbedrohlichen Zustände.

An diesem Ort stand vor dem Zweiten Weltkrieg das gleichnamige Hotel, seinerzeit eines der größten in Europa. Spielt das im Film eine Rolle?

Ein Ausschnitt aus einem alten „Abendschau“-Bericht deutet auf das legendäre Hotel Excelsior hin. Dessen Name lastet auf dem heutigen Bau wie ein Fluch, weil der ihm einfach nicht gerecht werden kann. Überhaupt setzt die Welt außerhalb des Hauses hohe Maßstäbe, an denen sich die Protagonisten orientieren. Michael etwa filmt Tutorials zum Thema „Wie man bei Jungs landen kann“. Als Escort-Boy hatte er ein schönes Leben an der Côte d'Azur. Das will er zurück. Dem Spannungsfeld zwischen Träumen und Alltag scheinen Haus und Menschen gleichermaßen ausgesetzt zu sein.

Wie haben Sie die Protagonisten überzeugt, so viel Privates vor der Kamera preiszugeben?

Ich habe mich mit jedem getroffen, der dazu bereit war. Von allen 84 Menschen, die wir gefilmt haben, sind jetzt 40 im Film. Drei sind zu Hauptfiguren geworden. Wenn André Krummel und ich zum Dreh in eine Wohnung kamen, blieb es sehr überschaubar und schwer vorstellbar, dass die Dinge, die im kleinen Kreis passieren, später bundesweit über die Leinwände flackern. Also gibt es keine große Scham. Interessanterweise ist die Filmvorführung am Ende auch viel weniger schlimm, als es sich die Protagonisten vorstellen. Sie spüren die Dankbarkeit und Wertschätzung, die ihre Offenheit bei anderen auslöst.

Haben Sie auch mal in die Handlung eingegriffen, um bestimmt Bilder zu bekommen?

Da wir nicht ständig zur Stelle sein konnten, habe ich natürlich Drehtermine vereinbart. Schwierig wurde es bei Michael, zu dessen Leben spontane Sex-Dates gehören. In dem Fall bin ich selbst losgezogen und habe jemanden gesucht, der für Michael attraktiv sein könnte und bereit ist, sich filmen zu lassen. Wir haben nur Szenen gedreht, die sich ohnehin im Leben der Protagonisten abspielen würden.

Wann waren Sie besonders nah dran?

Claudia hat mich sehr berührt. Ihre Bühnenprägung und Disziplin verbieten es ihr, Einblicke in ihr Seelenleben zu offenbaren. Als Revue-Tänzerin im Pariser Lido und im Berliner Friedrichstadt-Palast ist man entweder jung oder man ist raus. Sie hat das im persönlichen Gespräch messerscharf analysiert, leider nicht im Film. Diese Grenze muss man akzeptieren und so bleibt ihre Geschichte in gewisser Weise ein Geheimnis.

Die Kamera erscheint im Film wie unsichtbar. Verraten Sie uns Ihren Trick?

Mit leichtem Equipment und ohne zusätzliches Licht. Ich nehme den Ton auf, André das Bild. Er wechselt innerhalb kürzester Zeit die Position, sodass der Film wirkt, als wäre mit mehreren Kameras gedreht worden. André wusste genau, wie ich das schneiden werde. Er ist selbst auch Cutter und kann deshalb mitdenken. Ein Muss für einen Kameramann.

Was ist für Sie die Botschaft von „Berlin Excelsior“?

Ich fühle mich meinen Protagonisten verbunden, weil sie an eine glücklichere Zukunft glauben und darüber hinwegsehen, wenn nicht alles rosig ist. Oft scheint es so, als stecke ihr Leben in der Warteschleife. Doch das heißt, dass sie nicht nur am Ende eines Lebensabschnitts stehen, sondern auch am Anfang.

Unter anderem im fsk Kino am Oranienplatz, Vorführungen dort vom 10. bis 14 Dezember.

Erik Lemke, 35, lebt seit 2010 als freier Regisseur in Berlin. „Berlin Excelsior“ ist sein erster dokumentarischer Langfilm.

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