Drei bis fünf Tiere leben in der Mark : Elch-Sichtungen in Brandenburg nehmen zu

Die Zahl der Sichtungen von Elchen im Berliner Umland steigt. Doch für die großen Hirsche ist Brandenburg inzwischen schwieriges Terrain.

Licht und Schatten. Diese Elchkuh im Wildpark Schorfheide muss zumindest keinen Autoverkehr fürchten.
Licht und Schatten. Diese Elchkuh im Wildpark Schorfheide muss zumindest keinen Autoverkehr fürchten.Foto: Patrick Pleul/dpa

Brandenburg wird immer wilder, zumindest in tierischer Hinsicht. Während sich in mehreren Landkreisen Wolfsrudel etabliert haben und Biber die Flussufer einschließlich der Hochwasserschutzdeiche bearbeiten, häufen sich nun auch die Elchsichtungen.

Allein in diesem Jahr seien dem Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde vier Tiere gemeldet worden, sagte Kornelia Dobiás, Leiterin der Forschungsstelle für Wildökologie, der Nachrichtenagentur dpa. Die Vertreter der weltweit größten Hirschart seien im Landkreis Barnim sowie in den Landkreisen Potsdam-Mittelmark, Teltow-Fläming und Oder-Spree unterwegs gewesen.

In den neunziger Jahren waren etwa drei Meldungen pro Jahr üblich; seitdem steigt die Zahl. Die Wissenschaftlerin Dobiás geht davon aus, dass die Zahl der aus Polen zuwandernden Tiere steigen wird. Erfahrungsgemäß schwimmen sie durch die Oder nach Deutschland – oft auf der Suche nach neuen Revieren, weil der Bestand in Polen wächst. Bislang gebe es aber keinen Nachweis, dass sich Elche dauerhaft in der Mark angesiedelt hätten.

„Wir gehen davon aus, dass gegenwärtig drei bis fünf Elche durch Brandenburg streifen, sich hier eine gewisse Zeit aufhalten und dann weiter westwärts oder zurück nach Osten wandern“, sagte Dobiás. 2018 sei ein junger Elchbulle in Südbrandenburg mit einem Senderhalsband ausgestattet worden. Zurzeit sei er im Naturpark Nuthe-Nieplitz südwestlich von Berlin unterwegs.

Im vergangenen Jahr wollte das Land seinen Elch-Managementplan als Leitfaden zum Umgang mit zugewanderten Elchen überarbeiten – was aber „aufgrund aktueller Entwicklungen“ dann doch nicht passierte, wie es auf der Internetseite des Potsdamer Umweltministeriums heißt.

Weiter steht dort: „Dieser Elch-Managementplan dient ausdrücklich nicht dazu, eine Ansiedlung von Elchen aktiv zu befördern.“ Denn mit den großen Hirschen, die auf der Roten Liste für Deutschland in der Kategorie „Ausgestorben“ stehen, sei „ein besonderes Konfliktpotenzial verbunden“.

50 Kilogramm Grünzeug fressen Elche täglich

Ein Problem sind die Schäden, die eine größere Elchpopulation in den Wäldern verursachen würde: Die großen Hirsche fressen im Sommer täglich bis zu 50 Kilogramm Grünzeug – je nach Jahreszeit am liebsten frisches Laub, für das auch gern gleich der ganze Jungbaum umgerissen wird.

Ein solcher Angriff auf junge Laubbäume würde den Umbau der bisher von Kiefern dominierten Brandenburger Forste zu widerstandsfähigeren Mischwäldern erschweren – oder Waldbesitzer zur Installation übermannshoher Zäune zwingen. Und Landwirte müssten mit Schäden auf den Äckern rechnen, denn Elche mögen fast alle hiesigen Feldfrüchte. In Schweden, wo schätzungsweise 300.000 Elche leben, werden jedes Jahr fast 100.000 Tiere geschossen, um die Bestände zu regulieren.

Dass schwedische Autos schon vor Jahrzehnten als besonders sicher galten, hat ebenfalls mit den Elchen zu tun – und führt zum Hauptproblem, das sich im vergleichsweise dicht besiedelten Deutschland mit einer größeren Elchpopulation ergäbe: Die Tiere sind nicht kompatibel mit dem deutschen Straßenverkehr. Da sie nicht besonders gut sehen können und – abgesehen von Wolfsrudeln – praktisch keine natürlichen Feinde haben, bringen sie sich auch vor Autos nicht unbedingt in Sicherheit.

Elche suchen Salzquellen – und finden häufig Tausalz

Und wenn es kracht, sind die bis zu 500 Kilogramm schweren Tiere besonders gefährliche Unfallgegner. Erhöht wird das Risiko durch ihre langen Beine, die den Körper beim Zusammenstoß mit einem Auto nicht auf die Motorhaube, sondern just in den Bereich der Frontscheibe kippen lässt, was für die Insassen lebensgefährlich werden kann. Im Winter ist das Risiko besonders groß, weil Elche auf der Suche nach Salzquellen gern die mit Tausalz behandelten Straßen frequentieren.

Sowohl vor als auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Versuche, zwischen Berlin und Ostsee Elche anzusiedeln, zuletzt 1965 in der Schorfheide. Allerdings scheiterte das Vorhaben, weil Krankheiten die Tiere dahinrafften. Ab 1982 wurden Neuankömmlinge in der DDR sogar gezielt erlegt – mit der Begründung, ihre Ausbreitung und damit verbundene Schäden zu verhindern. Seit der Wende dürfen sie nicht mehr gejagt werden.

Geht man nach den Meldungen der vergangenen Jahre, scheinen sich Elche zwischen dem östlichen Berliner Umland und Frankfurt (Oder) am ehesten anzusiedeln – mit einem Schwerpunkt um das auf halber Strecke gelegene Fürstenwalde. Im September 2012 bezahlte ein junger Elchbulle einen Ausflug auf dem östlichen Berliner Ring bei Erkner mit dem Leben, der Autofahrer erlitt schwerste Verletzungen.

Es braucht mehr Querungsmöglichkeiten in Form von Brücken

Laut Managementplan lebte das Tier zuvor wochenlang in der Gegend. Fachleute vermuten, dass die Elche uralten Wechseln folgen – und an den Autobahnen, die Brandenburg nun durchziehen, scheitern. Ein Ausweg könnten mehr Querungsmöglichkeiten in Gestalt von Wildbrücken sein.

Wer gefahrlos Elche erleben will, hat in den Wildparks gute Chancen. Das gilt insbesondere für die relativ übersichtliche Wildtierfarm von Thomas Golz in Kleptow im äußersten Nordosten des Landes. Der Hirschzüchter und Wildtierhändler nahm Elche 1996 eher zufällig in sein Portfolio auf, nachdem ein Kunde zwei bestellte Elchkälber nicht bezahlte.

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Das Veterinäramt verordnete Golz daraufhin höhere Zäune, und in der Gegend sprach sich die Attraktion so weit herum, dass Golz seinen Zuchtbetrieb für Publikumsverkehr erweiterte. Golz arbeitet mit Zoos und Züchtern in ganz Europa zusammen. Sein Hauptgeschäft sind zwar Bisons und Damwild, aber beim Publikum gewinnen immer die Elche.

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