Drogenentzug in Brandenburg : Seine letzte Chance

Zuletzt wachte Carlos mit einer Überdosis in einer Klinik auf. Jetzt lebt er auf einem Bauernhof, ohne Wachleute und Gitter. Aber mit strengen Regeln.

Carlos braucht Disziplin, um das Jahr durchzuhalten.
Carlos braucht Disziplin, um das Jahr durchzuhalten.Foto: Thilo Rückeis

Patrick flucht, stöhnt, hat Kopfschmerzen. Der Rücken, die Arme, alles tut ihm weh. Dann diese heiße Sommersonne. So, als ob sie ihn bestrafen wolle. Überhaupt wollen ihn hier ja alle bestrafen. Warum sonst geben sie nur ihm die Aufgabe, diese Lehmerde von einer Ecke des Hofes in die andere zu karren? Zwei Wochen lang. Einen ganzen Berg. Er, alleine, nur mit einer Schubkarre, einer Schaufel und einem Stampfer. Dabei schießt ihm der Schweiß aus den Poren, läuft ihm in die Augen, in den Nacken, in die Arschritze. Doch mit dem Schweiß strömen auch die Drogen aus ihm raus, diese „ganze Chemie, die ich mir in die Fresse geballert habe“.

Während er schaufelt, schiebt und schleppt, denkt Patrick ans Aufgeben, einfach alles hinschmeißen und wieder ins Gefängnis zurück, in seine Einzelzelle. Da gibt es Zigaretten und Drogen und er hat seine Ruhe. Doch zum Glück ist da noch einer, auch ein Suchti, auch ein Knacki, der läuft neben ihm her, und immer wenn es am schlimmsten wird, wenn der Frust und die Wut in ihm aufbrodeln, sagt er: „Hör auf zu lamentieren. Hör auf, dich zu bemitleiden. Mach einfach.“

Der schwerste Kampf ihres Lebens

Und Patrick macht. Aber nicht einfach. Einfach gibt es hier nicht. Auf dem Gut Neuhof kurz hinter Berlin. Da, wo die Straßen immer schmaler werden, kleine Windsandhosen über die Felder taumeln und die vielen Windräder sich drehen und drehen, Tag und Nacht, ohne Pause. „Resozialisierung“ und „Suchthilfe“ heißt das, was die Männer hier durchstehen. Übersetzt bedeuten diese beiden Wörter, dass sie den schwersten Kampf vor sich haben, den sie in ihrem Leben führen werden. Den gegen sich selbst und gegen die erst lockende, dann fordernde und schließlich schreiende Stimme im Kopf: Noch ein Mal. Ein letztes Mal nur. Trinke, spritze, inhaliere, schniefe, schmeiß es dir rein. Nur noch ein Mal dieses Glück spüren, das dich durchdringt, das in dir drin glüht, heller als jede Sonne. Nur noch ein Mal. Bitte.

Sie sollen lernen, nicht auf die Stimme in ihrem Kopf zu hören

Es ist diese Stimme, die einen, Carlos heißt er, das Messer zücken ließ, um es der Kioskbesitzerin vor die Augen zu halten. Es ist die Stimme, die ihn später aus der Wohnung gehen ließ. Noch vor der Arbeit. Die Kinder schlafen, liegen im Bett, ein letzter Blick. Schnell zum Kottbusser Tor, ein Kügelchen in Alufolie kaufen. Feuerzeug, Löffel, Zitronensäure, Nadel, Vene. Und das, obwohl die Frau ihm gesagt hat, noch ein Mal und ich gehe.

Das ist die Stimme in Carlos, in Patrick und in den Köpfen der anderen. Auf Gut Neuhof sollen sie lernen, ihr nicht mehr zuzuhören, bis sie leiser wird und schließlich verstummt. Ein Jahr haben sie dafür. Sie: Das sind Carlos und Patrick und acht weitere Männer, zwischen 20 und 40 Jahren alt, süchtig. Viele mit Knasterfahrungen, wegen Raub, Körperverletzung, Drogenhandel, Einbruch. Zwei mit Psychosen und Medikamenteneinstellungen.

Wer hier ankommt, muss eine Liste unterschreiben. Darauf stehen die Regeln. Sie sind das Rückgrat des Hofes und helfen den Männern, stark zu bleiben, die Therapie nicht abzubrechen. Hier gibt es keine Wächter und kein Tor, das verschlossen wird, keine Kameras und keine elektronischen Fußfesseln. Wer sich an die Regeln hält, darf bleiben. Wer sie bricht, muss gehen. Da gibt es keine Diskussion.

Ein Jahr lang: keine Drogen. Kein Alkohol. Keine Zigaretten. Kein Internet. Kein Computer. Kein Smartphone. Keine Anrufe. Kein Bargeld. Briefe darf man schreiben und bekommen. Päckchen auch, die werden aber kontrolliert.

Das Gelände darf in den ersten drei Monaten gar nicht verlassen werden, außer es geht zum Arzt oder zum Therapeuten.

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