Ehrenamtliches Engagement : Berlinerin bringt Kindern in Nepal das Tanzen bei

Mit ihrem Verein „Aktiv in Nepal“ sorgt Wilma Mohr für benachteiligte Kinder aus armen Familien - begonnen hat dies alles mit Tanzstunden.

Wilma Mohr mit einigen der Straßenkinder, die sie dank Tanzunterricht bei der Konzentration für die Schule fördert.
Wilma Mohr mit einigen der Straßenkinder, die sie dank Tanzunterricht bei der Konzentration für die Schule fördert.Foto: privat

Irgendwann Ende 2008, als sie sich am Boden fühlte, da sagte Wilma Mohr diesen Satz. Die Diplom-Volkswirtin fühlte sich aus ihrem Job als Leiterin der Sozialverwaltung Darmstadt gemobbt, mit 59 Jahren. Und Wilma Mohr suchte den Kontakt mit der großen Macht ganz oben. „Ich habe Wünsche ins Universum geschickt, es möge mir doch einen Platz geben, an dem ich gebraucht werde.“

Sie hat diesen Platz gefunden. Und an einem heißen Tag im Sommer 2019 sagt Wilma Mohr: „Etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren.“

Dieser Platz ist eine Tanzschule in Hetauda, einer Provinzstadt in Nepal. Ein Jugendlicher tanzt dort, in einer schwarzen Trainingshose mit roten Seitenstreifen und begeistertem Ausdruck. Auch ein Kind wirbelt auf der Tanzfläche, auch mit breitem Grinsen. Die Szenen stehen für das neue Leben der Wilma Mohr aus Berlin, Symbole des Engagements der promovierten Volkswirtin.

„Aktiv in Nepal“, das ist der Verein, den ihr damaliger Mann gegründet hatte und den sie heute als Vorsitzende führt. „Kinder und Jugendliche in Nepal aus der Armut und der sozialen Tristesse holen“, das ist das Ziel des Vereins. Und dafür sammelt er Spenden.

Die tanzenden Kinder sind auf Fotos zu sehen, die in dem Buch gebündelt sind, das Wilma Mohr in einem Café in Tempelhof durchblättert. Sie selbst ist auch auf den Fotos, in den Armen hält sie ein lächelndes Kind. Die Tanzschule bildet einen wichtigen teil der Vereinsarbeit.

Bei einem Picknick in Nepal tanzten vor ihr plötzlich Kinder

2009 kam Wilma Mohr nach Nepal, sie hatte sich auf eine Anzeige des „Deutschen Entwicklungsdienstes“ (DED) beworben. Der DED suchte für Hetauda eine Verwaltungsexpertin. Bei einem Picknick tanzten vor ihr plötzlich elegant Kinder, zwischen fünf und zehn Jahre alt. „Was sind das für Kinder", fragte sie ihre Begleiter. Es waren ehemalige Straßenkinder, die jetzt in einem Haus lebten, mit Essen und sauberen Kleider und einen Fernseher. Ein Lehrer hatte sie von der Straße gerettet.

„Diese Kinder benötigen Tanzunterricht“, dachte Wilma Mohr. Sie kannte einen Tanzlehrer mit eigener Tanzschule. Aber er lebte vom Unterricht, kostenlos konnte er nicht ausbilden. Also musste Wilma Mohr Spendengelder besorgen. In Deutschland gründete ihr Mann deswegen 2010 den Verein „Aktiv in Nepal“ und sammelte Geld, erstmal in der Familie, bei Freunden und Kollegen. Und dann hatte Wilma Mohr auch mitbekommen, dass die Kinder in der Schule nicht vernünftig gefördert werden. Also organisierte sie eine Lehrerin, die den tanzenden Kindern Nachhilfeunterricht gab. Diesen Unterricht bezahlte der Verein drei Jahre lang.

Nächstes Projekt des Vereins: Wilma Mohr lernte einen Lehrer kennen, der das Projekt „eduvision“ gegründet hatte. Auch er gab Nachhilfe. 20 Kinder aus armen Familien lernten bei ihm nach der Schule. Der Verein bezahlte Schulbücher, Computer und den Bus für Ausflüge. Jedes Kind hatte einen Sponsor, der Geld für die Ausbildung überwies.

Engagement mit großem Erfolg

Der Erfolg ist überragend. Inzwischen studiert die Hälfte der geförderten Kinder. Diese zehn Studenten haben immer noch einen persönlichen Sponsor. Doch die Kosten sind in die Höhe geschnellt. Studiengebühren, Essen, Unterkunft, maximal 1500 Euro pro Jahr und Person werden gebraucht. Nicht alle Sponsoren haben so viel Geld. Auch für diese Unterstützung sucht der Verein noch Spender. In der Tanzschule werden nach wie vor Straßenkinder unterrichtet. Allerdings sind nicht mehr alle Kinder, die Wilma Mohr damals beim Picknick kennenlernte, dabei.

Die meisten sind aus Altersgründen gegangen. Dafür kamen neue, so dass stets 20 Kinder unterrichtet werden, an sechs Tagen in der Woche. Der Verein bezahlt diesen Unterricht, in der Regel mit 1600 Euro im Jahr. Manchmal kommen auch 2000 Euro zusammen. Mit den Mitgliedsbeiträgen finanzierte „Aktiv in Nepal“ aber auch einen Kühlschrank und einen Wasserfilter. Durch den Filter ist ständig frisches Wasser vorhanden. Nun sind die Lehrer nicht mehr auf Mineralwasser-Lieferungen angewiesen. Allerdings sind durch die Kühlschränke die Stromkosten gestiegen. Die Kinder leben immer noch in dem Haus, das der Lehrer eingerichtet hat.

[„Aktiv in Nepal“, c/o Dr. Wilma Mohr, Albrechtstrasse 108, 12103 Berlin, Mail: AktivInNepal@gmx.de. Die Bankverbindung für Spenden wird auf Wunsch zugesandt.]

Ein Problem ist aber das unzureichende Essen nach dem Tanzunterricht. Der beginnt um 6 Uhr, danach gibt’s als Frühstück meist nur schwarzen Tee und Biskuits. Das ist nach einem anstrengenden Training viel zu wenig. Doch für ausreichend Essen fehlt das Geld. Auch deshalb bittet der Verein um Mithilfe. Aber derzeit fehlt noch Geld für etwas anderes. In Nepal hat es im Juli sehr stark geregnet. Dadurch stand das Tanzstudio unter Wasser und muss jetzt wieder kostspielig saniert und renoviert werden.

Der Tanzunterricht hat enorme positive Folgen. „Die Kinder lernen sich zu disziplinieren, das hilft ihnen in der Schule“, sagt Wilma Mohr. Vor allem verbessern sie durch ihre öffentlichen Tanzauftritte das Image von Straßenkindern. „Die Leute sehen, was die Kinder können, deren Akzeptanz wird viel größer. Das sind nicht mehr die Schmuddelkinder.“ Die Polizei bringt Straßenkinder, die sie abends aufgreift und deren Eltern nicht auszumachen sind, jetzt zum Hostel zu den Tanzkindern. Wilma Mohr kann eine Erfolgsmeldung verkünden: „Die Zahl der Straßenkinder ist in Hetauda signifikant zurückgegangen.“

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