Ein Berliner Christkind : Was es wirklich bedeutet, an Heiligabend Geburtstag zu haben

Am 24. Dezember geboren zu sein, ist es nicht ein Horror? Im Gegenteil, sagt der Schauspieler Bernd Michael Lade. Er findet: Es ist ein Geschenk fürs Leben.

Doppelt in Stimmung: Schauspieler Bernd Michael Lade.
Doppelt in Stimmung: Schauspieler Bernd Michael Lade.Foto: Thilo Rückeis

Von Anfang an in Konkurrenz mit Jesus? Mit dem Erlöser? Mit der folgenschwersten Geburt des Christentums? Das möchten viele Eltern ihren Kindern ersparen. Wenn es nur irgendwie geht, wollen sie vermeiden, dass ihr Kind Heiligabend geboren wird: Sie schicken Wünsche ans Universum, flehen Hebammen an, das Geburtsdatum zu verrücken, Kaiserschnitte werden möglichst vermieden.

Aber im Gegensatz zu all denjenigen, die bloß Angst vor diesem Geburtsdatum haben, hat Bernd Michael Lade, Schauspieler, ehemaliger Tatort-Kommissar, geboren in Ost-Berlin, am heutigen Heiligabend exakt 55 Jahre Erfahrung damit.

„Dieses Friedliche“, sagt Lade begeistert, „gleitet zwei Wochen vor Weihnachten in die hölzerne Sitzbank eines vietnamesischen Restaurants in Lichtenberg und zieht sich die Mütze mit den Ohrenklappen vom Kopf.“ So sieht also ein Berliner Christkind aus. Alles weiche zurück an diesem Tag, spricht es und die goldblonden Bartstoppeln tanzen beim Reden um seinen Mund: „Gewalt, Konflikte und Kriminalität sind heruntergedimmt.“ In Kriegen gebe es Feuerpausen. Die ganze Welt werde stiller und friedlicher. Sein Geburtstag ist ein Ausnahmezustand für die ganze Welt. Das sei einzigartig.

Bernd Michael Lades Mutter war jedenfalls am 24. Dezember 1964 im Ost-Berliner Krankenhaus im Friedrichshain um exakt 17.46 Uhr, also zur besten Bescherungszeit, von ihren Wehen erlöst. „Es war alles ganz ruhig“, das habe sie immer von seiner Geburt erzählt. Denn die Welt kam auch in der Hauptstadt der säkularen DDR zu dieser Zeit zum Stillstand. Glitt in diese mit Händen zu greifende, spezifische Stille, die es nur einmal im Jahr gibt, und die für Bernd Michael Lade, so glaubt er heute, wesensbestimmend geworden ist.

„Du Armes“, bedauerte man das Kind unablässig und fügte an: „Nur einmal Geschenke!“ und: „Nie Kindergeburtstag!“. Immer das Gleiche, sagt Lade heute, immer nur diese zwei Argumente. „Es waren die einzigen zwei Sätze, die den Leuten einfielen.“ Und die natürlich nie umfassen konnten, was es wirklich bedeutet, ein Leben lang am Heiligabend Geburtstag zu haben.

Vormittags Geburtstag, nachmittags Weihnachten

Zunächst einmal machte er sich keine Vorstellung davon, wie magisch der Tag selbst war, weil die Eltern ihn zweigeteilt hatten: „Vormittags war Geburtstag, am Nachmittag war Weihnachten.“

Wenn er also im Schlafanzug aus seinem Zimmer kam, in der großen Altbauwohnung in der Rosa-Luxemburg-Straße, war dort sein Geburtstagstisch mit Geschenken und Kerze aufgebaut. „Und danach wurde alles immer einfach nur noch besser“, wenn gegen sechs Uhr abends die Glocke läutete in dem riesigen langen Flur, und dieser wunderbare Tag voller Familie und noch mehr Geschenken gar nicht aufhören wollte. „Meine Eltern haben immer darauf geachtet, dass ich zu Weihnachten genau so viele Geschenke bekam, wie mein Bruder – und die zum Geburtstag extra.“ Nie hatte er das Gefühl, weniger zu haben, im Gegenteil. „Ich wusste das ganze Jahr über: Zu Weihnachten gibt’s doppelt.“

Und dann der unterschätzte Ganzjahreseffekt: Bernd Michael Lade wurde die ganze Kindheit lang beim Arzt und überall, wo man seine Personalien aufnahm, begeistert mit „Schaut her, ein Christkind!“ begrüßt. „Es kam dazu, dass ich damals auch wie eines aussah, mit meinen langen blonden Locken.“ Dem Jungen, der später Schauspieler wurde, hat die Aufmerksamkeit gefallen. Da habe er sich immer als etwas Besonderes gefühlt.

Die Kindheit war nicht einfach

Es war nun wirklich nicht einfach in seiner Kindheit, seine Eltern trennten sich, wegen der locker sitzenden Hand seines Stiefvaters zog er mit zwölf Jahren zur Oma, er entwickelte ein nervöses Augenzucken, drum herum war DDR, dieser Staat, der sich als der eigentliche Erziehungsberechtigte aufspielte, aber so schlimm konnte es nicht sein, wenn man mit etwas so Eigenem, Besonderem gesegnet war. So empfand es Lade immer. Er fühlte sich von all dem Geschmückten, Festlichen, persönlich gemeint.

Das Gefühl, anders zu sein als seine Schulkameraden, hatte er ohnehin. Sein Opa betrieb einen Holz- und Kohlenhandel: „Willst Du Qual und Müh vermeiden, lass' Dein Holz bei Glogers schneiden.“ Auf seine Schule gingen die Kinder der zweiten Reihe der DDR Politprominenz, Söhne und Töchter von Ministerialbeamten. Doch Lades Eltern waren Gastronomen, die die „Restaurant-Etage“ im Haus des Lehrers am Alexanderplatz betrieben. Das habe die Familie schon einmal latent verdächtig gemacht. Sein Vater trug die Haare länger, zuhause lief West-Fernsehen, und die Lehrer, glaubt Lade heute, fühlten sich von ihm beobachtet, wenn sie an seinem Tresen tranken.

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Das Berliner Christkind wurde später eingezogen, wurde Bausoldat, las in dieser Zeit Orwells „1984“ und hat die Armee als Offizier wieder verlassen. Es feierte seinen Geburtstag bei der Oma, bei der Armee und später in der legendären Schauspielschule „Ernst Busch“. Von da an ging es bergauf.

„Jeden 24. war bei mir Fete“, das hatte sich dort so eingebürgert und so wurde sein Jahrestag von nun an immer zu einem ganz besonderen Fest. Alle kamen vorbei, auch die Lehrer, „und damit wurde ich voll entschädigt.“ Nicht, dass dort die Unzucht geherrscht habe, sagt Lade, man habe einfach ewig in seinem Zimmer gesessen und gequatscht: Der Staat, das Schauspiel und die Ideen von Heiner Müller. Es war großartig, dass man sich da gedanklich so austauschen konnte, sagt Lade. Und dass er die ruhigen Feste so liebe, „das liegt am 24.!“ glaubt er noch heute.

Im vereinten Deutschland bekannt als "Tatort"-Kommissar

Die Mauer fiel, Lade reiste und die offene Tür des Geburtstagskindes vom 24. Dezember blieb auch in den Jahren nach 1992 geöffnet, als Lade im vereinten Deutschland als "Tatort"-Kommissar bekannt und Anlaufstelle für weihnachtsmüde Kollegen wurde. „So viel Freude!“, sagt er. Und die Tür blieb noch offen, als er selbst Vater und die Familie immer größer wurde.

Kindergeburtstag? Nein, nie Kindergeburtstag. Für ihn gab es das nicht ein einziges Mal. „Es war ja niemand da von den Freunden.“ Doch er hatte schon damals nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlen würde, und auf ein ganzes Leben gerechnet schwinde die Bedeutung des Kindergeburtstages doch sehr.

Bernd Michael Lade ist in seinem Leben bislang selbst Vater von sechs Kindern geworden, bei vier Geburten war er dabei, und davon könne man eigentlich gar nicht genug haben. Er lebt heute in einer großen Patchworkfamilie, mit der Schauspielerin Maria Simon hat er drei Kinder, vor zwei Jahren sind sie aufs Land gezogen. „Irgendwann kommt man an den Punkt, dass man die eigenen, großen Kinder eventuell nur noch einmal im Jahr sieht, und darum froh um jeden Besuch sein muss“, sagt Lade. Doch an seinem Geburtstag werde keines die Ausrede haben, keine Zeit zu haben. Er wird am Geburtstag nie allein sein, immer umgeben von Familie. Irgendwer hatte es gut mit ihm gemeint.

"Jesus war Punk"

Sogar die Idee des Christlichen war eigentlich nie weg, sagt Lade. Sicher, als junger Mann in den 80er Jahren ging er nur in die Kirche, wenn er mit seiner Ost-Berliner Punk-Band dort spielen konnte. Aber über die Jahre hat wieder eine inhaltliche Annäherung stattgefunden. „Jesus war Punk“, sagt Lade heute, „so muss man das sehen.“ In dem Sinne nämlich, als er Autoritäten und alle Regeln in Frage gestellt hat.

Lade mag Jesus, Buddhismus und Aikido. Er sagt, „wir dürfen kein Geschwür sein für diese Erde, das ist ja ein Lebewesen.“ Man müsse aufeinander Rücksicht nehmen. Der Mann, den seine Oma am Bett das Vaterunser beten lehrte, spricht es heute wieder ernsthaft „wie ein Mantra, eine Meditation“. Und wenn alle nur diesen Text ernst nehmen würden, wäre die Menschheit ein Stück weiter. „Das Schwierigste ist die Vergebung“, sagt er. Ihm gefällt das Ritterliche daran.

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Lade ist weit davon entfernt, sich selbst als Erlöserfigur zu begreifen, aber den Wunsch, die Welt zu retten, kennt auch er. Eine konkrete Möglichkeit sei: Hanf. „Hanf wird die Welt retten“, sagt er, denn wenn Cannabis endlich einmal legalisiert sein wird, werde es das Leid auf Erden verringern und den Menschen schmerzlindernde Medizin sein.

Auf dem Brandenburger Lande, jetzt im dritten Jahr, ist Weihnachten immer ein paar Grad kälter als in Berlin und es kommen nicht mehr so viele Freunde einfach vorbei. Sie haben einen hübschen Plastikbaum, der schon ganz nachhaltig seit vielen Jahren dabei ist. Und die Stille, das Friedliche, das hat er dort auch. Dass er diesen Frieden so liebt - „das liegt am 24.12.“, sagt er. Was für ein Glückskind er doch ist, denkt er manchmal. Und das begann mit diesem kuriosen Geburtstag, einem unverdienten Bonus in seinem Leben, durch den er sich immer begünstigt gefühlt hat und der mit der Zeit immer wertvoller wurde. Ist nicht dieses Datum selbst das beste Geschenk?

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