Labor für Start-Ups und Konzerne

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Ein Kurs ins Chaos? : Wie Berlin zum Labor für neue Mobilität werden soll
Jana Kugoth
Das Smartphone ist zum wichtigen Bewegungsfaktor geworden.
Das Smartphone ist zum wichtigen Bewegungsfaktor geworden.Foto: Lino Mirgeler/dpa

Es ist ein Kultobjekt: das Sportcoupé DeLorean, bekannt aus der Kinofilm-Trilogie „Zurück in die Zukunft“. Heute gibt es davon weltweit noch rund 4000 Stück. Eines der begehrten Fahrzeuge steht in einer Werkstatt im Ullsteinhaus in Berlin-Tempelhof. Programmierer und Ingenieure wollen den Wagen in eine elektrische und autonome Version verwandeln. „Das Projekt zieht Talente an, die Unternehmen auf dem Arbeitsmarkt über Stellenausschreibungen nicht finden“, sagt Timon Rupp.

Rupp ist Geschäftsführer von The Drivery, einem „Marktplatz für Mobilitätsinnovationen“, finanziert vom Automobilzulieferer Hella. Mit Projekten wie „E-Lorean“ will Rupp Gründer, Start-ups und IT-Spezialisten in die Drivery locken. Wo früher Verlage ihren Sitz hatten, soll künftig auf zwei Stockwerken und insgesamt 10 000 Quadratmetern die Mobilität von morgen entwickelt werden. „Wir wollen ein Ökosystem schaffen, in dem man Ideen austauschen und gemeinsam neue Lösungen für alle Aspekte der Mobilität entwickeln kann“, sagt Rupp, selbst Gründer mehrerer Start-ups.

"Auf dem Hausdach ist ein Drohnenlandeplatz geplant"

Für einen Mitgliedsbeitrag von monatlich 50 Euro gibt es neben Tüftlerecken, schnellem Internet und einer Gemeinschaftsküche einen Erwachsenen-Spielplatz samt Trampolin und Kicker. Programmierer, die viel Rechenleistung für ihre Arbeit benötigen, können stundenweise mobile Grafikprozessoren, sogenannte GPUs, mieten. Besprechungs- und Veranstaltungsräume sind nach Roboter-Ikonen bekannt und lassen sich per Smartphone-App auf- und zuschließen. „Auf dem Hausdach ist ein Drohnenlandeplatz geplant, im angrenzenden Tempelhofer Hafen können Schiffe vor Anker gehen“, sagt Rupp.

Viele Unternehmen und Konzerne zieht es in die Hauptstadt. Wie Hella mit der Drivery eröffnen sie hier sogenannte Innovationslabore, um digitale Geschäftsmodelle zu testen. Rupps direkter Nachbar ist der Automobilzulieferer Bosch. Der Technologiekonzern bündelt seine Aktivitäten rund um das „Internet der Dinge“ am Tempelhofer Hafen. In beiden Unternehmen gibt es Überlegungen, gemeinsam ein 5G-Netzwerk auf dem Gelände aufzubauen, um hier Technologien wie das autonome Fahren zu testen.

Auch Audi, die Deutsche Bahn und Porsche haben Innovationszentren in der Hauptstadt. Und Volkswagen steuert sein E-Auto-Carsharing und den Fahrdienst Moia aus Berlin heraus, auch wenn letzterer hier gar nicht unterwegs sein wird, weil der Senat die Zulassung verweigert.

Auf dem Campus der Charité testet die BVG autonom fahrende E-Busse

Vor allem die Nähe zu Start-ups scheint für viele Konzerne attraktiv – und viele der Gründer beanspruchen für sich, die Verkehrswende auf der Straße mit ihren emissionsarmen Konzepten voranzutreiben: Im MotionLab am Treptower Park entwickeln Unternehmen wie Ono und Citkar elektrisch betriebene Lastenfahrräder für die emissionsarme Paketzustellung in der Stadt. Auf dem Campus der Charité testet die BVG autonom fahrende E-Busse, deren Software französische Gründer entwickelt haben. Mit Emmy ging in der Stadt 2016 eines der ersten Elektroroller-Sharings deutschlandweit an den Start, und auch die Idee, Straßenlaternen zu E-Auto-Ladesäulen umzurüsten, wurde auf dem Schöneberger Start-up-Campus Euref entwickelt und von dort aus nach London und New York exportiert.

Auf dem Euref-Gelände startete auch der Fahrdienst Clevershuttle. „Autonome Shuttles oder Tretroller-Sharing – als wir Clevershuttle gründen wollten, hielten uns viele für verrückt“, sagt Gründer Bruno Ginnuth, der 2014 mit zwei Schulfreunden einen per App bestellbaren Fahrdienst mit Elektroautos startete. In Berlin hätten sie das richtige Umfeld gefunden, um ihre Idee in die Praxis umzusetzen. „In der Start-up-Hauptstadt zeigt sich bereits heute, wie die Mobilität der Zukunft aussieht: elektrisch und vernetzt“, sagt Ginnuth.

Geld verdienen lässt sich mit den Konzepten bisher jedoch kaum. Viele Start-ups sind nach wie vor auf die Gunst von Risikokapitalgebern angewiesen.

Die haben 2018 viel Geld in Berliner Mobilitäts-Start-ups gesteckt, zwei der größten fünf Finanzierungsrunden gehen an Mobilitätsunternehmen: Die Reiseplattform Omio bekam 132 Millionen, das Gebrauchtwagenportal Auto1 sammelte rund 460 Millionen Euro ein, wie eine Auswertung des Londoner Beratungsunternehmens EY zeigt. Das meiste Geld bekam damit ein Start-up, das mit alten Autos handelt. Mit vernetzter und elektrischer Mobilität hat das wenig zu tun.

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