• Eine Angehörige der Opfer des Istanbul-Anschlags: „Die Wut über die Sinnlosigkeit bleibt“

Eine Angehörige der Opfer des Istanbul-Anschlags : „Die Wut über die Sinnlosigkeit bleibt“

Sonntag vor vier Jahren starben die Eltern von Shirley Zapf bei einem Terroranschlag in Istanbul. Die Berlinerin kämpft weiterhin mit den Folgen.

Offene Wunde. Mit Blumen gedachten Menschen der Opfer des Anschlags von Istanbul im Januar 2016 vor der Hagia Sophia.
Offene Wunde. Mit Blumen gedachten Menschen der Opfer des Anschlags von Istanbul im Januar 2016 vor der Hagia Sophia.Foto: picture alliance/Peter Kneffel/dpa

Die Rosenblätter werden in sanften Spiralen aufs Wasser schweben, am Sonntag, genau um 10.20 Uhr. Shirley Zapf wird auf einer Brücke auf Usedom stehen, ihren Flug verfolgen und wohl mit Tränen in den Augen zuschauen, wie die Blätter von den Wellen träge in die Weiten der Ostsee getrieben werden. Wichtig ist ihr, dass die Blätter farbig sind, ihre Eltern liebten bunte Blumen.

Am 12. Januar 2016, genau vor vier Jahren, sprengte sich um 10.20 Uhr ein Selbstmordattentäterin Selbstmordattentäter, vermutlich vom Islamischen Staat (IS), in Istanbul an der berühmten Moschee Hagia Sophia in die Luft. Zehn Menschen erlitten tödliche Verletzungen, zwei davon aus Berlin, Birgit und Jürgen Glorius. Die Eltern von Shirley Zapf.

Die Tochter sitzt in einem Café in Kreuzberg, drei Tage vor dem Jahrestag, vor ihr liegt ein Foto, auf dem sich ihre Eltern küssen. Es gibt Sätze von ihr, die gehen nach wenigen Worten in Schluchzen über. „Manchmal“, sagt sie, „denke ich: Warum soll ich mich über etwas freuen, ich verliere ja doch wieder alles.“

Die 45-Jährige aus Karlshorst hat „Säulen meines Lebens“ verloren. Den Vater innerhalb einer Sekunde, er war sofort tot, die Mutter einen Tag später. Man hatte sie noch ins Unfallkrankenhaus in Berlin transportiert, dort starb sie an ihren massiven Kopfverletzungen.

Der Tochter bleiben nur das Gedenken und am Jahrestag die Blätter, die in die Ostsee schweben. Im Café erzählt sie, wie sie auf der Brücke stehen wird und die Blüten auf den Wellen tanzen werden. Der Vater hatte sich immer eine Seebestattung gewünscht, also hatte Shirley Zapf die Urnen ihrer Eltern vor Warnemünde ins Wasser gleiten lassen.

„Sie können ihr Ziel jetzt über das Wasser erreichen“

Seither feiert sie jeden Todestag am Wasser, entweder in Berlin an der Spree oder an der Ostsee. Und sie denkt dabei: „Sie können ihr Ziel jetzt über das Wasser erreichen.“

Shirley Zapfs Töchter waren elf und zwölf Jahre alt, als sie Oma und Opa verloren. „Die Kinder sind gut mit dem Tod ihrer Großeltern umgegangen“, sagt die Mutter. Die Trauer der Kinder habe sich anders geäußert als die ihrer Mutter.

Shirley Zapf lässt jedes Jahr Rosenblätter ins Wasser schweben.
Shirley Zapf lässt jedes Jahr Rosenblätter ins Wasser schweben.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Aber im November 2018 nahm Shirley Zapf ihre Kinder mit zu einem Nachsorgetreffen. Ihre ältere Tochter sei in Tränen ausgebrochen, habe sich geöffnet, wie das ihre Mutter „nicht gewohnt war“, und nach dem Treffen sagte sie: „Mama, jetzt ist mir bewusst, was da passiert ist.“ Die jüngere Tochter hat ihre Mutter nach Usedom begleitet, die ältere blieb zu Hause.

Angst beherrscht ihr Leben

Angst beherrscht jetzt das Leben von Shirley Zapf, diese grauenhafte Angst, es könnte wieder jemand vor der Tür stehen und mit leiser Stimme sagen: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass...“. In der Nacht zum 13. Januar 2016 standen Kripobeamte in ihrem Wohnzimmer, einer begann mitfühlend genau diesen Satz, und er setzte ihn fort mit den Namen von Shirley Zapfs Eltern.

Die Angst vor weiteren Verlusten überrollte Shirley Zapf in den Wochen danach regelrecht. Waren die Töchter zehn Minuten länger als geplant mit dem Hund unterwegs, suchte sie sofort mit dem Fahrrad nach ihnen. Kam ihr damaliger Partner etwas später als verabredet nach Hause, herrschte sie ihn an: „Warum hast Du Dich nicht gemeldet?“

Eine überwältigende seelische Gesamtlast

Verschiedene Gefühlsebenen vermischten sich zu einer überwältigenden seelischen Gesamtlast. Der Schmerz über den Tod der Eltern, Verlustängste, die Erziehung der pubertierenden Töchter, der Job, sie litt, ihre Umwelt auch. „Ich habe mit meinem Verhalten auch Menschen in meiner Umgebung verändert“, sagt sie. Ein Jahr war sie in Therapie.

Vier Jahre sind eine lange Zeit. Shirley Zapf, Fachlehrerin für Kochen an einer Schule in Schöneberg, hat sich stabilisiert. Sie funktioniert wie fast alle, die Schreckliches erlebt haben, aber ihren Alltag trotzdem bewältigen müssen.

Ein Foto der Eltern von Shirley Zapf, die bei dem Istanbul-Anschlag ums Leben kamen.
Ein Foto der Eltern von Shirley Zapf, die bei dem Istanbul-Anschlag ums Leben kamen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Doch hinter der Fassade, die sie mit enormer Kraft aufbaut, da leidet unverändert eine an der Seele verwundete Frau. „Die Wut über die Sinnlosigkeit dieses Todes, der Schmerz, die Trauer, das alles wird bleiben.“ Die Mutter wollte am 16. Januar 2016 in Abu Dhabi ihren 64. Geburtstag feiern. Istanbul war nur Zwischenstation einer Urlaubsreise.

Ein anderes Attentat überschattet das ihrer Eltern

Und dann stieg Monate nach dem Anschlag von Istanbul ein weiteres Gefühl in Shirley Zapf hoch, nagend und bohrend: Eifersucht.

Am 19. Dezember 2016 steuerte der Terrorist Anis Amri einen Lastwagen über den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Zwölf Menschen starben. Ein fürchterliches Attentat des IS. Aber diesmal nicht weit weg, im Ausland, diesmal im Herzen der deutschen Hauptstadt. Das Attentat beherrschte wochenlang Medien, Politik, die Gesellschaft. Es gab Gedenkgottesdienste, Trauerfeiern, die Glocken der Gedächtniskirche läuteten zum Andenken an die Opfer, ein goldfarbener Riss durchzieht einen Teil des Bodens auf dem Breitscheidplatz als Mahnmal. An Stufen vor der Gedächtniskirche stehen die Namen und Herkunftsländer der Todesopfer.

„Warum kriegen die alles?“

Je stärker das Grauen des Weihnachtsmarkts-Anschlags ausgeleuchtet wurde, umso mehr verschwand das Attentat von Istanbul im mächtigen Schatten, den die Berliner Tat warf. So war die Wahrnehmung von Shirley Zapf und der kleinen Gruppe von Angehörigen der Istanbul-Opfer, die sich gebildet hatte. „Wir dachten, jetzt dreht sich alles um die“, sagt die 45-Jährige. „Am Anfang war Eifersucht, ja. Der Gedanke: Warum kriegen die alles?“

Plötzlich fühlte sich alles, was sie selbst erhalten hatten, wie nüchterne Pflichterfüllung an, der sehr persönliche Brief von Außenminister Heiko Maas, die 10 000 Euro für jeden als Soforthilfe, weitere finanzielle Unterstützung. Shirley Kraft fehlte ein offizielles Symbol der Empathie. Niemand von der Regierung sei gekommen und habe gefragt, wie sie mit der Situation klar komme.

Damals sah sie die Welt mit ihrem Tunnelblick

Und niemand sagte ihr damals diesen Satz, den sie heute, mit mehr Distanz, selbstkritisch formuliert: „Meine Erwartungshaltung war auch zu groß.“ Damals sah sie die Welt mit ihrem Tunnelblick, überfordert von der Gesamtsituation. „Damals war ich einfach nur noch kraftlos.“ Eine Aufrechnung des Leids, hier die Angehörigen der Breitscheid-Toten, dort die Angehörigen der Istanbul-Opfer, das ist das Letzte, was sie will.

Im Gegenteil, jetzt stützen sie sich gegenseitig. Bei der Gedenkfeier zum Breitscheid-Attentat im Dezember saß auch Shirley Zapf. Sie war gekommen, „um jemandem die Hand zu halten, um zu zeigen, ich will stark für dich sein.“

Sie hatte längst mitbekommen, dass die langanhaltenden Gesten des Gedenkens an das Breitscheid-Attentat auch dem enormen Engagement einer Angehörigen eines Amri-Opfers zu verdanken sind. Die Angehörigen der acht deutschen Istanbul-Opfer sind bundesweit verstreut. Unter ihnen haben sich nur wenige zu einer Gruppe organisiert, und deren Mitglieder treffen sich selten.

„Jetzt weiß ich, was Eltern fühlen, die so ihre Kinder verloren haben“

Früher hatten Nachrichten von Anschlägen, egal ob in Syrien, dem Irak oder in Afghanistan, für Shirley Zapf diesen abstrakten Charakter. Man hörte sie, aber es war alles weit weg, der persönliche Bezug fehlte. Heute zuckt sie zusammen und denkt: „Jetzt weiß ich, was Eltern fühlen, die so ihre Kinder verloren haben.“

Aber auch dieses Gefühl lässt sich noch intensivieren. Shirley Zapf hat es vor wenigen Tagen gespürt. Da hörte sie die Nachricht von dem Autofahrer, der in Südtirol in eine Touristengruppe gerast war und und sieben Menschen getötet hatte. In Sekundenschnelle tauchte vor ihrem geistigen Auge dieses traumatische Bild auf. „Oh Gott“, dachte sie, „jetzt stehen wieder Polizisten vor der Tür...“

Doch in den Momenten, in denen sie in Usedom die dahintreibenden Rosenblätter beobachtet, geht Shirley Zapf etwas anderes durch den Kopf, etwas Liebevolles. „Dann“, sagt sie im Café, „werde ich denken: Vielleicht sind meine Eltern bereits an ihrem Ziel angekommen. Vielleicht kehren sie wieder zurück.“

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