• Eine etwas andere Liebeserklärung: In Berlin zu leben, ist wie ständiges Verlassenwerden

Eine etwas andere Liebeserklärung : In Berlin zu leben, ist wie ständiges Verlassenwerden

Berlin – das ist wie ein ständiges Verlassenwerden. Gerade deswegen verliebt man sich immer wieder neu. Gedanken zum Fest der Liebenden.

Schwierige Beziehung. In der Liebe ist in Berlin alles möglich. Oder auch nicht.
Schwierige Beziehung. In der Liebe ist in Berlin alles möglich. Oder auch nicht.Foto: imago images / Steinach

Wir wollen ehrlich sein: Unsere Liebe ist eigentlich nur mein Narzissmus, der dich mit umfasst. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob ich es dir sagen sollte. Oder damit nur alles kaputtmachen würde. Wir sind intim miteinander, das weiß ich, weißt du es auch? Ich kenne deine Winkel und Gassen, die Täler deiner Häuserschluchten und auch deine Abgründe. Vor allem deine Abgründe. Seit mehr als dreißig Jahren bewohne ich dich geradezu, von welcher Beziehung lässt sich das schon behaupten?

Na gut, da sind noch dreieinhalb Millionen andere neben mir. Um die soll es hier aber nicht gehen. Wie an keiner anderen, bin ich an dir gewachsen, Berlin. Knapp zwei Meter hoch, habe mich exakt in deinen Durchschnittstürrahmen eingepasst. Und sooft ich versucht habe, mich abzusetzen, anderswo hin durchzubrennen, sooft bin ich doch wieder bei dir gelandet.

Zuletzt bin ich auf Durchreise hängen geblieben. Das ist schon wieder fünfzehn Jahre her. An Distanz lässt du es aber auch so nicht mangeln. Du wandelst dich ständig und entfremdest dich mir. Ick erkenn dir manchmal kaum wieder! Es ist wie ein ständiges Verlassenwerden.

Allein in der Menge.
Allein in der Menge.Foto: picture alliance / Hauke-Christian Dittrich

Und die, die einen verlassen, die will man doch am meisten. Billiger Trick, funktioniert (fast) immer. Die Wahrheit ist: Nirgendwo fühle ich mich einsamer, als in deinen Armen und das genau bindet mich an dich, wie an keine andere Stadt.

Ach, wie das vor Pathos trieft! Ich wäre wohl nicht der Erste, der dir Schmalz aufs harte Pflaster schmiert, nur um gleich im nächsten Satz darauf auszurutschen und auf der Fresse zu landen. Noch so’n Spruch, Kieferbruch. Kuck mal wie er denkt, er ist Dichter. Wohl eher nicht ganz dicht, Goethe war Dichter. Viel dichter. Der hier ist bestimmt nur zugezogen.

Wie beim ersten Kuss

Bin ich tatsächlich. Sieben Jahre war ich alt, als ich im Februar 1988 nach Berlin kam. Meine erste Erinnerung an die Stadt stammt vom U-Bahnhof Friedrichstraße, Grenzübergang, Passkontrolle. Das Licht der Neonröhren war ich nicht gewohnt, die gelben Kacheln reflektierten es eigentümlich und alles verschwamm, wie beim ersten Kuss, vielleicht wegen meiner Müdigkeit.

So weit zumindest die Kindeserinnerung. Alles war von einer schweren Autorität – das mag aber auch an den Grenzsoldaten gelegen haben. Es war ja keineswegs trivial, mit Eltern, die von der Gültigkeit ihrer polnischen Ausreisepapiere selbst nur halb überzeugt waren, nach West-Berlin einzureisen. Was ich sagen will: Die Stadt hat mich sofort auf allen Sinn- und Sinnesebenen beeindruckt.

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Und schon bald darauf zutiefst enttäuscht. An das erste halbe Jahr am Hohenzollerndamm im „Asylantenheim“, wie man damals noch ungeschützt sagte – einer der ersten deutschen Begriffe, die ich lernte – erinnere ich mich kaum. Vor allem der Besuch der dortigen Grundschule ist einer der dunkelsten Flecken meiner Geschichte. Irgendwann wurde es besser, aber nicht gleich und nicht allzu viel.

Hätte jemand vor meiner Volljährigkeit behauptet, dass ich irgendwann freiwillig hier würde leben wollen, hätte ich ihm ein Feuerwerk aus Weltschmerz und Fernweh geklagt. Bis heute erscheint mir die Faszination, die wohl behütet aufgewachsene Kinder für die Welt des chauvinistischen, aggressiven Gangster-Rap empfinden, ohne je selbst in Kontakt mit seinen Wurzelmilieus gewesen zu sein, irgendwie verlogen.

Es gilt allgemeines Augenkontaktverbot

Um zu verstehen, dass es Berlin einem nicht unbedingt einfach macht in Sachen Liebe, muss man aber nicht gleich in bestimmte Milieus gehen. Es gibt zum Beispiel ein ziemlich weitreichendes, allgemeines Augenkontaktverbot im öffentlichen Raum. Andere U-Bahn-Fahrgäste sieht man im Grunde nur über die Reflexionen in den Fenstern, alles andere ziemt sich nicht, gilt mitunter schon als Provokation.

Der öffentliche Raum als Schutzraum für das Private. Klingt paradox, aber alle Großstädte kennen es. Man kann ja nicht alle freundlich grüßen, wie auf dem Land, will auch nicht von allen gegrüßt werden. Und man kann nicht allen trauen. Die sprichwörtliche Kälte der Großstadt rührt nicht daher, dass man unfreundlichen Menschen begegnet, sondern daher, dass man gar keinen Menschen begegnet, obwohl man stets von ihnen umgeben ist.

Liebe, ob körperlich, romantisch oder in welcher Form auch immer, hat im öffentlichen Raum einen festen und niemanden störenden Ort. Ein, zwei Wochen vor dem Valentinstag ist das besonders deutlich, wenn das Dussmann- Schaufenster in der Friedrichstraße voller Herzen rot leuchtet, bei Rewe eine Durchsage darauf aufmerksam macht, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts romantischer sei, als ein Candlelight-Dinner und man hier gleich alle Zutaten für die Punktlandung bei der/dem zu Bekochenden einkaufen könne.

Es gibt Valentinstags-Toilettenpapier und für besser Betuchte die Liste „10 Valentinstag-Sneaker nach Romantik sortiert“, gefunden auf Noizz.de. Auch für Dienstleister öffnen sich immer neue Möglichkeiten. Abgesehen vom angeblich ältesten Gewerbe der Welt, gibt es heute etwa im Berlin Dungeon die Möglichkeit, seine „Horror-Beziehung“ von einem Profi trennen zu lassen, wenn man selbst nicht so gut mit Worten ist.

Romantisch ist, wenn man auf Augenhöhe bilanziert

Der Platz der Liebe in der Öffentlichkeit ist also sexualisierte Werbung. Und da Werbeagenturen mittlerweile ziemlich genau vorrechnen können, wie viel höher der Absatz eines, sagen wir, Deodorants ist, wenn es mit einem Liebesversprechen beworben wird, können wir der Liebe sogar einen ziemlich genauen Geldwert beimessen. Romantisch ist, wenn man auf Augenhöhe bilanziert.

Wo es nicht um bloße Produktwerbung geht, wird die Liebe, in welcher Form auch immer, aus der Öffentlichkeit ins Private und Semi-Private zurückgedrängt. Im „Saunaknigge“ des Wellness-Tempels Vabali ist nicht zufällig zu lesen, dass „der Austausch von Zärtlichkeiten auf ein Minimum“ zu reduzieren sei.

Wer in den eigenen vier Wänden kein Liebesglück findet oder einfach mal Abwechslung will, bekommt in Berlin ein reiches Angebot an halb öffentlichen Darkrooms, Sexpartys, Lokalen und Clubs, sowie wenigen Orten des Ausnahmezustands, etwa bestimmten Abschnitten des Tiergartens. Oder der U-Bahn-Linie 8 an Wochenendnächten.

Spätestens mit dem Aufkommen von Dating-Apps hat eine Übertragung der Werbelogik auf zwischenmenschliche Beziehungen stattgefunden. Man wirbt und umwirbt einander seit jeher, allerdings tut man dies mit Online-Profilen auf Tinder & Co nach den Regeln des Produktmarketings, mit dem Selbst als Ware.

Fassaden und Tinder-Profile

Einige Theoretiker gebrauchen dafür den Architekturbegriff „Fassadismus“. Er meint, dass ein Gebäude und seine Fassade getrennt voneinander entworfen werden. Die Fassade kann so etwas vollkommen anderes versprechen, als das Gebäude erfüllt – ebenso das Tinder-Profil und der Mensch, den es darstellen soll. Und da im Netz nicht Menschen miteinander Konkurrieren, sondern die Abbilder, passiert es schnell, dass die Übereinstimmungen verloren gehen.

Das Bild weckt Erwartungen, der Körper, der später beim Date erscheint, wird am Bild gemessen. Entsprechend hat jemand auf Instagram geschrieben, dass Nutzer von Dating-Apps „Matches“ bloß sammeln, um sich des Zuspruchs für die Gestaltung des Bildes zu versichern, aber kaum in ein Gespräch mit den potenziellen Partnern treten.

Sie möchten das perfekte Bild in der Vorstellung der anderen erhalten, es nicht durch schnöde physische Wirklichkeit „verzerren“. Das französische Theoretikerkollektiv Tiquun überspitzt: Wir betrachten und bewerten gar nicht mehr die Bilder, sondern die Bilder uns. Wir existieren nur in dem Maße, in dem man unsere Bilder begehrt und sind nur das, was man von ihnen sagt.

[Schokolade kann jeder und beim Blumenhändler sind die Rosen schon aus? Hier finden Sie ein paar Last-Minute-Ideen, wie Sie den Valentinstag in Berlin verbringen können.]

Den Gipfel der Bildmacht beschreibt Hilde Bruch 1979 in ihrem Buch über Essstörungen: „Der Tod der Magersüchtigen sanktioniert nur den letztendlichen Sieg dieser über ihren Körper, über die Welt.“ Am Ende bleibt nur das ideale Bild. Und der US-Podcaster und Psychologe Ken Page meint, dass wir mittlerweile so gut darin geworden sind, uns rar zu machen und als Ware zu verknappen, dass viele mögliche Beziehungen auch dann nicht zustande kommen, wenn beiderseitiger Wille vorhanden ist.

Ein Kitzel des Ungewissen

Berlin, die Stadt mit den meisten Single-Haushalten in Deutschland, ist auch Hauptstadt der gebrochenen Herzen, Beziehungstraumata und Bindungsängste. Kaum jemand geht, wenn überhaupt, eine neue Beziehung ein, ohne den Verdacht der eigenen Beziehungsunfähigkeit.

Oder doch? Am Eingang zum Tempelhofer Feld, dem Hahneberg und am Schlachtensee werden sie demnächst wieder vermehrt zu sehen sein, die aufgeregten First-Dates in Valentinstags-Sneakern. In ihren Gesichtern nicht etwa die blanke Angst, wie man jetzt meinen könnte, sondern ein Kitzel des Ungewissen. Und eben dieses Ungewisse, die Nicht-Festlegung, erklärt die Schriftstellerin Silvia Bovenschen zur Voraussetzung für, Achtung, die große Liebe. Die bleibt also möglich.

Vielleicht doch möglich? Die große Liebe in Berlin.
Vielleicht doch möglich? Die große Liebe in Berlin.AFP PHOTO / PATRICK SINKEL

Alles bleibt möglich. Vielleicht braucht man ja etwas Kälte im Hintergrund, um die Herzlichkeit, wo sie vorkommt, überhaupt wahrzunehmen. Vielleicht täte uns aber auch etwas mehr Nächstenliebe und Freundlichkeit im Alltag ganz gut.

Auf jeden Fall schafft das Fehlen der Liebe aber eine eigenartige Doppelung: Wir lieben nicht nur, sondern wir lieben es, zu lieben, sehnen uns nach Sehnsucht und wenn wir Liebeskummer leiden, leiden wir doppelt daran, dass wir leiden.

Es ist alles gar nicht so unversöhnlich, wie es klingen mag, liebes Berlin. Und mal ehrlich, wenn es eine Stadt gibt, mit der man Klartext reden kann, dann doch wohl mit dir. Oder hätte ich vielleicht doch besser nichts gesagt? Geht jetzt die Leichtigkeit verloren? Tut sie nicht? Ist dir eh egal, sagst du?

Da bin ich ja beruhigt. Wie, du hast mich auch gar nicht geküsst? Nur ein wenig zwischen den Zähnen besabbert, um dich attraktiv zu machen. Na gut, es hat funktioniert. Du hast ein Like bekommen.

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