Eingesperrt auf Friedhof in Weißensee : Um 20 Uhr ist Schluss

Harry besucht seinen Sohn auf dem Friedhof, doch als er heim will, ist das Tor abgeschlossen. Zum Glück trifft er einen Retter - doch das Rauskommen gestaltet sich schwierig.

Der Eingang zum Friedhof Georgen-Parochial III in der Roelkestraße - diesmal aufgeschlossen.
Der Eingang zum Friedhof Georgen-Parochial III in der Roelkestraße - diesmal aufgeschlossen.Foto: privat

Er wollte seinen Sohn besuchen. Harry, 84 Jahre alt. Seinen richtigen Namen nennen wir hier nicht. Er ist Weißenseer, immer schon, war einfacher Arbeiter, ein Stück altes Berlin. Harry ist jetzt mit Rollator unterwegs, vor einigen Monaten hatte er einen Schlaganfall. Aber es geht schon wieder.

Und so macht er sich an diesem Donnerstagabend zum Friedhof Georgen-Parochial III in der Roelkestraße auf. Dort liegt sein Sohn, der kam mit 38 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Zwei Jahre später ist auch noch der andere Sohn gestorben.

Diese Geschichte erzählt Harry seinem Retter. Ja, Harry muss an diesem lauen Abend gerettet werden. Als er noch vor dem Sonnenuntergang vom Friedhof heimwill, kommt er nicht wieder raus. Das Friedhofstor ist mit Eisenkette und Vorhängeschloss dichtgemacht.

Bei der Friedhofsverwaltung geht nur der Anrufbeantworter ran

Sein Retter, der gegenüber wohnt, wartet nun zwei Stunden mit ihm – Harry auf seinem Rollator sitzend auf der einen Seite des Torgitters, der Retter auf der anderen. Der kam vom Einkauf, eine Frau mit Hund rief ihn, hier sei ein Mann eingesperrt, ob er ein Telefon dabeihätte. Der Retter hatte.

Bei der Friedhofsverwaltung geht nur der Anrufbeantworter ran. Mehrmals telefoniert der Retter mit der Polizei, die sich sogar entschuldigt, weil sie keinen Streifenwagen vorbeschicken kann. Denn wenn es dunkel wird in Berlin, hat die Polizei immer viel zu tun: Einbrüche, Schlägereien.

Die Polizei macht den Wachschutz ausfindig. Der kommt irgendwann angeschlurft, doch die paar Schlüssel, die der Mann dabeihat, passen nicht. Dann also die Feuerwehr: Zack, Bolzenschneider raus – Harry ist frei.

Die Nachbarn erzählen, seit einigen Wochen werde der Friedhof abends abgeschlossen, weil Blumen von den Gräbern geklaut werden, weil randaliert wird. Um 20 Uhr ist nun Schluss.

Zurück zum Friedhofstor. Harry bedankt sich bei seinem Retter, zieht mit seinem Rollator ab. Denn Harry wohnt nicht weit weg. Und brummelt: „So wat passiert mir nich nochma.“

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