Berlin : Einsatz gegen das Koma-Trinken

Polizei erwägt Kontrollen und mahnt Gastronomen

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„Einmal Eintritt zahlen und bis 3 Uhr kostenlos trinken“ – so warb die Diskothek Tollhaus für die „Flatrate und Casino-Night“ am gestrigen Abend. Mit der Einladung zum Trinken ohne Ende liegt der Lichtenberger Club im Trend: Viele Diskos, Clubs und Kneipen locken jugendliche Gäste mit Einmal-Eintrittsgeld zwischen fünf und 15 Euro – inklusive alkoholischer Freigetränke. Auch unter jungen Touristen hat sich das fragwürdige Angebot herumgesprochen. In Berlin mehren sich jetzt Stimmen, die aus Gründen des Jugendschutzes intensive Polizeikontrollen bei „All you can drink“-Kneipen sowie stärkere Selbstkontrollen der Gastronomie fordern.

Auslöser ist der Fall eines 16-jährigen Berliners, der seit dem 25. Februar auf einer Intensivstation des Virchow-Klinikums im Koma liegt. Er war in einer Bar in Charlottenburg zusammengebrochen – davor hatte er angegeben, bereits rund 50 Tequilas getrunken zu haben. Zum Zustand des Schülers, der sich wohl an einem Wetttrinken beteiligt hatte, war gestern nichts zu erfahren. Die Polizei ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung sowie möglicher Verstöße gegen Jugendschutz- und Gaststättengesetz. Bei der Polizei hieß es, man werde prüfen, wie Kontrollen vor Diskos ausgeweitet werden können, dabei müsste aber das Gaststättengewerbe aktiv mitarbeiten. Bodo Pfalzgraf, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, plädierte dafür, Vertrauenslehrer stärker von Unterrichtsverpflichtungen zu entlasten, damit sie Kindern und Jugendlichen mit Haschisch- und Alkoholproblemen besser helfen können.

Auch Gesundheits-Staatssekretär Benjamin-Immanuel Hoff (Linkspartei/PDS), hat sich für stärkere Kontrollen ausgesprochen – laut Jugendschutzgesetz darf Alkohol an unter 16-Jährige weder abgegeben noch darf ihnen das Trinken in der Öffentlichkeit erlaubt werden. Schon im Januar hatten Sozialarbeiter und Rettungsärzte beklagt, dass immer mehr Jugendliche sich zum „Koma-Saufen“ zu Hause oder in leer stehenden Häusern träfen. Die Drogenbeauftragte des Senates, Christine Köhler-Azara, sagte gestern der RBB-Abendschau, Alkoholtrinken sei bei Jugendlichen zur Zeit „besonders cool“. Suchtexperte Bernd Sprenger von der Oderbergklinik im brandenburgischen Wendisch Rietz appellierte an Sportvereine, zu verdeutlichen, dass Trinken kein Zeichen von Männlichkeit sei.

Laut Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei/PDS) mussten 2005 bereits 274 Kinder und Jugendliche wegen „akuten Rausches“ stationär behandelt werden. Im Jahr 2000 waren es 156. Marie-Luise Dittmar, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung, hofft, dass „der dramatische Fall des jungen Mannes dazu beiträgt, über Alkohol als gesellschaftlich oft akzeptierte Droge zu diskutieren“. kög

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