Sie gibt ihrem unsteten Leben durch Heirat Halt - gut acht Wochen nach dem Untergang

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Einzige Berliner Passagierin : Charlottenburgerin überlebte den Untergang der Titanic
Kann man über die Passagiere der Titanic noch etwas Neues herausfinden? Schmidt-Grillmeier schon.
Kann man über die Passagiere der Titanic noch etwas Neues herausfinden? Schmidt-Grillmeier schon.Foto: Mike Wolff

Die einzige Person aus Berlin, glücklich gerettet, gibt ihrem unsteten Leben durch Heirat Halt: Gut acht Wochen nach dem Untergang, am 20. Juni 1912, heiratet sie den Engländer Paul Elliot White- Hurst in Buffalo, New York. Der ist erst 35 Jahre alt. Heute weiß Schmidt-Grillmeier, dass Antoinette Flegenheim sich auf dem Dokument sieben Jahre jünger gemacht hat, als sie ist: Sie ist bei der Hochzeit nicht 42, sondern 49 Jahre alt.

Wertvoll wird noch die Ahnung eines Geburtsortes auf diesem Papier: Etwas wie „Himmelfort“ oder „Himmelpfort“ entziffern Grafologen. Es gibt ein Himmelpfort nördlich von Berlin, bei Fürstenberg an der Havel. Irgendwann erhält Schmidt-Grillmeier Antwort von einem Pfarrer in Rente, der auch Heimatforscher ist. Ja, sie wurde dort getauft. Ja, sie hatte noch Geschwister.

Später kann er über Umwege mithilfe einer Auskunft aus dem Münchener Melderegister den Verdacht erhärten, dass Berta Antonia Maria Wendt am 11. Mai 1863 um acht Uhr morgens in Himmelpfort geboren wurde. Und er wäre da nie drauf gekommen, wenn sich nicht 2010 die Großnichte ihres zweiten Ehemanns aus England bei ihm gemeldet hätte!

Hatte Schmidt-Grillmeier in den ersten Jahren seiner Recherche „bündelweise Briefe geschrieben“, die zum großen Teil unbeantwortet geblieben waren, schreibt er nun Mails und postet in Foren, „und irgendwann antwortet jemand.“ Er erträgt, dass die Puzzlestücke sich nur langsam finden. Der geringste Teil eines Lebens wird ja amtlich dokumentiert. Er besucht Friedhöfe, kontaktiert Museumsleiter in New York, Ahnenforscher in England, er reist und schreibt jedem Verdacht hinterher. Meldebögen, Zensusdaten, Gemeinderegister zieht er zu Rate. Er tut es mit einer Sorgfalt, die viele Titanic-Fans auszeichnet, die irgendwann als Jungen in Kontakt gekommen sind mit einem Buch oder einem Bild des Schiffes. Und heute sitzen da gestandene Männer und können von der Titanic nicht lassen.

Modelle der Titanic
Es sind Männer, die die Welt auf ihren Maßstab verkleinern.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: privat
31.05.2011 11:45Es sind Männer, die die Welt auf ihren Maßstab verkleinern.

Schmidt-Grillmeier stößt im Mikrofichearchiv der Landesbibliothek Berlin auf ein Foto der Reisenden, das am 19. April 1912 im „Berliner Lokalanzeiger“ erschienen war. Er vermutet, dass sie ihre Fahrkarte in der Vertretung der White Star Line Unter den Linden 5–6 gekauft hat. Er findet heraus, dass Flegenheimer – die ja durch Heirat Britin geworden ist – während des Ersten Weltkriegs in Den Haag lebt. Dass sie sich im März 1923 in München anmeldete. Der letzte Eintrag lautet dort 1939 auf die Kaulbachstraße, da war sie schon 76 Jahre alt. Schmidt- Grillmeier verliert die Fährte. Sie hat sich nicht abgemeldet, in München wurde sie nicht beerdigt, in England hat er auch nichts gefunden. Aber das muss noch nichts heißen. Schmidt-Grillmeier ist sich sicher, dass er in den nächsten Jahren auch noch die Umstände ihres Todes herausfinden wird.

Erst Heiligabend im Jahr des Untergangs fasst Antoinette Flegenheim, die inzwischen mit Nachnamen White-Hurst heißt, auf drei Seiten ihre Verluste zu einer Schadenersatzforderung an die White Star Line zusammen: Kleidung im Wert von 3 683 Dollar, Schmuck und Bargeld im Wert von sagenhaften 14 707 Dollar. Hier tauchen sie wieder auf: Die Diamanten-Lorgnette, die goldene Tasche mit Saphiren, die Smaragd-Brosche in Form einer Eidechse. Der Fuchsschwanz, drei seidene Petticoats, zwei Korsetts. Vier aufwendige Nachthemden und drei einfache, ein Dutzend Paar Handschuhe, eine Lupe, eine Kodak-Kamera.

Sie beschreibt in dem Brief, wie sie zwei Mal versucht, ihre Wertsachen abzuholen, aber mit dem Service steht es während des Untergangs nicht zum Besten: Der Zahlmeister ist nicht auf seinem Posten. „Folglich“, schreibt die Überlebende, „ist die Firma doppelt verantwortlich für den Verlust.“

Schmidt-Grillmeier kann nicht behaupten, dass ihm die Dame Antonia/Tony/Toni/Antoinette White-Hurst, ehemals Flegenheimer, genannt Flegenheim, ehemals Wendt, „stinkreich durch ihren Witwenstand“, über die Jahre ans Herz gewachsen sei. Er kann auch nicht erklären, wie es eine von vier Töchtern eines Försters aus Himmelpfort gelang, in Europa und Amerika als Dame der Gesellschaft bekannt zu werden. Charme ist denkbar, lässt sich aber nicht mehr beweisen.

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