Elga Stockmann (Geb. 1935) : Er doziert, sie deklamiert

Sie begleitet ihren Mann auf den Friedhofsführungen und zitiert jene, die da liegen, Ringelnatz, Fontane, Hacks. Der Nachruf auf eine Begabte.

Friedhof I der Elisabeth-Gemeinde in der Ackerstraße 37 in Berlin-Mitte.
Friedhof I der Elisabeth-Gemeinde in der Ackerstraße 37 in Berlin-Mitte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

„Herr Jacobsen, Ihre Tochter sollte das Abitur unbedingt ablegen.“ – „Nein.“ – „Aber sie ist begabt. Es wäre ein Leichtes für sie.“ Elgas Lehrer setzt sich noch ein wenig aufrechter. Es hilft nichts. – „Das kann schon sein. Aber Elga wird eine Lehre in der Verwaltung machen, um schnell ihr eigenes Geld zu verdienen. Am besten, sie wird Beamtin.“

Elga verlässt die Schule, absolviert eine Lehre in der Verwaltung der Stadt Kiel und leitet bald eine Abteilung. Denn begabt ist sie ja.

Aber ihre Vorstellung ist eine andere: „Ich will mit Kindern arbeiten.“ Ihr Vater verdreht die Augen: „Na, dann schaff dir doch welche an. Das macht schon genug Arbeit.“ Einen Moment noch ergibt sich Elga.

Doch dann begegnet ihr eine Freundin und verkündet: „Ich gehe in die Schweiz. Da werde ich Erzieherin.“ Das könnte es doch sein! Elga lässt Kiel und die Beamtenkarriere sausen und begibt sich ebenfalls in die Schweiz, nach Küsnacht, zu einer Familie mit zwei Mädchen, drei und fünf, die sie betreut.

Mozart, Abbado am Pult, „das höchste aller Gefühle“

Alles Weitere geht jetzt viel leichter. Zurück in Deutschland, in Kiel, beginnt sie eine Lehre als Kinderkrankenschwester und wird Jahrgangsbeste in ganz Schleswig-Holstein. Begabt ist sie ja. Das entgeht auch nicht der Oberin, die Elga für eine Zusatzausbildung nach Göttingen schickt. Dort lernt sie, epilepsie- und leukämiekranke Kinder zu versorgen. Die Oberin möchte, dass Elga ihre Nachfolgerin wird. Deshalb muss sie noch zwei Jahre an die Hochschule in Göttingen. Dort sitzt sie im Hörsaal, ganz außen links. Außen rechts sitzt Carl und verliert sich mehr und mehr in ihrem Anblick. Er spricht sie an. Es stellt sich heraus, dass beide, anders als die meisten anderen Studenten, das Wochenende über in der Stadt bleiben, zu zeitraubend die Fahrt nach Kiel und nach Berlin. Vergnügungen gibt es auch in Göttingen: den „Nörgelbuff“ zum Beispiel, eine Kneipe, in der es sich hübsch essen und trinken und plaudern lässt. Bis sie irgendwann genug gegessen, getrunken und geplaudert haben und Carl sagt: „Besuch mich in Berlin.“

Er weiß, dass sie viel weiß, dass sie aber in der Oper, im Theater noch niemals war. Sie ist ein Mädchen von der Küste, aus einer Werftarbeiterfamilie, das, so oft es ging, sein Fahrrad nahm und durch den Wald hinterm Garten bis ans Meer fuhr und dort schwamm und segelte und an Kunstgenuss kein bisschen dachte. „Gehen wir mal ins Ballett?“, fragt Carl, sie gehen, und das Mädchen von der Küste ist berauscht von „Giselle“. So kommt zum gemeinsamen Leben in Liebe ein gemeinsames Kulturleben. Drei Abonnements bei den Berliner Philharmonikern, für die großen Aufführungen, für den Kammermusiksaal, für den philharmonischen Salon. Mozart, Abbado am Pult, „das höchste aller Gefühle.“ Dann die Literatur, die Lyrikreisen. Elga entdeckt Yeats. Komm sei mir mild gesinnt, / Komm tanz mit mir in Irland. Und sie tanzen zusammen in Irland. Elga entdeckt Itzik Manger. Du alte Stadt, mit winklig-krummen Gassen, / aus deinen Fenstern strömt süßes Erinnern. Und sie laufen zusammen durch die krummen Gassen von Jerusalem.

In der Lichterfelder Kinderklinik erlebt sie Beklemmendes

Sie reisen rhythmisch, in einem Jahr Erholung, im nächsten Bildung. In einem Jahr Schweden, im nächsten El Greco, Toledo, Madrid. Einmal Dänemark, ein anderes Mal die Eremitage in St. Petersburg, nur die französischen Impressionisten.

Carl beginnt, Leute über Friedhöfe zu führen, ihnen Geschichten über berühmte Tote zu erzählen. Elga sagt während einer Promenade über den Waldfriedhof an der Heerstraße: „Ich könnte dich begleiten und hin und wieder ein Gedicht rezitieren.“ Er doziert von nun an, sie deklamiert. Ringelnatz und Hans Sahl. Fontane und Peter Hacks auf dem Französischen Friedhof. Auf dem Dorotheenstädtischen Brecht: Der, den ich liebe/ Hat mir gesagt / Daß er mich braucht. / Darum / Gebe ich auf mich acht / Sehe auf meinen Weg und / Fürchte von jedem Regentropfen / Daß er mich erschlagen könnte.

Carl gibt auf Elga acht. Manchmal braucht sie, die so viele ermutigt, selbst Trost. 21 Jahre lang leitet sie den Pflegedienst einer Lichterfelder Kinderklinik und erlebt Beklemmendes. Die Polizei bringt verwahrloste, missbrauchte Kinder. Elga braucht Tage, um mit solchen Eindrücken zurechtzukommen.

In den letzten Jahren bestimmen Traurigkeit und Schmerz ihr Dasein. Schlaganfälle, Parkinson, der Oberschenkelhalsbruch am Ende. Carl pflegt sie, dann kommt er zu ihr ins Heim, jeden Tag. Sie ist oft unruhig in ihrem Bett, dann spielt er ihr Beethoven vor, das hilft. Zuerst verliert sie die Sprache, dann kann sie nicht mehr stehen, dann nicht mehr liegen, dann nicht mehr schlucken, dann ist sie tot.

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