• Elternkolumne: Was macht die Familie?: Von meinen Kindern könnten Umweltaktivisten noch viel lernen

Elternkolumne: Was macht die Familie? : Von meinen Kindern könnten Umweltaktivisten noch viel lernen

Sitzblockaden, ziviler Ungehorsam und andere Streiktechniken. Unsere Autorin verrät die Protesttricks ihrer Kinder.

Sitzblockaden-Training. Aktivisten von Extinction Rebellion bereiten sich mit Übungen auf ihre Aktionswoche vor.
Sitzblockaden-Training. Aktivisten von Extinction Rebellion bereiten sich mit Übungen auf ihre Aktionswoche vor.Foto: John Macdougall/AFP

Sitzblockaden waren das zentrale Mittel von Extinction Rebellion bei den kürzlichen Demonstrationen. Damit legten die Umweltaktivisten zentrale Orte der Stadt wie den Großen Stern lahm. Wie man sich möglichst schwer macht, damit Polizisten einen nicht einfach wegtragen können, das wurde vorher in Workshops ordentlich geübt. Schulungen dieser Art gab es auch schon in früheren Jahren, zum Beispiel als Vorbereitung auf die Castor-Proteste.

Vieles hat mich an Situationen bei uns zu Hause erinnert. Meine Kinder, zwei und vier Jahre alt, möchten sicherlich auch, dass die Umwelt ihrer Generation erhalten bleibt. Momentan sind sie allerdings noch zu jung, um eigenständig auf Demonstrationen zu gehen. Der zivile Ungehorsam wird jedoch eifrig zu Hause erprobt. Meistens geht es bei Kindern in diesem Alter darum, dass sie irgendetwas nicht machen möchten, das die Eltern aber unbedingt wollen. Sich eine Hose anziehen zum Beispiel oder vom Spielplatz nach Hause aufbrechen, wenn es den Eltern zu langweilig geworden ist. Aufgrund von Ereignissen dieser Art haben beide Töchter das „Nicht-Wegtragen-Lassen“ praktisch perfektioniert. Ich behaupte sogar, sie sind darin so gut, dass sie Seminare für erwachsene Protestierende geben könnten.

Freundlichkeit ist eine Waffe - wie bei Extinction Rebellion

Hier verrate ich ihre besten Tricks: Die Zweijährige zum Beispiel, stolze zwölf Kilo schwer und 90 cm groß, weiß genau, dass ihre Eltern sie mit nur einem Griff unter die Schultern erwischen könnten. Also hebt sie die Arme hoch und macht sich ganz schlank, damit wir sie nicht packen und wegtragen können. Versuchen wir Eltern dann, sie etwas unbeholfen am Oberkörper zu greifen, setzt die nächste Stufe des zivilen Ungehorsams ein. Mit voller Kraft fängt das Persönchen an, mit beiden Beinen in der Luft wild um sich zu strampeln. Selbstverständlich ohne Gewaltanwendung: Mit ihren Tritten berührt sie schließlich niemanden. Sie weiß aber: Dieses Rumgezappel macht sie deutlich schwerer. Den überforderten Eltern gleitet sie somit wieder aus den Händen.

Zu ihrer Taktik gehört auch, dass sie danach wegrennt. Nach ein paar Metern, in Sicherheit, wirft sie uns Eltern stets ein bestechendes Lächeln zu. Freundlichkeit ist eine Waffe – das haben auch die Gründer von Extinction Rebellion erkannt, die den erschöpften Polizisten stets guten Mut zusprachen. Nach einem zweiten Versuch geben die Eltern – je nach Muskelkraft – erschöpft auf. 1:0 für das Kind. Jetzt müssen wir selber in unserer Trickkiste wühlen.

Leggins haben keine Taschen - Wegtragen ist nicht möglich

Bald wird die Kleine es wahrscheinlich so handhaben wie ihre große Schwester. Die trägt seit Jahren nur noch Leggins und Strumpfhosen. Das Perfide daran: Leggins haben keine Taschen, keine Gürtelschlaufen, nichts, woran man das Kind packen und einfach hochheben kann. Somit kann erfolgreich die oben beschriebene Taktik über Jahre hinweg angewendet werden. Mich würde es nicht wundern, wenn künftig die Protestierenden auf den Straßen aalglatte Ganzkörperanzüge tragen. Das wird es für die Polizei noch schwerer machen, irgendjemanden wegzutragen. Ketten kann man schließlich zerstören. Mit strampelnden Beinen wären die bisher friedlichen Umweltaktivisten allerdings dann doch eine Proteststufe weiter – falls mal ein Tritt danebengeht. Dann einfach doch lieber wild schreiend auf den Boden werfen, umherzappeln und laut rufen: „Ihr seid alle so ungerecht.“

Achtung: Dies ist keine Häme. Einen Grund, sauer zu sein, haben Umweltschützer wie auch andere Protestierende egal welchen Alters allemal – doch hoffentlich bleibt es friedlich.

Die Gruppe Extinction Rebellion hat weitere Aktionen angekündigt. Hintergründe und Termine findet man auf der Webseite extinctionrebellion.de. Demonstrieren kann man natürlich auch bei Fridays for Future. Am 27. Oktober findet im Vollgutlager (Rollbergstraße 26) in Neukölln der Berliner Klimatag statt, bei dem sich Besucher über die globale Krise informieren können.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar