Emma Maria Kotsch (Geb. 2017) : 90 Minuten – Nachruf auf ein kurzes Leben

Die Diagnose kam lange vor der Geburt. War das wahr? Konnte es bei Emma nicht anders sein?

Emma Maria Kotsch
Emma Maria KotschFoto: privat

90 Minuten. Wenig gemeinsame Zeit. Aber die Zeit davor, und die danach, die zählt auch zum gemeinsamen Leben. Vom ersten Tag der Schwangerschaft an. Hallo, mein kleiner Sonnenschein, Emma Maria, schrieb die Mutter in ihr Tagebuch, Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr wir Dich lieben und uns danach sehnen, Dich in unseren Armen zu halten. Wir – Deine Schwester Josephine, Dein Papa und ich, Deine Mama Nadin.

Alles war gut. Ein Wunschkind. Nadin freute sich so sehr und war zugleich so ängstlich, weil sie alles richtig machen wollte. Es war ein so gutes Gefühl, Emma in sich zu spüren. Wie sie wuchs. Dein kleines Herz fing schon sehr früh an, kräftig und schnell zu schlagen. Du hast Dich früh durch Kindsbewegungen bemerkbar gemacht. Einmal hast Du die Beine übereinander geschlagen und hattest die Hände vor dem Kopf. Du hast es Dir sehr gemütlich gemacht. Wir konnten aber lange, lange nicht sehen, ob Du ein Junge oder ein Mädchen wirst. Doch ich fühlte von Anfang an, dass Du eine kleine Emma Maria wirst.

Die beiden haben miteinander gesprochen, wie nur Mutter und Kind miteinander sprechen können, die immer noch eins sind. Die Zukunft von Emma war geplant, die ersten Monate zumindest, wenn sie in die Welt hinausfahren würde, denn der Kinderwagen war schon gekauft. Und abends, wenn wir im Bett lagen, hast Du mir oft mitgeteilt, wenn ich mich anders hinlegen sollte. Du bist mit Deinem Bein durch den Bauch gefahren, hast den Kontakt zu mir gesucht. Auch zu Deiner Schwester. Jeden Morgen und jeden Abend hat sie Dich gegrüßt. Und Du sie auch, indem Du ganz sanft gegen den Bauch gefahren bist. Und Du hast es geschafft, Dich von der Beckenendlage in die Schädellage zu legen, genau dann, als ich Dich darum bat.

Ärzten unterlaufen auch Fehler

Glück, etwas anderes als ein großes Glück war gar nicht vorstellbar. Im Mai, am Tag der Feindiagnostik, da war dann nichts mehr, wie es war. Wir bekamen die Diagnose, dass Du eine schwere Skelettstörung hast und nicht überlebensfähig sein wirst. Ich dachte, dass das nicht wahr sein kann. Ich kann es nicht glauben, weil Du so eine starke kleine Maus bist! Deine Tritte zu spüren, ist das Schönste was es gibt!

Die Diagnose: Thanatophore Dysplasie. Der Thorax ist zu klein, sie würde nicht atmen können, sie würde nicht überleben. Eine Heilung unmöglich. Bis auf wenige Ausnahmen sterben die Kinder kurz nach der Geburt, es bleiben wenige Stunden, selten einige Jahre, nur eine Frau wurde 40 Jahre alt. Eine seltene Erkrankung, ein unglücklicher Zufall, etwa einmal im Jahr tritt ein solcher Fall in der Charité auf. Die Kinder, die etwas länger leben sollen, müssen an die Beatmungsmaschine, viele Operationen sind nötig, ohne dass eine wirkliche Linderung zu erwarten ist.

Nadin hat es nicht geglaubt. Abbruch? Oder die Schwangerschaft weiterführen? Sie wollte es nicht glauben. Ärzten unterlaufen auch Fehler. Da war der Wunsch, während der Elternberatung aus dem Fenster zu springen. Das Fenster war ein Stück offen. Die Sehnsucht, für immer bei ihr zu sein. Die Angst vor dem Tod hat jetzt keine Relevanz mehr. Ich freu mich darauf, irgendwann bei Dir zu sein. Dann holen wir alles, was Du magst, nach! Spielen, kuscheln, lachen, toben, essen und vieles mehr. Ich wünschte mir so sehr, dass Du leben könntest! So sehr!

Stark sein für Josephine. Funktionieren. Hoffen: Emma war doch anders. Emma hat sich bewegt, sie würde überleben, ganz sicher. Der Neid auf die Mütter gesunder Kinder. Am Kinderbasar vorbeilaufen und nichts einkaufen. Kinderbücher in die Hand nehmen, die sie nie wird lesen können: „Emma und der blaue Dschinn“. Strampler ablehnen.

Am 16.09. war Dein errechneter Geburtstermin und ich wurde gefragt, ob ich die Schwangerschaft mit Dir weiterführen möchte. Und es war für mich ganz klar: Ich wollte Dich kennenlernen, Dich in meine Arme schließen, Dich an mein Herz drücken, Dir Geborgenheit und all meine Liebe solange mitgeben, wie es nur möglich war. Ja, ich wollte Dir die Chance geben, leben zu können.

Wie auf dem Trampolin

Warum sollte Emma Maria nicht so alt werden wie diese eine Frau, 40? Emma war anders. In der Fruchtblase ist sie gesprungen wie auf dem Trampolin, quickfidel. Kinder mit dieser Krankheit bewegen sich wenig. Emma würde anders aussehen als die anderen, aber so schlimm würde es nicht werden. So viel Hoffnung, so viel Angst. Und doch haben wir zusammen Dinge erlebt, Du in meinem Bauch, Dein Papa an meiner Seite: Wir waren Kirschen pflücken, die haben Dir geschmeckt. Wir waren Boot fahren, im Kino, am Strand, in Polen einkaufen, wir haben uns viele Sehenswürdigkeiten angeschaut. Und immer fühltest Du Dich wohl. Dein Papa hat immer aufgepasst, dass ich nicht viel trage und wir uns nicht übernehmen. Er hat meinen Bauch mit Dir darin viel gestreichelt und Dir auch all seine Liebe so mitgegeben. Ja, wir waren schön, wir zwei.

So viele Bilder, so viele Momente, zu zweit, zu dritt mit Josephine. Im Florida Eiscafé, auf dem Wasser, beim Spazieren. Je schöner die Schwangerschaft, desto kräftiger würde sie werden. Ich habe jeden Moment mit Dir genossen – meine Emma Maria!

Die Ärzte machten wenig Hoffnung, aber medizinisch war für alles gesorgt. Ich habe Angst vor morgen, mein Schatz, schrieb Nadin. Morgen wird die Geburt eingeleitet. Ich habe Angst davor zu sehen, dass es Dir schlecht geht oder Du Dich quälst, weil Deine kleinen Lungen nicht atmen können. Ich bin so traurig, dass ich nichts machen kann, damit es Dir gut geht oder Du leben wirst. Ich bete zu Gott, dass wir beide das morgen schaffen. Er möge uns viel Kraft geben, damit wir uns, wenn vielleicht auch nur kurz, in den Armen halten können. Ich möchte für Dich da sein!

90 Minuten. Ich werde Dir all meine Liebe schenken in der kurzen Zeit, die wir füreinander leben. Vier Uhr morgens kam Emma zur Welt, an einem Julitag. Ein Gewitter zog über die Stadt. Es hat gedonnert und geblitzt. Du hast geschrien! Nicht laut und lange, aber Du hast es! So eine süße Stimme hast Du! Dann hat Dich die Hebamme auf meinen Bauch gelegt und plötzlich warst Du ganz still. Ich war so glücklich, Dich endlich in meinen Armen zu halten. An jedem Finger ein Fingernagel. Viele schwarze Haare, ein süßes Stupsnäschen, eine temperamentvolle Mimik, kräftige Schenkel.

"Wo bist Du?"

Ganz normal ihr Gewicht, obwohl die Schwangerschaft vorzeitig eingeleitet worden war: 2135 Gramm wog sie. Viel schwerer als gedacht. Emma wurde in den Erstversorgungsraum hinübergetragen, aber Nadin nicht dazu geschoben, selbst auf Nachfrage nicht. Dann wurde Emma ihr wiedergebracht. Nadin spürte es, als sie starb. Um 5.30 Uhr tat Emma den letzten Atemzug.

Wo bist Du? Der erste Tag nach sieben Monaten, an dem ich ohne Dich wach werde! Der Bauch hat sich zurückgezogen, aber ich habe Milch, die aus der Brust kommt. Ich kann sie Dir nicht geben. Du fehlst mir! Ich wünsche Dir, dass Du gerade sehr, sehr glücklich bist, da, wo Du nun bist. Nichts ist, wie es war! Nichts! Ich weiß nicht, wie mein Leben ohne Dich weitergehen soll! Du schenktest mir die Aufgabe, für Dich da zu sein. Danke! Danke, dass ich Dich sieben Monate begleiten durfte, wir hatten viel Spaß!

Nadin und Josephine haben Emma mit nach Hause genommen und dort aufgebahrt. Die Familie und die Freunde konnten sich verabschieden. Nadin suchte ein Grab, ein Familiengrab, kein Kindergrab, denn irgendwann würden sie alle wieder vereint sein. Sie hatte Träume, in denen sie Emma wieder ausgrub, in denen sie sich neben sie legte.

Viele Mütter verlieren ihr Baby. Nicht immer ist nach dem Tod jemand zur Stelle, der hilft. Nadin half sich mit anderen in der Sternenkindergruppe. Auch Josephine fand eine Therapie, denn ihr fehlt die Schwester. Nadin und Josephine halfen sich gegenseitig auf die Beine.

Ein Trauerjahr ist um. Lina Marie wurde geboren. Jeden Tag geht Nadin mit ihr auf den Friedhof. Dort, wo Emma liegt, ist ein Blumenherz, bunte Windmühlen drehen sich, eine Eule wacht über die Tage und die Nächte.

Emma Maria Kotsch
Emma Maria KotschFoto: privat

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