• Entführter Vietnamese im Tiergarten: Bundesanwaltschaft fordert vier Jahre Haft für Angeklagten

Entführter Vietnamese im Tiergarten : Bundesanwaltschaft fordert vier Jahre Haft für Angeklagten

Im Prozess um die Entführung eines vietnamesischen Geschäftsmannes fordern Ankläger Haft für einen Beteiligten. Am Mittwoch soll das Urteil verkündet werden.

Trinh Xuan Thanh sprach 2017 in Vietnams staatlichem Fernsehsender VTV.
Trinh Xuan Thanh sprach 2017 in Vietnams staatlichem Fernsehsender VTV.Foto: REUTERS/Kham/File Photo

Es war eine Tat, „die an die Zeiten des kalten Krieges erinnert, ein Polit-Thriller“, sagte einer der beiden Vertreter der Bundesanwaltschaft. Long N. H. habe an einem „staatlich organisierten Kidnapping“ mitgewirkt. Es sei eine Operation des vietnamesischen Geheimdienstes gewesen – mitten in Berlin. Genau ein Jahr und einen Tag nach Entführung des Ex-Funktionärs und Geschäftsmannes Trinh Xuan Thanh forderte die Bundesanwaltschaft vier Jahre Haft für den Angeklagten. Am Mittwoch soll das Urteil verkündet werden.

Teilnahmslos ließ der 47-jährige Angeklagte am Dienstag die Schlussvorträge über sich ergehen. Er wurde im August 2017 in Tschechien festgenommen und ausgeliefert. Wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit und Beihilfe zur Freiheitsberaubung muss er sich seit rund drei Monaten vor dem Kammergericht verantworten. Er habe sich durch „logistische Tätigkeiten“ an einer Operation des vietnamesischen Geheimdienstes beteiligt, so die Ankläger. Für die Observation und die Entführung von Trinh Xuan Thanh und dessen Geliebter habe der Angeklagte in Prag Fahrzeuge angemietet und bewusst an einem gravierenden Verstoß gegen das Völkerrecht mitgewirkt.

Der Fall "TXT" sorgte für diplomatische Spannungen

Die Entführer schlugen am 23. Juli 2017 gegen elf Uhr zu. Neben dem aus Vietnam geflohenen Trinh Xuan Thanh und seiner 28-jährigen Begleiterin hielt an der Hofjägerallee ein Wagen mit tschechischem Kennzeichen. Das Paar wurde in einen Multivan gezogen. Die Sonnenbrille und ein Handy von Trinh Xuan Thanh blieben zurück.

Der Fall sorgte für diplomatische Spannungen. Trinh Xuan Thanh, genannt TXT, war 2016 nach Deutschland geflohen und hatte politisches Asyl beantragt. 2018 wurde er in Vietnam in zwei Verfahren zu lebenslanger Haft verurteilt. Wegen angeblicher Korruption und Misswirtschaft.

Der Ex-Vorstandschef eines staatlichen Konzerns sei verschleppt worden, so die Bundesanwaltschaft. Weil Vietnam auf legalem Wege wie einem Festnahme- und Auslieferungsersuchen gescheitert sei. Für die Operation sei eine Gruppe unter Führung eines Generalleutnants zusammengestellt worden, um die Opfer auszuspähen und eine günstige Gelegenheit für die geplante Verschleppung zu ermitteln. Der Angeklagte sei einer von drei in Prag angeheuerten Helfern gewesen.

Zeugen des Menschenraubes im Tiergarten hatten sich geistesgegenwärtig das Autokennzeichen notiert. Die Spur führte unter anderem zu Long N. H. in Prag. Im Prozess erklärte er zunächst, er habe von der bevorstehenden Aktion in Berlins Mitte nichts gewusst. Er habe die Autos, darunter einen BMW X5 und einen Multivan VW T5, für „touristische Zwecke“ anmieten sollen.

Als die Beweislage aber auf eine Verurteilung zusteuerte, legte Long N. H. ein Geständnis ab. Obwohl der Mann, der eine Geldwechselstube in Prag betreibt, befürchten müsse, dass in Vietnam lebende Angehörige wegen der jetzigen Aussage unter Druck gesetzt werden könnten, sagte ein Verteidiger. Der Bundesanwalt plädierte auf eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren.

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