Erhebt Einspruch : Kein Beifall für schlechte Reden!

Zu viele belanglose Ansprachen in Berlin: unoriginell und eine quälende Unterforderung des Geistes. Schluss mit dieser Zeitverschwendung! Ein „Buh“ ist besser als müder Beifall.

Eine Rede muss vor allem eins: fesseln.
Eine Rede muss vor allem eins: fesseln.Foto: imago/Science Photo Library

Der Saal ist voll, die Stimmung freudig und gespannt. Schließlich sollen hier gleich mehrere Künstler gerühmt werden. Der Redner geht zum Pult und beginnt mit der Begrüßung. Hier ein Politiker, da ein Professor, dort ein „Von und Zu“, der anscheinend persönlich angesprochen werden muss. Endlich folgt die abschließende Formel „liebe Gäste“. Nun kann es losgehen – doch nach wenigen Sätzen ist klar: Es wird nicht besser.

Hier feiert sich einer begeistert selbst. Es geht um ihn, sein Unternehmen, dessen Erfolgsgeschichte und viel Werbung in eigener Sache. Die ersten Zuhörer, die gekommen sind, um einer Preisverleihung beizuwohnen, senken die Köpfe, hinter mir wird getuschelt, Unruhe mäandert durch die Reihen. Nach fünf Minuten breitet sich diese Müdigkeit aus, die ich aus dem Studium kenne: Worte plätschern vorbei, nichts bleibt hängen, kein kluger Satz ist zu hören, weder eine Spitze, Pointe noch eine originelle These. Kein „Aha“, kein „Oh“, kein „Das ist ja interessant!“ Eigentlich möchte ich aufstehen und gehen. Oder, besser noch: aufstehen und Einspruch erheben. Einspruch gegen diese sinnlose Zeitvergeudung, diese Unterforderung des Geistes. Leute, wehrt euch gegen eine solche Zumutung von Rede!

In Berlin treffen so viele Kreative, Intellektuelle und Entscheider aufeinander, werden täglich zig Reden gehalten – da müsste die Kunst der Ansprache doch weit fortgeschritten sein. Ist aber nicht so.

An einem Berliner Gymnasium haben vor wenigen Tagen knapp 100 Schüler ihr Abitur bestanden. Mehr als die Hälfte derjenigen, die in der Aula zur Vergabe ihrer Zeugnisse Platz genommen haben, gehen mit einer Eins vor dem Komma in Studium, Ausbildung, auf Reisen oder ins Freiwillige Soziale Jahr. Sie sind diejenigen, von denen man wohl als Elite sprechen könnte. Sie müssen ausbaden, was unsere Generation ihnen als politischen, ökologischen und ökonomischen Müll hinterlässt. Sie sind im besten Fall auch die, die Kraft ihres Wissens, ihrer Intelligenz und ihrer Fähigkeiten die Erde retten werden. Oder es zumindest versuchen.

Wer eine schlechte Rede hält, muss Kritik ertragen. Wie ein schlechter Schauspieler

Die Direktorin beginnt ihre Rede – und es ist kaum zu fassen. Ihre Anekdötchen sind zum Fremdschämen und beziehen sich teilweise nicht einmal auf den Jahrgang, der vor ihr sitzt. Als sie schließlich das „Reifezeugnis“ als „Zeugnis der Reife“ in seine semantischen Einzelteile zerlegt, fühle ich mich an mein Abitur (1981) und später an die „Feuerzangenbowle“ erinnert. Eine Abi-Rede 2018: kein Wort zur Politik, zu den Gefahren des Populismus, nichts zur Zivilgesellschaft, zu Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Mediennutzung und -kritik, zu Verantwortung und Bürgerpflicht, zum Stand und zum Lob der Demokratie, kein Wort zu den Forderungen unserer Zeit nach Widerständigkeit, Einmischung und politischem Engagement. Nichts zum Thema Toleranz und Friedfertigkeit und schon gar kein Esprit, kein Humor, kein Geist. Humanistische Bildung? Thema verfehlt.

Am liebsten würde ich aufspringen und mich empören. Dazwischenrufen, den Jugendlichen zeigen: Das hier ist Mist! Das müsst ihr nicht aushalten! Ihr müsst nicht belangloses Geschwätz über euch ergehen lassen, nur weil es der feierliche Rahmen gebietet. Das ist es doch gerade, was fürs Leben gelten soll: Nichts ertragen – weil man das schon immer so gemacht hat! Einmischen! Wann immer nötig gediegene Abläufe stören!

Aber das mache ich natürlich wieder einmal nicht. Ich sitze auf meinem Stuhl in der Aula, die Blumen in der Hand, und hadere. Mit meiner Angst vor dem Aufruhr, mit der Feigheit und mit dem Zaudern. Dabei weiß ich: Es gibt so gute Redner und Reden, die noch lange nachwirken. Sätze, die so stark sind, dass sie auch nach Jahren noch zitiert werden. Weil sie ins Mark treffen und ins Herz, weil die Zuhörer sich gemeint fühlen, weil den Redner Empathie und Zuneigung mit seinen Adressaten verbindet.

Deshalb fordere ich: Kein Respekt vor schlechten Reden! Keine Beißhemmung! Wer eine schlechte Rede hält, muss Kritik ertragen. Wie ein schlechter Schauspieler. Lieber ein „Buh“ anstelle müden Beifalls!

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