Erinnerungen an den 7. Oktober 1989 : „Wir wollten da hin, wo es dem Staat richtig wehtut“

Der 40. Geburtstag der DDR am 7. Oktober 1989 wurde von massiven Demonstrationen begleitet. Zwei Aktivisten erinnern sich.

Menschenmassen am Alexanderplatz.
Menschenmassen am Alexanderplatz.Foto: Robert-Havemann-Gesellschaft/Nikolaus Becker

Alles war bereitet: Anlässlich des 40. Jubiläums der am 7. Oktober 1949 gegründeten DDR fuhr das zu diesem Zeitpunkt durch Massenflucht und Proteste bereits empfindlich unter Druck geratene Regime Erich Honeckers alles auf, wozu es im Stande war. 10.000 Menschen besuchten den Fackelmarsch der Jugendorganisation FDJ am Vorabend des Republikgeburtstages, darauf folgte eine Militärparade der Nationalen Volksarmee.

Am Nachmittag begann eine Festveranstaltung im herausgeputzten Palast der Republik, zahlreiche Staatsgäste aus der kommunistischen Welt kamen nach Berlin. Prominentester Gast der Feier war Michail Gorbatschow, der mit Glasnost und Perestroika längst die Weichen auf Reform gestellt hatte.

Doch es kam anders. Nicht die Bilder prunkvoller Paraden und fahnenschwenkender Massen gingen in die Geschichtsbücher ein, sondern die scheinbar aus dem Nichts zunächst auf dem Alexanderplatz und später in Hör- und Sichtweite des Palastes aufmarschierten Demonstranten. Sie hatten ganz anderes im Sinn, als der dort versammelten SED-Spitze zu huldigen.

Die große Aufmerksamkeit als Kalkül der Aktivisten

Schlachtrufe wie „Gorbi, hilf uns“ oder „Wir sind das Volk“ hallten durch die von Polizei und Staatssicherheit abgeriegelten Straßen. Ignoriert von den hinter verschlossenen Türen und verspiegelten Fenstern feiernden Genossen, in alle Welt transportiert durch die in großer Zahl vertretenen Medien aus dem Westen – deren Nachrichten auch in vielen ostdeutschen Wohnzimmern verfolgt wurden.

Genau so hatten sich das Evelyn Zupke und Frank Pfeifer, damals 26 und 27 Jahre alt, ausgedacht. Niemals wieder würde sich ihnen diese Bühne für die seit der manipulierten Kommunalwahl am 7. Mai 1989 gestarteten Proteste bieten, so das Kalkül der Aktivisten, die dem Weißenseer Friedenskreis angehörten. Die Gruppe war Mitte der 1980er Jahre im Umkreis der Evangelischen Kirche entstanden und maßgeblich an der Aufdeckung der Wahlfälschung beteiligt.

„Wir wollten da hin, wo es dem Staat richtig wehtut“

Von dem Tag an organisierten ihre Mitglieder immer am siebten Tag des Monats Kundgebungen oder Demonstrationen. Zunächst auf dem Gelände einzelner Kirchen, die vom Zugriff der Staatsmacht weitestgehend geschützt waren. Später auf dem für die DDR-Führung von hohem Symbolwert behafteten Alexanderplatz. „Wir wollten da hin, wo es dem Staat richtig wehtut“, erinnert sich Zupke.

Jedoch: Um ein Haar wäre mit den monatlichen Protesten nach dem 7. September und damit einen Monat vor dem Republikgeburtstag Schluss gewesen. An jenem Tag hatten sich etwas mehr als ein Dutzend Mitstreiter von Zupke und Pfeifer auf dem Alexanderplatz versammelt.

Genauer: in der Nähe des Brunnens der Völkerfreundschaft, dem Springbrunnen im Zentrum des Platzes. Ihr Ziel: Sich auf Kommando zu einer Art lebendigem Protestbanner zu formieren und mithilfe bedruckter T-Shirts die Parole „7. Mai – Wahlbetrug“ zu bilden.

Brutal schlug die Staatsmacht zu

Der Plan ging schief. Noch bevor die Aktivisten ihre Mäntel öffnen und ihre Botschaft präsentieren konnten, schlug die großzügig auf dem Platz verteilte Staatsmacht zu. Mit brutaler Gewalt wurden die Männer und Frauen aus dem Brunnen gezerrt, in den sie sich eilig gestürzt hatten. „Schließlich sollten die wenigstens nass werden, wenn sie uns schon festnehmen“, erzählt Evelyn Zupke. Wenig später fand sich die gesamte Gruppe im Gefängnis wieder. Zupke berichtet von Hämatomen am ganzen Körper, ein anderer Aktivist erlitt einen Armbruch.

Es folgten interne Debatten. „Viele waren sehr schockiert, die Angst war groß, auch der Kinder wegen“, erklärt Evelyn Zupke, damals alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Sohnes. Konfrontiert mit der brutalen Härte des Staates, plädierten viele für Zurückhaltung, vor allem am 7. Oktober. „Das können wir nicht machen, das ist der große Nationalfeiertag“, erinnert sich Frank Pfeifer an die Worte einiger Mitstreiter. Sie fürchteten die „maximale Provokation“, wie Zupke die spätere Demonstration zum Republikgeburtstag nennt, ihrer selbst und der Familien wegen.

„Die Angst war groß, auch der Kinder wegen“

Doch Zupke und Pfeifer entschieden anders. „Das ist doch gerade der Tag, an dem wir die Chance auf eine Massendemonstration haben“, argumentierte Pfeifer, heute Redakteur der „Leipziger Volkszeitung“. „Wir wären doch doof gewesen, uns diese mediale Öffentlichkeit entgehen zu lassen.“ Beide beschlossen, auf eigene Faust vorzugehen.

In Zupkes Wohnung, die er als barackenähnlich erinnert und die auf dem Gelände der diakonischen Stephanus Stiftung gelegen war, druckten und verteilten die beiden Flugblätter im A6-Format mit dem Aufruf, sich am 7. Oktober auf dem Alexanderplatz zu versammeln. Beide waren sich des immensen Risikos bewusst, hatten Angst und schlaflose Nächte. Doch mit den ersten verteilten Flugblättern gab es kein Zurück mehr.

Von der Dynamik wiederum, die der von Zupke und Pfeifer mit dem Zusatz „Mündige Bürger“ unterzeichnete Aufruf entfaltete, erfuhren sie am 7. Oktober selbst zunächst nichts. Sie hatten die Nacht zuvor in der Gethsemanekirche verbracht, die durch eine dauerhafte Mahnwache zur Anlaufstelle der DDR-Opposition avanciert war.

Frank Pfeifer und Evelyn Zupke, Organisatoren der Demo am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin.
Frank Pfeifer und Evelyn Zupke, Organisatoren der Demo am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin.Foto: privat

Pfeifer berichtet von zwei Wagen und sechs Stasi-Mitarbeitern, die ihn vom 5. Oktober an auf Schritt und Tritt verfolgten. Hätten er und Evelyn Zupke die Kirche verlassen, wären sie sofort verhaftet worden, glaubt er. Zupke, die heute in Schulen als Zeitzeugin über die damalige Zeit berichtet, sagte sich damals: „Das war ein Alleingänger, das geht auch ohne uns. Es braucht uns diesmal nicht.“ Und auch Pfeifer erklärt: „Ich wollte nicht schon wieder, noch während die Demo läuft, im Bau sitzen.“

Ihr Plan war aufgegangen – Erich Honeckers zerstört

Auf dem Alexanderplatz versammelten sich unterdessen erst Hunderte, dann Tausende. Aufnahmen zeigen, wie der Platz zwischen Weltzeituhr und S-Bahnhof von Menschen verstopft ist. Irgendwann formiert sich ein Zug, drängt in Richtung Palast und Feier der Mächtigen, wird größer, ruft die zu diesem Zeitpunkt vor allem aus Leipzig bekannten Parolen. Schließlich ein Anruf beim sogenannten Kontakttelefon im Gemeindebüro der Gethsemanekirche: „Da sind 2000 Leute auf der Straße“, berichtete ein Mitstreiter der ausharrenden Evelyn Zupke. Ihr Plan war aufgegangen – Erich Honeckers zerstört.

Was folgte, war ein Desaster für beide Seiten. Nachdem der von den Protestierenden demonstrativ umjubelte Gorbatschow Feier und Stadt verlassen hatte, schlugen die Sicherheitskräfte zu. Der Protestzug – in der Zwischenzeit zur Gethsemanekirche und zurück in Richtung Innenstadt gelaufen – wurde an der Kreuzung Moll-/Ecke Hans-Beimler-Straße (heute Otto-Braun-Straße) gestoppt, es folgte eine Eskalation der Gewalt.

Eskalation der Gewalt

Unzählige Demonstranten wurden verprügelt und festgenommen, landeten in Gefängniszellen. Den ganzen Abend über kam es zu Jagdszenen und brutalen Festnahmen, die teilweise gänzlich unbeteiligte Menschen trafen.

Evelyn Zupke und Frank Pfeifer wiederum entkamen dem Tumult. Zwar hatten sich die beiden Aktivisten zwischenzeitlich den Demonstrierenden angeschlossen, verhaftet wurden sie aber nicht. Jeder Einzelne habe gewusst, in welche Gefahr er sich mit der Teilnahme an dem Umzug bringe, betonen die beiden. Von der Härte des Vorgehens sind sie aber auch heute noch schockiert.

Was ihnen vom für die DDR-Führung so desaströs verlaufenen 40. Republikgeburtstag bleibt, ist die Erinnerung: Pfeifer erzählt die Geschichte der flüchtigen Begegnung mit einem ungarischen Teilnehmer des Demonstrationszuges. Während die Polizei den Marsch durch Prenzlauer Berg noch duldete, habe der ihn angesprochen und gesagt, das Ende der DDR sei nahe. Pfeifer konnte es nicht glauben, fünf Wochen später fiel die Mauer.

Die Ironie der Geschichte: Er erlebte diesen Tag in Schleswig-Holstein. Am 4. Oktober war sein Ausreiseantrag genehmigt, allerdings erst in den Tagen nach der Demonstration zugestellt worden. Am 21. Oktober 1989 verließ Pfeifer die DDR.

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