Nicht fluchen, ist ja nur ein Experiment.

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Erlaubt - und gefährlich? : Mit dem Fahrrad über den Kaiserdamm

Als makabres Gegenargument steht ausgerechnet hier eines der vom ADFC aufgestellten „Geisterräder“: Im September 2012 wurde eine 64-Jährige von einem rechts abbiegenden Lkw überfahren. Interessante „Verkehrssicherheitserwägungen“ sind das, deren Ergebnis nach einem tödlichen Unfall lautet, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Der Anwalt, der auch die Demontage der anderen Schilder veranlasst hat, hat Widerspruch gegen diese Ausnahme eingelegt, die praktisch alle Zutaten für weitere solche Unfälle enthält. Zwar soll irgendwann der Radweg an die Straße geschwenkt werden, aber einen Termin dafür gibt es laut Verwaltung noch nicht.

Hinter dem Messedamm geht’s legal weiter auf der Straße – das gute Gefühl kehrt zurück, die Autos rollen ruhig vorbei. In einem Anflug von Übermut wird der Schwierigkeitsgrad erhöht: Linksabbiegen in die Schlossstraße. Dazu müssen drei Fahrspuren gequert werden. Kaum Verkehr von hinten, also Hand raus, umschauen, aufpassen. Ein gerade erst aus der Esso-Tankstelle gestarteter Smartfahrer hat keine Lust, drei Sekunden für Radfahrers Spurwechsel zu opfern. Er müsste gar nicht bremsen, nur den Fuß vom Gas nehmen. Tut es ganz kurz – und zieht dann so dicht vorbei, dass sein Spiegel fast die herausgehaltene Hand berührt. Der Fahrer des Lieferwagens eine Spur weiter links schaut demonstrativ genervt, aber lässt Platz. Nicht fluchen, ist ja nur ein Experiment. Niemand hat die Absicht, eine neue Hackordnung zu errichten, jedenfalls nicht hier und jetzt.

Selbstversuch: Mit dem Fahrrad auf dem Kaiserdamm
Ein Linksabbiege-Versuch vor der Schloßstraße, Teil 1: Der Smart ist gerade erst hinter dem Radler auf den Kaiserdamm eingebogen, beschleunigt allmählich...Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Doris Spiekermann-Klaas
04.05.2013 22:53Ein Linksabbiege-Versuch vor der Schloßstraße, Teil 1: Der Smart ist gerade erst hinter dem Radler auf den Kaiserdamm eingebogen,...

Ab jetzt geht’s geradeaus weiter bis zum Ernst-Reuter-Platz. An der Kaiser- Friedrich-Straße ist der Radweg bereits für wenige Meter so an die Straße heran- verlegt worden, dass sich Autofahrer und Radler besser sehen. Es ist die Stelle, an der 2004 der neunjährige Dersu auf dem Schulweg von einem rechts abbiegenden Lastwagen überrollt wurde, dessen Fahrer den Jungen hinter der Mutter auf dem damals noch nicht umgebauten Radweg übersehen hatte.

Weil gute Sicht so wichtig ist, lässt der Senat auf immer mehr Hauptstraßen Radfahrstreifen markieren. Für die Achse durch Charlottenburg sei das nicht geplant, heißt es auf Nachfrage. Es bleibt bei zehn Spuren für die Autos. Ein Postbote sagt, er bleibe mit seinem Rad immer auf dem Gehweg. „Das ist doch hier ’ne Autobahn.“ Er wisse, wovon er rede, denn er fahre mit dem Auto zur Arbeit.

Vor dem Ernst-Reuter-Kreisel gilt wieder Benutzungspflicht. Zeit, die 3,2 Kilometer zurück zum Theo zu fahren. Soweit erlaubt, erneut auf der Straße, auf der allerdings viele Zweite-Reihe-Parker zu Linksschwenks zwingen. So schnurrt der überraschend klar gefühlte (und von Statistiken im Allgemeinen belegte) Sicherheitsgewinn der Fahrbahn gegenüber dem Radweg wieder zusammen. Zwar hatte ein vorab befragter Unfallexperte versichert: „Von hinten karrt einen niemand um.“ Der Mann im Citroen, der auf Höhe Meerscheidtstraße pöbelnd und hupend extra knapp überholt, würde wohl gern. In seiner Wut sieht er nicht, dass zu seiner Linken zwei weitere Spuren zu seiner Verfügung stehen. Beschränkte Sichtverhältnisse sind wirklich gefährlich im Verkehr.

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