Erpressung am Berliner Straßenstrich : Bande kassierte 16 000 Euro

Unter Gewaltandrohung erpresste eine Bande junge Frauen auf dem Straßenstrich in der Kurfürstenstraße und forderte "Standgelder". Drei mutmaßliche Täter stehen seit Montag vor Gericht.

Der Hauptangeklagte soll zu einem Clan gehören (Archivbild). 
Der Hauptangeklagte soll zu einem Clan gehören (Archivbild). Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Wenn es auf das Wochenende zuging, verlangten sie „Standgelder“: Eine Bande von Erpressern drohte mit Gewalt und nahm jungen Frauen auf dem Straßenstrich rund um die Kurfürstenstraße über Monate hinweg Geld ab. Drei der mutmaßlichen Täter stehen seit Montag vor dem Landgericht. Sie stammen aus einer Hafenstadt in Bulgarien und leben bereits längere Zeit in Berlin. 

Neben dem 24-jährigen Sevdalin M. und dem 34-jährigen Ivaylo Ma. muss sich mit Demirka N. auch eine Frau verantworten. Sie ist schwanger. „Der Gedanke, mein Kind in der Haft zu bekommen, beunruhigt mich sehr“, sagte die 26-Jährige.

N. werden zwei Fälle zur Last gelegt, ebenso wie ihrem Partner Ma. Hauptangeklagter ist Sevdalin M., dem sechs Fälle vorgeworfen werden. Die Anklage geht davon aus, dass er wöchentlich Standgelder von Prostituierten erpresste. Von Juni 2018 bis November 2019 habe er 16 130 Euro kassiert.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Der Verteidiger von M. erklärte, sein Mandant habe „davon gelebt“. Andere Einkünfte habe es für den 24-Jährigen nicht gegeben. Die Anklage treffe zu. Darin heißt es, die Gruppierung habe „insbesondere unerfahrene Frauen – vor allem aus Rumänien – und ihre Begleiter zu Zahlungen aufgefordert“. Sie hätten dabei erklärt, die Straße würde ihnen „gehören“. Wöchentlich seien 100 bis 180 Euro verlangt und im Falle der Nichtzahlung gedroht worden, sie aus dem lukrativen Gebiet im Rotlichtmilieu zu vertreiben. 

Sechs Frauen werden in der Anklageschrift genannt. Fünf von ihnen hätten immer wieder aus Angst gezahlt. Eine der Bedrohten hatte sich allerdings der Polizei offenbart. Daraufhin liefen Ermittlungen an, Telefone wurden überwacht und viele Beweise gesammelt. 

„Als ich anfing, zahlte ich zuerst auch Gebühren“, erklärte Demirka N. über ihre Verteidigerin. „Weil ich es selber nicht anders kannte, hatte ich keine Hemmungen, andere Frauen nach Standgeld zu fragen.“ Sie habe es aber mit gemischten Gefühlen getan. „Prostituierte ist kein toller Beruf“, sagte sie den Richtern. „Meistens lebt man von der Hand in den Mund.“ Sie selbst sei 18 Jahre alt gewesen, als sie mit der Arbeit auf der Straße begann. „Man ist relativ schutzlos und muss sich ein hartes Verhalten angewöhnen.“ In die Aktivität der der Erpresser sei sie „reingerutscht“. Geld habe sie allerdings nicht erhalten.

Er sei bei der ersten Tat ahnungslos gewesen

Auch Ivaylo Ma. will kein Hauptakteur gewesen sein. Er habe Sevdalin M. in einem Café in der Bülowstraße kennengelernt. Viele Bulgaren würden sich dort aufhalten. „Er fragte dann, ob ich Geld abholen würde von einer Frau.“ Er sei bei dieser ersten Tat ahnungslos gewesen. Er habe aber später mitbekommen, dass das Geld nicht freiwillig gezahlt wurde. Als Lohn habe er von M. die eine oder andere Einladung auf ein Bier oder ein Essen erhalten. Künftig wolle er die Szene meiden, so Ma.

Den freundlichen Kumpeltyp gegeben - aber mit Nachdruck

Der Hauptangeklagte soll zu einem Clan gehören. Prostituierte, die befragt wurden, hätten keinen Ärger haben wollen, sagte eine Ermittlerin. „Die haben Angst vor der Familie.“ M. habe den "freundlichen Kumpeltyp" gegeben - aber mit Nachdruck. Nach einer Verständigung aller Prozessbeteiligten droht dem 24-Jährigen bei einem Geständnis eine Strafe von maximal vier Jahren und drei Monaten Haft. Die Mitangeklagten können auf Bewährung hoffen. Der Prozess geht Mittwoch weiter. 

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!