• Erste Tagesspiegel-Ausgabe 1945: "Trotzdem hat es immer ein weltoffenes Deutschland gegeben"

Niemals ist die Situation für jeden Deutschen so günstig gewesen

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Erste Tagesspiegel-Ausgabe 1945 : "Trotzdem hat es immer ein weltoffenes Deutschland gegeben"
Erik Reger
Die erste Ausgabe. Die Tagesspiegel-Titelseite vom 27. September 1945. Die neue Zeitung erschien damals mit einem Umfang von vier Seiten.
Die erste Ausgabe. Die Tagesspiegel-Titelseite vom 27. September 1945. Die neue Zeitung erschien damals mit einem Umfang von vier...Foto: Tagesspiegel

Auch 1918 war ein Krieg verloren, doch fanden sich zuviele Gelegenheiten, es zu leugnen. Das Land war unzerstört. Die Inflation machte einer Scheinkonjunktur Platz. Europa wies noch reiche, den Handelsverkehr fördernde Länder auf. Geschlagene Generale brüsteten sich als "im Felde Unbesiegte", bloß weil man versäumt hatte, sie zu verhaften. Wo nicht die Pensionsgelder der Republik, versetzten die Finanzen der Schwerindustrie sie in die Lage, ihre Dolchstoßlegende zu erdichten und antisemitische Vereinigungen zu gründen, um gegen die neue Verfassung zu wühlen.

Alle nationalistischen Zeitungen erschienen weiter, als sei nichts geschehen, neue schlüpften reptilhaft aus einem einzigen faulen Ei der militarisch-chauvinistischen Reaktion. Satanisch lockend nahe lag der Schluß: "Es lässt sich also auch nach einem verlorenen Kriege gut leben, folglich rentieren Kriege immer." Nichts von alledem ist heute möglich, weil nichts von alledem existiert. Glück im Unglück: wo all und jedes vertan und verspielt ist, ist neben dem Guten auch das Böse vertan und verspielt. Wir haben einen klaren Anfang. Nichts hindert uns: keine unterirdische Kanaille, keine Fememörder, kein Hindenburgmythos, kein Flaggenzwist, keine ihr Amt missbrauchenden Richter, Lehrer, Professoren, kein Dauer-Meißner, der bereit wäre, von Ebert bis Hitler Staatssekretär zu spielen.

Wir haben alle als Kriegsgewinnler zu gelten

Niemals ist, so betrachtet, die Situation für jeden einzelnen Deutschen so günstig gewesen –: er steht wie Gottvater am Anbeginn der Schöpfung, die Erde ist für ihn wüst und leer, aber sein Geist darf sich unbeschwert entfalten, um den schon von Goethe schmerzlich empfundenen Widerspruch aufzuheben, dass Deutschland nichts ist, obwohl der einzelne Deutsche viel ist. Es muß möglich sein, die achtbaren Individuen zu einer achtbaren Nation zu summieren. In der Weltordnung ist stets das Gestern im Heute, aber auch im Heute das Morgen enthalten.

Die Zukunft ist, mathematisch ausgedrückt, Vergangenheit plus Gegenwart plus x. Dieses X, die unbekannte Größe, ruht nur zum Teil im Schoße des Schicksals, außerhalb von uns selbst. Zu einem anderen Teile richtet es sich nach dem Geist, in dem wir die Tradition zu beurteilen, zu zergliedern und fruchtbar zu machen wissen. Es ist nicht wahr, dass alle Deutschen schlecht sind; aber es ist nur zu wahr, dass die vielen, die schlechte Deutsche geworden sind, weil sie das Beste, das aus den besten Deutschen sprach, zuerst verkannten und dann verbannten, oder in milderen Fällen zuließen, dass es verschüttet wurde. Jeder, der heute in den Ruinen nach einem Rest seiner Habe gräbt, begeht eine symbolische Handlung. Denn genau so müssen wir auf dem Trümmerhaufen aller menschlichen und sittlichen Werte, den der leider nicht nur erduldete, sondern auch geduldete Herr Hitler hinterlassen hat, ein verschüttetes, redliches und strebend bemühtes Deutschland ausgraben.

Am Anfang die Wüste. Stunde Null Berlin 1945. Für den Publizisten Erik Reger, Mitbegründer des Tagesspiegels, hat Deutschland jetzt die einmalige Chance, alles besser zu machen.
Am Anfang die Wüste. Stunde Null Berlin 1945. Für den Publizisten Erik Reger, Mitbegründer des Tagesspiegels, hat Deutschland...Foto: Bundesarchiv

Hitlers Propaganda war darauf aus, der Welt ein "deutsches Wunder" vorzugaukeln, das uns die Schamröte für ewige Zeiten ins Gesicht treiben müsste, wenn jetzt ein wahrhaftiges deutsches Wunder misslänge. Von der positiven Aufgabe, der höheren Pflicht reden heute allerdings viele, die schon vor zwanzig Jahren davon geredet haben, ohne sie zu erfüllen. Wir werden in Zukunft streng unterscheiden zwischen denen, die sich im Schönrednertum erschöpfen, und denen, die sich ihrer Aufgabe in Demut unterziehen. Demut ist ein sehr tiefes Wort unserer Sprache. Nach seiner Wurzel bedeutet es den Mut zum Dienen. Da wir ohne den Sieg der alliierten Heere wohl niemals mehr zu uns selbst gekommen wären, haben wir sozusagen alle als Kriegsgewinnler zu gelten. Der Preis, den wir dafür zahlen, ist im Grunde gering. Folglich haben wir keine Ansprüche zu stellen, außer an uns selbst.

Deutschland ist in vieler Beziehung merkwürdig und absonderlich, voll des Bewundernswerten und voll des Hassenswerten, aber daß es nicht genug Männer hätte, eine demokratische Republik Deutschland demokratisch zu regieren und getarnte Feinde ebenso wie unfähige Freunde zu überwinden, ist ein Irrtum. Diese Männer sind zu einem geistigen "Volkssturm" aufgeboten, um durch ihr Selbstvertrauen dem deutschen Volke das Maß an Vertrauen der Welt zu gewinnen, das neben vielem anderen nach den Erklärungen des Präsidenten Truman und des Generals Eisenhower auch die Dauer der Besetzung unseres Landes bestimmen wird.

Wir wollen unsere Freiheit einmal uns selbst verdanken

Aber nicht deswegen, bloß um der Besatzung ledig zu werden, wollen wir eine demokratische deutsche Republik. Der Besatzung steht Deutschland ganz anders als 1918 gegenüber. Damals wurde sie törichterweise bis weit in die äußerste Linke hinein als ein Unrecht angesehen. Von Berlin aus blickte man feindselig auf die Truppen im Rheinland und sah in ihnen nur einen Anlaß mehr zu der ewigen Protestierpolitik, die man mangels besserer Einfälle verfolgte. Wer sich im Rheinland vernünftigerweise mit der Besatzung vertragen wollte, wurde verfemt.

Heute ist niemand, der an dem guten Verhältnis zwischen Besatzung und Bevölkerung Anstoß nimmt. Ganz im Gegenteil, jedermann begrüßt es. Und das rührt nicht etwa daher, dass die Deutschen buchstäblich zu niedergeschlagen wären, um sich zu unfreundlichen Gefühlen hinreißen zu lassen. Nein, es liegt, wenngleich oft nur im Unterbewusstsein, die Erkenntnis darin, daß auf der Seite dieser fremden Soldaten Recht und Wahrheit sind. Daher sehen wir sie gern. Und wenn wir alles tun wollen, die Zeit der Besetzung abzukürzen, so nicht, um diese Soldaten loszuwerden, sondern in dem brennenden Wunsch, endlich dahin zu gelangen, dass wir unsere Freiheit einmal uns selber verdanken und ihrer nach eigenen Verdiensten würdig sind.

Dieser Beitrag erschien in der Erstausgabe des Tagesspiegels vom 27. September 1945. Lesen Sie hier Erik Regers Tagebuchaufzeichnungen zum Kriegsende 1945 und der Stunde Null in Berlin. Mehr zu Erik Reger und anderen Tagesspiegel-Autoren der frühen Jahre finden Sie auf unserer Themenseite. Archiv-Beiträge aus der Nachkriegszeit können Sie zudem bei Twitter lesen.

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