Berlin : Es hat gefunkt beim Investor

Wie der Projektentwickler Albert Ben-David das skandalumwitterte DDR-Rundfunkgelände an der Nalepastraße wiederbeleben will

Stefan Jacobs

Nachdem Albert Ben-David die Herrschaft über das Rundfunkstädtchen übernommen hatte, verbot er als Erstes das Wegwerfen. So kommt es, dass er jetzt in seinem Büro im früheren DDR-Funkhaus an der Nalepastraße vor einer Sprelacart-Schrankwand mit Büchern von Stalin, Tonbändern, einem Plattenspieler und Radioempfängern mit Namen wie „Kuba“ oder „Weimar“, einem Telefonvermittlungspult aus Bakelit und diversen abmontierten Wanduhren sitzt. An den Wänden hängen eine Schautafel mit Lobpreisungen des Kommunistenführers Ernst Thälmann, eine geschnitzte Büste des sowjetischen Geheimdienstchefs Felix Dserschinski sowie Fotos des Genossen Erich Honecker und seines Ministerpräsidenten Willy Stoph. Und dank dem halb flauschigen, halb räudigen Teppich riecht es in dem Büro sogar noch ein wenig nach DDR. Denkmalschützern sollten Freudentränen in die Augen schießen in dieser Atmosphäre.

Seit September gehört dem in Israel geborenen Ingenieur Albert Ben-David und seiner Projektentwicklungsgesellschaft Keshet – Hebräisch für „Bogen“ oder „Regenbogen“ – das Kernareal des mehr als 13 Hektar großen Geländes am Ufer der Spree: Vier Gebäudekomplexe aus den 50er Jahren, in denen rund 46 000 Quadratmeter Geschossfläche stecken: Hallen, Mehrzwecksäle, Studios, Konzertsäle sowie fast unendlich viele Büros. Rund 5000 Menschen haben hier einst gearbeitet, bis nach der Wende der DDR-Rundfunk abgewickelt wurde und die neuen Bundesländer und Berlin das Kleinod erst sich selbst und dann ein paar windigen Spekulanten überließen. Die ließen es für mehr als drei Millionen Euro versteigern. Albert Ben-David bekam den Zuschlag für das Ensemble am Ufer der Spree in Köpenick, in dem auch für große Träume genug Platz ist.

Es hat Monate gedauert, bis er überhaupt jeden Winkel inspiziert hatte. Jetzt holt der Investor einen Teleskopstift aus der Tasche, um seine Pläne auf bunten Simulationen zu zeigen. Dann lädt er zu einem Rundgang durch sein Reich, öffnet Türen, zeigt auf Fenster, Treppen, Glastüren und sagt Dinge wie „very Bauhaus“ oder „Hier wieder unser Freund, die Uhr“. In jedem Raum hängt eine Uhr; hinter den meisten steckte ein Abhörmikrofon. Die Stasi hatte sogar ein Kabuff unterm Dach, von dem aus sie die Flugzeuge Richtung West-Berlin zählte. Die Kamera außen an der Fassade ist aber unverdächtig: Sie beobachtet für die Humboldt-Uni ein Turmfalkennest, für das extra ein Heizungsrohr nach draußen geschwenkt wurde. „Die Vögel können sich so ein bisschen den Hintern wärmen und die Fassade verdrecken, bevor sie weiterfliegen“, sagt Ben-David sehr ernst.

In der Lobby des dunkelroten neunstöckigen Turms installieren Handwerker gerade eine Cafeteria, die schon im April öffnen soll. Vor der Tür wartet ein Trabi darauf, ins Haus geschoben und von Künstlern gestaltet zu werden. Die holzvertäfelten Säulen werden renoviert, der Fußboden ist ohnehin wie neu: Unter abgewetztem Linoleum kommen blanker Granit und Marmor zum Vorschein. Von einer „schlafenden Schönheit“ hatte Ben-David nach seinem Kauf gesprochen. „Jetzt wacht sie langsam auf und beginnt sich zu bewegen“, sagt er nun, während er ins Freigelände geht. Im Halbdunkel des 150 Meter langen Flurs verhallen seine Schitte.

Draußen verläuft die abgesperrte Nalepastraße, die Ben-David als Zufahrt öffnen will. Jetzt führt die Einfahrt am Spreeufer entlang. „Die Gebäude stehen mit dem Rücken zum Wasser“, sagt der Hausherr, „also müssen sie umgedreht werden“: Die alte Einfahrt soll zur Terrasse werden, auf der sich – hoffentlich – die Studenten der Schauspielschule „Ernst Busch“ tummeln werden. Ben-David ist einer von mehreren Bewerbern für den neuen Standort der zurzeit auf vier Gebäude verteilten Schule; das Rennen läuft noch. Im Tonfall eines erfahrenen Bauexperten erklärt der 62-Jährige, wo er Zwischendecken für Unterrichtsräume einziehen will, wo Platz für die Mensa und für Studentenwohnungen wäre und wie sich die Gebäude von der vorgelagerten Spreeinsel aus beleuchten ließen.

Aber einmal noch muss er den Teleskopstift zücken: „Ganz wichtig: Diesseits der Straße sind die Guten. Jenseits die Bösen“, zeigt er in Richtung der noch nicht weiterverkauften Grundstücksteile. Die Bösen, das sind die Spekulanten, die das Areal geteilt und versilbert haben. Gegen drei von ihnen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Betrugsverdachts. Gerade weil Ben-David damit nichts zu tun hat, regt ihn das Thema auf: Schlagzeilen wie „Großrazzia in der Nalepastraße“ seien katastrophal für ihn, der Millionen investiere und Mieter suche. „Ich kann nichts für meine Nachbarn.“

Bald zieht auch noch sein prominentester Mieter weg, das Filmorchester Babelsberg. Schade, sagt Ben-David, aber er habe schon andere Interessenten. Rund 20 neue Mieter seien sogar schon eingezogen. Aber mehr als zwei Drittel der riesigen Flächen stehen leer. Und die Alteingesessenen, kleinere Firmen und Kreative zumeist, monieren steigende Mieten. „Wenn die Wohnung schöner wird, kostet sie eben auch mehr“, sagt Ben-David, deutet auf die neuerdings gepflegten Grünflächen und die von Schrottautos befreiten Parkplätze: „Ich hole hier keinen Penny raus, sondern stecke Geld rein – und zwar für die nächsten fünf bis sieben Jahre.“ Dass ihm das Geld nicht ausgehen möge, das hoffen auch die Mieter. „Ich auch“, sagt der Hausherr trocken und fügt hinzu: „Wenn sie ihre Miete pünktlich zahlen, habe ich auch Geld.“ Er mag keine Summe nennen, zumal er Räume ohne Mietinteressenten vorerst nicht renovieren will. Aber einige Millionen werden zusammenkommen; allein die Lobby mit dem Trabi kostet 250 000 Euro.

Ab Mai will er noch gezielter auf Mietersuche gehen und möglichst viele Menschen für sein Projekt begeistern. Er mag die Wiederbelebung des Funkhauses nicht als sein Lebenswerk bezeichnen, aber er erwartet, dass es länger dauern kann: Jeden Freitag büffelt er fünf Stunden Deutsch. Das Albanisch, das er während seines letzten großen Projekts gelernt hat, nützt ihm ja in Berlin nicht viel.

Weitere Infos im Internet:

www.nalepastrasse.de

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