Die Jugendlichen sind leichtes Futter für die Salafisten

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Ex-IS-Kämpfer sollen in Normalität zurück : Berlin betreut Dschihad-Rückkehrer

Vertrauen, das ist die Basis dieser Arbeit. Das weiß Mücke aus den Erfahrungen in Hessen. „Die haben an Kampfhandlungen teilgenommen“, sagt Mücke, „das waren zwar Mitläufer, aber sie haben gleichwohl Hass auf jeden so genannten Ungläubigen.“ In Hessen hat er Rückkehrer erlebt, die sofort redeten. Ein anderer aber verbarrikadierte sich in seinem Zimmer, er wollte mit keinem sprechen. Der Betreuer war erst mal ratlos. Dann schob er einen Zettel mit einer Botschaft unter den Türschlitz. Das wirkte. Die Tür öffnete sich. Es sind ja keine erfahrenen Kämpfer, die Mücke und seine Kollegen ändern wollen. Sie stehen bei Jugendlichen und Heranwachsenden vor der Tür. Und manchmal ist diese Tür schwer und möglichst ausbruchssicher. Denn viele Rückkehrer trafen die Betreuer in der U-Haft. „Diese Leute kann man noch formen“, sagt Mücke.

Zwei Betreuer in Berlin, ist das nicht ein bisschen wenig? Möglicherweise, mal sehen, sagt Mücke. „Es hängt vom Bedarf ab.“ Der Bedarf an Fragen, an Hilfestellungen, an Antworten bei denen, die wieder in Berlin sind, die sind groß. Und da setzt Schulz, der Betreuer, auch an. „Die haben viele Fragen auf einmal“, sagt er. „Zum Beispiel: Ist es mit dem Islam vereinbar, was ich da gemacht habe?“ Dann wird Schulz antworten. Er wird auf die Lebensgeschichte des Propheten eingehen, er wird auf „die viele Stellen im Koran verweisen, die Gegenbeispiele zur Gewalt sind“. Meist ist der Islam für diese Jugendlichen ja nur der Strohhalm, an den sie sich in einem kaputten Leben klammern. „Wer vom Dschihad geträumt hat, der hat sich ein Stück weit selber aufgegeben“, sagt Mücke. Und die Biografien ähneln sich. Mangelnde Kontaktfähigkeit, geringes Selbstwertgefühl, soziale Probleme, oft ohne Vater aufgewachsen, erste Spuren im kleinkriminellen Milieu hinterlassen. „Leichtes Futter für die Salafisten“, sagt Mücke. „Die meisten Jugendlichen sind ja religiöse Analphabeten.“

Also nehmen die Betreuer diese Sinnsuchenden an die Hand, führen sie zu Moscheen oder in religiöse Kreise, in denen differenziert über den Islam geredet wird. Gleichzeitig arbeitet Schulz eng mit den Familien. Eine soziales Netz ist die Voraussetzung, damit diese Rückkehrer ein normales Leben führen können.

Zwei Brüdern wurde bei der Flucht geholfen

Vor einiger Zeit hatten die Mitarbeiter von zwei Brüdern erfahren, die nach Syrien gereist sind. Die Brüder signalisierten, dass sie zurück wollten. Ein Rettungsprogramm startete, an dem vermutlich diverse Behörden mitwirkten, aber auch das Netzwerk. Mehr sagt Mücke nicht. Nur so viel: „Wir haben sie rausbekommen.“ Bei Männern geht das. „Bei Mädchen ist es sehr sehr schwierig, die stehen unter genauer Beobachtung.“ Auch die Rückkehrer nach Berlin werden misstrauisch beäugt. Sicherheitsbehörden haben sie sowieso scharf im Auge, aber auch Schulen und Ausbildungsbetriebe halten erst mal erschreckt Abstand.

Aber dann beugt sich Mücke vor und redet über Erfolge. „Erreichen wir die Zielgruppe? Ja, hohe Erfolgsquote.“ Zweites Ziel: „Der Rückkehrer soll sich und andere nicht mehr gefährden. Erfolgsquote? Ebenfalls hoch.“ Aber das ist der gefährlichste Punkt. Wie soll man sicher gehen, dass nicht plötzlich doch eine tickende Zeitbombe in die U-Bahn steigt?

Denis Cuspert, der Ex-Rapper aus Kreuzberg, ist nicht zurückgekommen. Mücke, der Streetworker, hatte früher viel mit ihm zu tun. Inzwischen nennt sich Cuspert Abu Talha al-Almani und präsentiert sich stolz auf IS-Videos, einmal sogar mit einem abgeschlagenen Kopf.

Sollte Cuspert zurückkommen, kennt Mücke nur einen Ort für ihn. „Der gehört nach Den Haag.“ Dort sitzt das Kriegsverbrechertribunal.

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