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Ex-Vize-Gedenkstättenleiter : Frauendorfer schlägt Abfindung aus

Der Prozess zur Kündigung von Helmuth Frauendorfer als Vize-Direktor der Stasi-Gedenkstätte hat begonnen. Er war wegen Belästigungsvorwürfen entlassen worden.

Das Berliner Arbeitsgericht verhandelt die Klage des gekündigten Vize-Direktors gegen seinen Rauswurf.
Das Berliner Arbeitsgericht verhandelt die Klage des gekündigten Vize-Direktors gegen seinen Rauswurf.Foto: Paul Zinken/dpa


Eigentlich hätten sich die Parteien am Montagvormittag am Berliner Arbeitsgericht mit einer Abfindung über die Kündigung des ehemaligen Vize-Direktoren der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Helmuth Frauendorfer, einigen können. Frauendorfer war wegen der Vorwürfe der sexuellen Belästigung von Mitarbeiterinnen in neun Fällen entlassen worden. Doch dazu kam es nicht: Über seine Anwälte lehnte Frauendorfer eine monetäre Einigung vor dem eigentlichen Prozessbeginn ab. Nach knapp 20 Minuten ist der Termin am Amtsgericht beendet - die Güteverhandlung bleibt ergebnislos.

Frauendorfer will das Verfahren zu seinen Gunsten nutzen

Es gehe Frauendorfer "um die Wahrheit", teilten seine Anwälte bei dem Gütetermin am Montag mit, seine Kündigung sah er als unzulässig an, weshalb es zu dem Verfahren am Arbeitsgericht kam. "Aus meiner Sicht will Herr Frauendorfer das gerichtliche Verfahren nutzen, um sich in einer nüchternen Atmosphäre zu allen Vorwürfen sachlich und inhaltlich äußern zu können", sagte sein Anwalt zu der Entscheidung seines Mandanten. Zu dem Verhandlungstermin um 11 Uhr erschien der Beschuldigte nicht persönlich.

"Wenn Sie glauben, wir reden hier nur über Geld, täuschen sie sich", entgegnete Frauendorfers Anwalt dem Richter, als dieser darauf hinwies, ein Aufrollen aller Vorwürfe könne zur weiteren Rufschädigung Frauendorfers beitragen. Frauendorfer gehe es nicht um eine Abfindung, es gehe ihm darum, sich von den Vorwürfen reinzuwaschen. Sollte das Verfahren zu seinen Gunsten verlaufen, will Frauendorfer seine Stelle bei der Gedenkstätte wieder bekleiden.

Frauendorfer räumte zuvor Fehlverhalten ein

Frauendorfer selbst räumte im vergangenen Sommer über seinen Anwalt Fehlverhalten und Mangel an Sensibilität ein, betonte aber, das abgestellt zu haben, nachdem er vor gut zwei Jahren vom Direktor der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, darauf angesprochen worden sei. Die Aussage aus dem vergangenen Sommer sei jedoch kein Schuldeingeständnis gewesen: "Wir räumen überhaupt keine sexuellen Übergriffe ein, die hat es auch nicht gegeben", sagte sein Anwalt am Rande der Güteverhandlung. Insgesamt werden dem ehemaligen Vizedirektor sexuelle Übergriffe und Belästigungen im Zeitraum von 2011 bis zu seiner Kündigung 2018 vorgeworfen, neun Frauen haben sich mittlerweile als Betroffene von Frauendorfers Verhalten gemeldet.

Eine Atmosphäre von strukturellem Sexismus

In einem Brief, den die betroffenen Frauen im vergangenen Juni an die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), sowie den Kultursenator Klaus Lederer (Linke) richteten, schildern die Frauen eine von Frauendorfer ausgehende "enge, fast intime körperliche Nähe", "Berührung wie Streichen über die Arme, enge Umarmungen bei Mitarbeiterinnen, unsachliches Lob, das Äußerlichkeiten (Figur, Schönheit) betont". Frauendorfer soll die Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte außerdem durch persönliche SMS belästigt haben, wiederholt soll er angeboten haben, Mitarbeiterinnen nach Hause zu fahren, sie zu einem Feierabendgetränk oder auch zu sich nach Hause eingeladen haben.

Knabe weist Vorwürfe gegen Frauendorfer zurück

Gemeldet wurde der erste Vorfall im Oktober 2014, als eine wissenschaftliche Volontärin sich an die Frauenbeauftragte wandte, nachdem Frauendorfer sie sexuell belästigt haben soll. Doch trotz eines Ermahnungsgesprächs durch seinen Vorgesetzten, den Leiter der Gedenkstätte Hubertus Knabe, beschwerte sich im Dezember 2017 erneut eine Volontärin über das Verhalten des Vize-Direktors. Knabe wies die Vorwürfe gegen seinen Mitarbeiter zurück, im Juni 2018 erreichte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) dann ein gemeinsamer Brief von sechs Frauen der Gedenkstätte. Es zeichnete sich ab: Die Vorwürfe zu sexueller Belästigung und strukturellem Sexismus seien "substanziiert". Noch im August berichtete Knabe von einem hervorragenden Arbeitsklima, Frauendorfer bemühe sich intensiv um ein gutes Verhältnis auf Augenhöhe zu den Mitarbeitern, die würden von ihm schwärmen.

Erst im September sprach der Leiter der Gedenkstätte dann von sexueller Belästigung als ein „absolutes No-Go“. Er zeigte sich betroffen, alles müsse aufgeklärt und geahndet werden. Frauendorfer wurde am 24. September beurlaubt, noch am selben Tag meldete sich eine weitere Frau bei der Kulturverwaltung und berichtete von Belästigung – diesmal auch durch Hubertus Knabe selbst.

Auch Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe musste daraufhin im vergangenen Herbst gehen: Ihm wird eine zu nachgiebige Haltung bei möglichen Sexismus-Vorfällen und den Umgang damit vorgeworfen. Knabe habe strukturellen Sexismus in der Gedenkstätte Hohenschönhausen zugelassen, habe Machmissbrauch und sexuelle Belästigung toleriert. Die Vorgänge um seine Entlassung als Geschäftsführer und Direktor der Gedenkstätte beschäftigt seitdem die Berliner Landespolitik.

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