Explosives Fundament : Potsdamer Familie droht Hausabriss wegen einer Bombe

Unter dem Haus einer Potsdamer Familie könnte sich eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg befinden. Ihr droht der Hausabriss - doch zahlen müsste sie selbst.

Sandra Calvez
Bohrstelle. An drei Stellen besteht Bombenverdacht.
Bohrstelle. An drei Stellen besteht Bombenverdacht.Foto: Andreas Klaer

Torsten und Melanie hielten den Antrag auf einen Trinkwasseranschluss für ihr Haus in Potsdam für reine Routine. Und auch als die Stadtwerke dafür eine Kampfmittelfreiheitsbescheinigung für ihr Grundstück forderten, ahnten sie nichts Böses. Doch nun, fast eineinhalb Jahre nach dem Antrag, liegen die Nerven blank. Das Paar hat Angst, ein Teil seines Hauses abreißen zu müssen, weil darunter eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg liegen könnte. Angst, noch selbst für den Abriss bezahlen zu müssen. „Das wäre mein Ruin“, sagt Torsten.

Der 40-jährige Koch und die 46-jährige Arzthelferin, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen wollen, sitzen in ihrem in Eigenregie renovierten Wohnzimmer. Hier, unter rohen Dachbalken, bei Schwedenofen und Glastisch, wohnen sie mit der 13-jährigen Tochter. Vor zehn Jahren hat Torsten das Haus, Baujahr 1914, von der Treuhand gekauft. Noch einige Jahre zahlt das Paar die Schulden ab. Das Obergeschoss ist fertig saniert, nun ist das Erdgeschoss dran. Dazu auch der neue Wasseranschluss.

Auf den Antrag der Familie beim Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) kam im vergangenen März die Antwort, dass „weitergehende Sondierungen“ auf dem Gelände nötig seien. Der KMBD ist in Brandenburg dafür zuständig, noch im Boden lauernde Bomben oder Munition aus dem Zweiten Weltkrieg zu entschärfen. Bevor neu gebaut wird muss der Dienst bescheinigen, dass vom Boden keine Gefahr ausgeht.

Das Grundstück liegt in jenem Gebiet, das in der „Nacht von Potsdam“ am 14. April 1945 besonders schwer getroffen wurde. In der Nähe lagen die Arado-Flugzeugwerke, ein Ziel der amerikanischen Luftangriffe. 1750 Tonnen Bomben gingen über der Stadt nieder, etwa jeder fünfte Sprengsatz explodierte nicht. Immer wieder werden bei Bauarbeiten Blindgänger gefunden, zuletzt im November neben dem Hauptbahnhof.

Auf dem Grundstück wurde gebohrt, drei Verdachtspunkte gibt es: Zwei der Anomalien liegen im Garten des Hauses, die dritte und problematischste liegt direkt unter einer Außenwand. In 2,80 Metern Tiefe haben die Bombenräumer bei Bohrungen etwas gefunden, was ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg sein könnte.

Wer soll das alles bezahlen?

Wie es weitergeht, wissen Torsten und Melanie nicht. Der Sprengmeister des KMBD, Mike Schwitzke, war im Januar bei ihnen. Sollten die Analysen ergeben, dass es eine Bombe ist, dann müsse man da ran, habe es geheißen. „Herr Schwitzke hat gesagt, dann müsste das Haus teilabgetragen werden.“ Sprich: ein Teil des Gebäudes müsste abgerissen werden, um die Bombe entschärfen zu können. Mehr Informationen haben sie bisher nicht. „Es gibt keinen Ansprechpartner, der uns etwas Genaueres sagen kann“, sagt Melanie. Und, die drängende Frage: Wer soll das alles bezahlen?

Schon bei den Bohrungen traten Schäden am Haus auf. Die Haustür war verzogen, ging nicht mehr auf. An der Decke im Wohnzimmer sind feine Risse – das Haus ist ohne Fundament errichtet, auf märkischem Sand. „Man wird schon paranoid“, erklärt Melanie, „jeden Tag schaue ich, ob es mehr geworden sind.“ Die Schäden haben sie gemeldet, aber alle Beteiligten wiesen die Verantwortung von sich. Auch wer die Kosten für den Abriss tragen müsste, ist unklar. Die Entschärfung selbst würde das Land übernehmen. Für den Rest gilt im Normalfall eine „grundsätzliche Kostentragungspflicht des Grundstückseigentümers“. Auch eine Härtefallregelung hänge vom Einzelfall ab.

Vergleichbare Fälle gibt es kaum. Ein Oranienburger hat bei der Sprengung einer Bombe 2013 sein Wochenendhäuschen verloren – er blieb auf den Kosten sitzen. Um die Zuständigkeiten bei der Kampfmittelbeseitigung gibt es seit Jahren Streit zwischen Land und Bund. Bis vor wenigen Jahren zahlte der Bund nur für die Beseitigung „reichseigener Munition“, für alliierte Kampfmittel musste das Land aufkommen. 2015 wurde ein Fonds mit 60 Millionen Euro gegründet, mit dem sich der Bund bis 2019 an der Bergung alliierter Bomben beteiligt.

„Das Warten ist so hässlich“, sagt Melanie. „Wir können nichts planen, den Winterurlaub haben wir auch abgesagt.“ Im Alltag falle es schwer, noch Energie zu finden. „Wozu soll ich noch Fenster putzen, wenn ich nicht weiß, ob ich in ein paar Wochen noch Fenster habe?“

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