"Rauf auf den Radweg mit dir!"

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Zehn typische Situationen für Berlins Radverkehr : Kampfparker, Fehlplanungen und wilde Baustellen

Trauben von Touristen stehen auf diesem Radweg an der East Side Gallery.
Trauben von Touristen stehen auf diesem Radweg an der East Side Gallery.Foto: Georg Lengers

An der East Side Gallery bleibt fast jeder Tourist für ein Foto stehen. Radfahrer werden kurz vor der Oberbaumbrücke direkt in diese Situation geführt. Wer dagegen vor den Trauben unachtsamer Touristen auf die Straße ausweicht, wird angehupt, hautnah überholt oder wild gestikulierend auf den kaum nutzbaren Radweg verwiesen.

Diese Situation kennt jeder Radfahrer, egal in welchem Stadtteil: Überall gibt es Wege, die aus verschiedenen Gründen kaum zu befahren sind. Was aber meistens untergeht: 85 Prozent der Berliner Radwege sind nicht mehr benutzungspflichtig, so auch hier: Das blaue Schild wurde abgeschraubt. Den meisten Radfahrern fällt das erst spät oder gar nicht auf. Viele fahren sogar freiwillig oben weiter, um nicht von Autofahrern drangsaliert zu werden. Bereinigt würde diese Situation erst, wenn die entwidmeten Radwege verschwinden, also rückgebaut werden.

Eine bizarre Baustelle auf dem Radweg an der Schönhauser Allee.
Eine bizarre Baustelle auf dem Radweg an der Schönhauser Allee.Foto: Christian Müller

Bizarr, dieser Tunnel!

Würden Sie in diesen Tunnel fahren? Es sieht fast aus, als könne man dort stecken bleiben, auch ohne Gegenverkehr. Dabei ist die Schönhauser Allee nicht nur für Autofahrer eine zentrale Nord-Süd-Verbindung in der Innenstadt. Radfahrer müssen sich seit einer Sanierung in den Neunziger Jahren auf einem handtuchbreiten Radweg auf dem Bürgersteig entlang kämpfen - immer wieder klassisch übersehen von Abbiegern, den Weg kreuzenden Fußgängern und ausgebremst von Fahrradkorsos der Touristen. Vor diesem Hintergrund bildet diese bizarre Baustelle auf dem Radweg ungefähr das negative Grundgefühl von Radfahrern auf der Schönhauser ab.

Viele Radfahrer wünschen sich eine komplette Aufhebung der Benutzungspflicht dieses Borstein-Radwegs und einen Radstreifen auf der Straße. Das zeigt der Radverkehrs-Dialog des Senats, in dem Nutzer die Straße als dringendstes Problem beschrieben haben. Leider ist die letzte Sanierung der Straße noch nicht lange her. So wird es nicht einfach werden, den neuerlichen Umbau zu rechtfertigen.

Wilhelmstraße in Mitte. Ja, das ist ein Radstreifen, in der Theorie zumindest.
Wilhelmstraße in Mitte. Ja, das ist ein Radstreifen, in der Theorie zumindest.Foto: Anonym

Gruppendynamisch zugestellt

Sobald sich der erste Falschparker auf den Radstreifen gestellt hat, ist auch schon ein zweiter dahinter und flugs wird der Weg gruppendynamisch zugeparkt. Was so viele machen, kann nicht verboten sein. Das ist in der Wilhelmstraße in Mitte so, aber auch in hunderten anderen Straßen Berlins. Jeden Tag aufs Neue. Dabei ist die Rechtslage klar: Auf Radstreifen mit durchgezogener Linie gilt absolutes Halteverbot, und wenn der Streifen in zweiter Reihe an Parkspuren entlang läuft - was in Berlin fast überall der Fall ist - gilt das auch für Schutzstreifen mit gestrichelter Linie.

Berlin wird nie zu einer beliebten Fahrradstadt, wenn Autofahrer weiter ungestraft mit diesem Verhalten davonkommen. Schon 1999 hatte das Berliner Verwaltungsgericht angemahnt, dass es nötig sei, Radweg-Blockierer abzuschleppen - schon allein, "um der negativen Vorbildwirkung für andere Kraftfahrer vorzubeugen". Stattdessen kümmern sich Ordnungsamtsmitarbeiter in Friedrichshain-Kreuzberg um Falschparker, wenn sie "keinen anderen Auftrag abzuarbeiten haben", wie der zuständige Stadtrat Peter Beckers (SPD) mitteilt. Die parallel zuständige Polizei konzentriert sich auf Probleme im fließenden Verkehr, betrachtet zugeparkte Radstreifen aber als akute Gefährdung - eine befahrene Straße vorausgesetzt.

"Uns fehlen die Mittel", klagt ein Ordnungsdienstmitarbeiter, der mit einer Kollegin in der Schlesischen Straße in Kreuzberg tatsächlich einige Autos von einem Radstreifen abschleppen lässt. Auf die nächsten Falschparker nur hundert Meter weiter angesprochen, verweist er auf den Nachbarbezirk: "Da vorne beginnt Treptow-Köpenick".

Gefangen in der Sonnenallee
Gefangen in der SonnenalleeFoto: Christian Müller

Gefangen in der Sonnenallee

Wie ein Aal in der Reuse müssen sich Radfahrer an dieser Baustelle in der Sonnenallee vorkommen. Erst von links ein Bauzaun, der an der nächsten Ecke eine scharfe Rechtskurve in die Ederstraße schlägt und Radlern den Weg abschneidet. Obwohl laut Radverkehrsstrategie des Senats Radfahrer an Baustellen "sicher und ohne Zwang zum Absteigen" vorbeigeführt werden sollen, beobachten unsere Leser diese Situation fast regelmäßig an Baustellen im ganzen Stadtgebiet. Oft fließt der Kraftverkehr weiter, während Radfahrer massiv behindert werden. Es "sind ihnen keine größeren Einschränkungen zuzumuten, als anderen Verkehrsteilnehmern", heißt es vom Senat.

Vorsicht Fußgänger: Radweg am Rathaus Spandau.
Vorsicht Fußgänger: Radweg am Rathaus Spandau.Foto: Hans-Hinnerk Johannsen

Nur schieben hilft

Viele Radwege führen zwischen wartenden Fahrgästen und haltenden Bussen durch. Am Altstädter Ring in Spandau zeigt sich der ganze Irrsinn dieser gängigen Radwegeführung. Auf einer Länge von etwa 60 Metern müssen sich Radfahrer beidseitig an wartenden Bus-Fahrgästen vorbei kämpfen. Und das auf einem teilweise nur handtuchbreiten Bürgersteig. Als Radfahrer hat man die Pflicht, für ein- und aussteigende Fahrgäste zu bremsen, doch eigentlich kann man hier fast schon vom Rad steigen. Leider lässt sich der Radweg nicht einfach als Streifen auf die Straße verlagern, denn da halten rechts die Busse.

Viele Straßen im Umland haben keine Radwegeinfrastruktur.
Viele Straßen im Umland haben keine Radwegeinfrastruktur.Foto: Danielle Platzer

Gefährliches Pflaster am Stadtrand

Über die Bahnhofstraße in Französisch Buchholz hat sich nur eine Leserin beschwert. Dennoch ist manches an dieser Straße typisch für den Stadtrand mit seiner bescheidenen Radwege-Infrastruktur. Hin und her geht es zwischen schmalen, nicht benutzungspflichtigen Radwegen auf dem Bürgersteig, Sandpisten voller Hindernisse und der Straße. Radfahrer könnten eigentlich komplett auf der Straße fahren, wäre da nicht der Verkehr und damit Autofahrer, die Radler am liebsten auf die Reste ehemaliger Radwege zurückschubsen wollen.

Gefährlicher wird es noch an den großen Einfallstraßen, wo schwere Laster mit Tempo 70 von der Autobahn oder der Landstraße kommen und den Fuß noch halb auf dem Gaspedal haben. Mit Radfahrern, die sich hier die Straße mit ihnen teilen, rechnen sie nicht.

Liebe Leserinnen, liebe Leser: Haben Sie auch einen Beitrag zu Berlins schlimmsten Radwegen? Senden Sie Ihre Fotos an leserbilder@tagesspiegel.de oder schreiben Sie einen Kommentar unter diesen Artikel. Vorschläge zur Verbesserung der einzelnen Situationen sind willkommen.

Abgefahren - Ihre unbeliebtesten Radstrecken
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Berlin fährt Rad
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