Fahrradkonzept in Berlin : Sicher geradeaus in die Tonne

Die Berliner Verwaltung hat einen neuen Leitfaden für den Radverkehr herausgegeben - aber hat nicht vor, ihn anzuwenden. Das sei auch gar nicht "rechtssicher zulässig".

Der Klassiker: Fahrrad will geradeaus, Auto biegt rechts ab. Ein Unfall - oft sind schwere Verletzungen für die Fahrradfahrer die Folge. Hier eine Szene aus Charlottenburg, Kreuzung Bismarckstraße/Messedamm.
Der Klassiker: Fahrrad will geradeaus, Auto biegt rechts ab. Ein Unfall - oft sind schwere Verletzungen für die Fahrradfahrer die...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Stadtentwicklungsverwaltung hat wieder eine Fibel für den Radverkehr verfasst. „Sicher geradeaus“ heißt der kürzlich veröffentlichte, 54 Seiten lange „Leitfaden zur Sicherung des Radverkehrs vor abbiegenden Kfz“. Er widmet sich also der mit Abstand häufigsten Ursache von Unfällen mit Radfahrerbeteiligung, zugleich die folgenschwerste: Jedes Jahr sterben allein in Berlin mehrere Radfahrer, nachdem ihnen Rechtsabbieger – zumal Lkw – die Vorfahrt genommen haben.

Finanziert hat die Studie der Bund, allerdings zeichnet die Berliner Verwaltung fachlich verantwortlich und präsentiert sich als Herausgeberin. Senator Andreas Geisel (SPD) schreibt in seinem Vorwort von „Handlungsbedarf angesichts hoher Unfallzahlen“ und lobt, dass der Leitfaden das „Wissensdefizit behebt“.

Nur ist damit offenbar kein Berliner Defizit gemeint. Der Grünen-Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar wollte wissen, was der Senat mit der Studie macht: Ob ein Konzept zur Umsetzung der Erkenntnisse geplant sei, wie viele Kreuzungen noch nicht den definierten Grundanforderungen entsprechen und mit wie viel Geld sich das ändern ließe.

Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) beantwortete die acht Fragen des Grünen-Abgeordneten gebündelt: Der Leitfaden solle kommunalen Akteuren ermöglichen, die Maßnahmen gemäß ihren lokalen Gegebenheiten umzusetzen – aber nicht den kompletten Leitfaden; das sei weder hier noch anderswo „sinnvoll leistbar oder rechtssicher zulässig“. Stattdessen wolle man „die vorhandenen Regellösungen für Berlin“ stadtweit umsetzen.

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Am Kaiser-Wilhelm-Platz in Schöneberg wird die Radspur verlängert. Dort (Einmündung Kolonnen- in die Hauptstraße) war im Januar 2018 eine Radfahrerin durch einen abbiegenden Laster getötet worden. Doch die Markierung reicht nicht, um diese Kreuzung sicher zu gestalten.Weitere Bilder anzeigen
1 von 531Foto: Marion van der Kraats/dpa
23.02.2018 09:25Am Kaiser-Wilhelm-Platz in Schöneberg wird die Radspur verlängert. Dort (Einmündung Kolonnen- in die Hauptstraße) war im Januar...

Der Abgeordnete Gelbhaar schließt daraus, dass auch dieses Konzept in der Schublade verschwinden wird – wie schon die Umsetzung der Anfang 2013 beschlossenen Radverkehrsstrategie kaum vorankommt und von den im Online-Dialog radsicherheit.berlin.de meistkritisierten Gefahrenstellen nach mehr als einem Jahr noch keine entschärft wurde. Es sei „abstrus, wenn gerade Berlin mit seinen vielen Unfällen die Empfehlungen nicht vom Papier auf die Straße bringt“, sagt Gelbhaar.

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