Fahrtauglichkeit-Test für Senioren : „Opa, du fährst zu weit rechts!“

Bis wann lässt man Eltern oder Großeltern ans Steuer? Das ist eine häufig diskutierte Frage in vielen Familien. Ein Fahrfitness-Check ist aufschlussreich.

Fahrschule mit 80. Der Rentner Dieter Marquardt lässt seiner Familie zuliebe seine Fahrtauglichkeit testen.
Fahrschule mit 80. Der Rentner Dieter Marquardt lässt seiner Familie zuliebe seine Fahrtauglichkeit testen.Foto: Saara von Alten

Dieter Marquardt macht das, wovor sich die meisten seiner Altersgenossen scheuen. An einem Donnerstagvormittag im Januar steigt der 80-Jährige gemeinsam mit Fahrlehrer André Kaiser in seinen grauen Volvo-Kombi. Er möchte seine Fahrtauglichkeit von einem Experten überprüfen lassen und hat deshalb bei dem Fahrlehrer aus Strausberg einen Fahrfitness-Check gebucht. Die Fahrt beginnt auf dem Parkplatz vor der Fahrschule. Marquardt steckt den Zündschlüssel ins Schloss und lenkt den Wagen auf die dicht befahrene Hauptstraße, vorbei an einer Plattenbausiedlung. Auf dem Beifahrersitz hat Fahrlehrer André Kaiser Platz genommen – und erteilt ihm nun Anweisungen: Er lässt ihn mehrere Kreuzungen überqueren und lotst ihn durch ein Villenviertel. Nebenbei macht er sich auf seinem Tablet Notizen.

Wie lange können die eigenen Eltern oder Großeltern noch Auto fahren? Da der Gesetzgeber keine Regeln einführen will, ist dies nicht nur ein Thema in den Medien, sondern auch eine viel diskutierte Frage innerhalb der Familien. Viele erwachsene Kinder sorgen sich um ihre Eltern, wenn sie merken, dass diese körperlich und geistig abbauen, trotzdem aber nicht auf das Autofahren verzichten wollen. Besonders in den ländlicheren Regionen Brandenburgs, wo die älteren Leute auf ihr Auto angewiesen sind, sei dies ein großes Konfliktthema, erzählt Fahrlehrer Kaiser. Auf der einen Seite stünden die besorgten Kinder, auf der anderen die nicht immer ganz einsichtigen Senioren, sagt Kaiser.

„Der Altersstarrsinn ist eines der Hauptprobleme.“ Und ein Grund, weshalb er manchmal als Konfliktschlichter herangezogen wird. Einmal sollte er auf dringenden Wunsch einer Familie einen Senior beim Fahren begleiten, der einen Schlaganfall gehabt hatte. Die Kinder wollten nicht mehr, dass ihr Vater noch fährt. Der war aber fest davon überzeugt, dass er dazu noch in der Lage sei. „Der Mann konnte seinen linken Arm nicht mehr bewegen und griff immer von rechts über den Lenker, um zu blinken“, erinnert sich Kaiser. „Er hatte den Überblick verloren.“ Am Ende einer kurzen Testfahrt gab der Mann sich einsichtig. Der Fahrlehrer konnte ihn dazu bewegen, künftig das Auto stehen zu lassen. Die Kinder waren dankbar.

Er fährt die Enkel, deshalb möchte er sich sicher sein

Auch Dieter Marquardt hat die heutige Fahrstunde seiner Familie zuliebe gebucht. Immerhin chauffiere er ab und an auch mal seine Enkel durch die Gegend, zum Turnverein oder zu Freunden. „Da möchte ich doch, dass alle ein sicheres Gefühl dabei haben“, sagt er, während er ziemlich entspannt durch die Strausberger Innenstadt fährt.
Aufgeregt wie bei seiner Führerscheinprüfung vor 50 Jahren sei er nicht, sagt der Senior mit weißem Haar und Schiebermütze. „Ich will auf meine Fehler hingewiesen werden. Vielleicht hat sich was eingeschlichen, was ich gar nicht bemerke.“ Dieser selbstkritischen Maßnahme unterzieht er sich ganz freiwillig. Dass man wie Prinz Philip auch in Deutschland noch mit 97 ohne jegliche Kontrolle drauflosfahren darf, findet Dieter Marquardt nicht unbedingt gut. Aus seinem Bekanntenkreis ist er weit und breit der Einzige, der einen freiwilligen Check macht. „Das ist unbequem“, sagt er. Der ein oder andere habe wahrscheinlich auch Angst vor dem Ergebnis.

Konkret wurde seine Idee, sich für ein Fahrfitness-Training, das der ADAC oder auch der ACE überall in Deutschland anbieten, anzumelden, als seine beiden Enkelsöhne mit 17 ihren Führerschein machten und er sich als Beifahrer für das Begleitete Fahren eintragen lassen wollte. „Die beiden Jungs haben plötzlich ganz genau darauf geachtet, wie gut der Opa eigentlich fährt“, erzählt er. Über die Witze, dass er zu weit rechts fahre oder mal wieder einen Gullideckel gestreift habe, habe er zwar immer gerne mitgelacht, dabei sei ihm aber auch der Gedanke gekommen, wie lange das noch so gut gehe? Der 80. Geburtstag sei für ihn eine persönliche Marke gewesen.

Jeder Menschen altert unterschiedlich - doch jeder Mensch altert

Fahrlehrer Kaiser würde die Grenze noch ein paar Jahre früher setzen. Jeder Mensch altere schließlich unterschiedlich schnell. „Es gibt 65-Jährige, die reagieren so langsam wie 80-Jährige, und 90-Jährige, die noch so fahren, als wären sie erst 70“, sagt Kaiser. Doch ganz abschalten lässt sich der Alterungsprozess nie. Hören, Sehen und vor allem die Reaktionsfähigkeit lassen irgendwann nach. „Der Arbeitsspeicher des Menschen wird zwar immer größer, die Festplatte verarbeitet die Informationen allerdings immer langsamer“, erklärt der Unfallforscher Siegfried Brockmann das Phänomen. Es kann also leichter zu Unfällen kommen, weil zu langsam reagiert wird.

Dieter Marquardt fährt wie die meisten Rentner nur noch die nötigsten Strecken mit dem Auto. Zum Einkaufen, zum Arzt, einmal die Woche zum Malverein und gelegentlich besucht er seinen Sohn in Pankow. Beim Augenarzt war der Brillenträger zuletzt vor drei Jahren, einmal im Jahr geht er zum Hausarzt. Hören tue er noch ganz gut, sagt er. Wie sieht es mit der Reaktionsfähigkeit aus? Das könne er selber gar nicht beurteilen.

„Ich merke, dass ich im Alltag für viele Dinge wie Geschirrspülen länger brauche als früher.“ Beim Autofahren spüre er allerdings keine wesentlichen Veränderungen. Denn diese kommen schleichend. Das sei ein weiteres Problem, sagt André Kaiser. „Man selber kann das nur schwer für sich selbst einschätzen.“ Er hingegen könne nach wenigen Kilometern als Beifahrer sehen, wie schnell der Fuß auf der Bremse sei, wie gut die Person die Geschwindigkeit der jeweiligen Situation anpassen könne.
Beim Autofahren muss man viel kompensieren – unvorhersehbare Situationen, Fehler, die die anderen Autofahrer machen. Manche ältere Verkehrsteilnehmer überschätzten sich genauso wie die Fahranfänger. Bretterten wie wild auf eine Kreuzung zu oder führen viel zu schnell im Kreisverkehr. Doch wenn man sie darauf hinweise, wollten sie es meist nicht einsehen. „Schuld sind eben immer die anderen.“

Dieter Marquardt fährt nicht zu schnell. Vor einem Baumarkt soll er nun rückwärts in eine Parklücke einlenken. Hierbei bemerkt der Fahrlehrer, dass der 80-Jährige zwar in die Spiegel schaut, aber seinen Oberkörper beim Schulterblick nicht weit genug nach hinten dreht. Auch so eine Sache, die viele Ältere vernachlässigen, einfach weil es unbequem ist und sie sich nicht mehr so gut bewegen können. Auf den Fehler aufmerksam machen wird Kaiser ihn allerdings erst am Ende der Fahrstunde.

Nur die "Guten" lassen sich testen - die anderen haben Angst

Zu André Kaiser in die Fahrschule kommen auch viele ältere Frauen über 70, die noch einmal ihr Führerscheinwissen und ihre Fahrpraxis auffrischen möchten. Viele Frauen dieser Generation haben zwar einen Führerschein gemacht, meint Kaiser, das Privileg, zu fahren, hatten allerdings stets die Männer für sich beansprucht. „Das Auto war das Herzstück des Mannes. Das wollte er nicht hergeben.“ Wenn dann mal die Frau ausnahmsweise das Auto fuhr, habe der Mann einfach so viel gemeckert, dass die Frau schnell keine Lust mehr hatte. Wenn die Männer verstorben oder krank sind, müssen die meist etwas jüngeren Frauen ans Steuer.
Manchmal wird es aber auch von Familienmitgliedern in Kauf genommen, dass Senioren nicht mehr so richtig fahren können. „Schauen Sie in das gesamte Märkisch-Oderland“, sagt Kaiser. Wenn Kinder und Enkel zu weit entfernt wohnen und nicht Chauffeur spielen können, gibt es in manchen entlegenen Gegenden für die Alten gar keine Alternative.

Es gibt aber auch die Kinder, die sich ohne Grund sorgen. Jedenfalls ein Teil der Familienstreitigkeiten könnte beigelegt werden, würden mehr Leute ihre Eltern in die Fahrschule schicken. Doch Dieter Marquardt ist die absolute Ausnahme. Die Unfallforscher der Versicherer haben erhoben, dass sich freiwillig nur zehn bis 15 Prozent überprüfen lassen. Und das sind meist „nur die Guten. Die anderen kommen erst gar nicht“, sagt André Kaiser. Dabei bleibt das Ergebnis der Testfahrt streng vertraulich. „Es geht darum, dass man seine Stärken und Schwächen besser einschätzen kann.“ Manche haben nagelneue Fahrzeuge, wissen aber nicht, wie sie ihren Spiegel richtig einstellen, oder sie vergessen ihr Hörgerät zu Hause. Eine Frau dachte, sie könne sich nicht richtig anschnallen, weil sie einen Herzschrittmacher trug. Das sind alles Dinge, die Kaiser schon ansprechen musste, doch bis auf den Mann mit dem Schlaganfall hat er noch keinem Senior das Autofahren ganz ausreden müssen.

Sein Fazit für Dieter Marquardt fällt besonders positiv aus: „Er reagiert noch ausreichend schnell auf den Verkehr, fährt vorausschauend und hat die komplette Übersicht.“ Zum Abschluss bekommt er eine Urkunde. Seine Kinder und Enkel und alle anderen Verkehrsteilnehmer müssen sich keine Sorgen machen.

FAHRTAUGLICHKEIT

Ob es verpflichtende Fahrtauglichkeitstests für Senioren ab einem gewissen Alter geben soll, darüber wird regelmäßig diskutiert. Anlass sind Unfälle wie kürzlich in Berlin: Am 7. Januar raste ein 87-Jähriger mit seinem Auto in die Ladenfront eines Zehlendorfer Supermarkts. Er hatte Gas und Bremse verwechselt. Knapp eine Woche später kollidierte ein 90-jähriger Geisterfahrer auf der A100 mit einem anderen Wagen. Bei beiden Unfällen wurde zum Glück niemand verletzt. Anders war das im Sommer, als ein 81-Jähriger bei Klein Köris in Brandenburg in eine Gruppe von Radfahrern fuhr. Die tragische Bilanz waren drei Schwerverletzte und eine Tote.

HAUPTRISIKOGRUPPE

Das sind einzelne Unfälle, die nichts darüber aussagen, wie gut andere Leute im gleichen Alter Auto fahren können. Dass vor allem Fahranfänger für viele schwere Unfälle verantwortlich sind, darauf weisen ältere Leute zu Recht hin. Genauso richtig ist allerdings auch, dass Autofahrer ab einem Alter von 75 Jahren in der Statistik ähnlich auffällig sind. Gemessen an der Anzahl der gefahrenen Kilometer verursachen sie sogar laut den Unfallforschern der Versicherer mehr Unfälle als die Hauptrisikogruppe der unter 24-Jährigen. Kommt es zu Unfällen mit Personenschäden tragen sie in drei Viertel der Fälle die Schuld.

Lesen Sie hier ein Interview darüber, wie Kinder von demenzkranken ihren Eltern das Fahren ausreden können.

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