„Fairtrade-Stadt“ Berlin : Die Hauptstadt setzt auf Fairness

Berlin darf sich nun offiziell „Fairtrade-Stadt“ nennen. Die Aktion startete in einer englischen Gemeinde – und ging um die Welt.

Mehr als Kaffeekränzchen. In Berlin gibt es bereits mehr als tausend Adressen für fairen Handel.
Mehr als Kaffeekränzchen. In Berlin gibt es bereits mehr als tausend Adressen für fairen Handel.Foto: Imago/Pemax

Alles begann vor 18 Jahren in der 5000-Seelen-Gemeinde Garstang im Nordwesten Englands. Bruce Crowther saß mit Freunden am Küchentisch und kritzelte etwas auf ein Pappschild. Die Truppe marschierte damit an den Ortseingang, klemmte ihr Werk unter das Ortsschild, schoss ein Foto und schickte es an die Presse. Das Bild landete auch bei der Fairtrade Foundation, die so begeistert war von der Aktion, dass sie daraufhin eine große Kampagne startete. Auf dem Pappschild stand die Aufschrift: „Worlds first fairtrade town“.

Inzwischen gibt es weltweit mehr als 560 „Fairtrade-Städte“. Nun darf sich Berlin offiziell mit dem Titel schmücken. Und feiert die Auszeichnung während der anstehenden Messe „Bazaar Berlin“. Vorreiter war der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Zertifizierung wird vom Verein Transfair vergeben. Dafür müssen nachweislich fünf Kriterien erfüllt sein, die das Engagement für den fairen Handel widerspiegeln. Der erste Schritt: „Man muss es wollen“, sagt Volkmar Lübke, Sprecher der Berliner Steuerungsgruppe, die den Bewerbungsprozess koordinierte. Einen entsprechenden Antrag hatte das Berliner Abgeordnetenhaus im März 2017 beschlossen.

Noch mehr Unterstützer ins Boot holen

Zweite Bedingung ist die Gründung einer Steuerungsgruppe mit Vertretern aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik. In Berlin kamen so stolze 42 Mitglieder zusammen. „Das ist ein Abbild der unglaublichen Vielfalt, die es in der Stadt gibt“, sagt Lübke. Genau darauf kommt es an: Ausschlaggebend für den Titel ist das Angebot fair gehandelter Produkte in Einzelhandel und Gastronomie, aber auch in Landesregierung und -parlament, Schulen, Vereinen und religiösen Organisationen. „In Cafés und Restaurants müssen zum Beispiel mindestens zwei faire Produkte dauerhaft angeboten werden“, erklärt Lübke. In Berlin könne man bereits mehr als tausend solcher Adressen ansteuern. Lübke hofft, dass es künftig auch einen Fair-Trade-Koordinator in der Stadt gibt, der die wachsende Szene im Überblick behält, angesiedelt womöglich im Global Village, dem neuen entwicklungspolitischen Haus in Neukölln.

Bis es so weit ist, bietet die Webseite www.fairerhandel.berlin Orientierung. Neben den wichtigsten Infos und Terminen (sortiert nach Bezirken) findet man dort den „fairen Stadtplan“ mit Akteuren, die sich für Fairness in der Stadt einsetzen: Geschäfte, Vereine, Schulen. Das Portal wird gerade aktualisiert und soll Gleichgesinnten dabei helfen, sich zu vernetzen, neue Projekte anzustoßen und noch mehr Unterstützer ins Boot zu holen.

„Fairtrade ist ein lernendes System“

Ein Beispiel dafür, was passiert, wenn der Funke überspringt, ist der Landessportbund (LSB). Angeregt von Lübke, setzte sich der LSB-Vizepräsident Thomas Härtel für die Kampagne „Berliner Sport – Rund um fair!“ ein. Seit Anfang des Jahres können nun Sportvereine, die fair produzierte Artikel beschaffen, einen Zuschuss beim LSB beantragen. Eine Förderung von sozialverantwortlichen Produkten, die man selten aus dem politischen Bereich kenne, sagt Lübke.

Gerade kam der 71-Jährige von der Internationalen Fairtrade Konferenz in Madrid zurück, wo er Berlin und seine Projekte vorstellte. Rund 300 Vertreterinnen und Vertreter aus aller Welt kamen dort zusammen. Inzwischen sei das Konzept auch im Süden angekommen. Es gibt fairtrade towns in Afrika, Brasilien und Korea. Lübke würde es begrüßen, wenn sich daraus internationale Partnerschaften für Berlin ergeben.

Aber macht der nachhaltige Konsum die Welt auch wirklich besser? „Studien belegen, dass im sozialen und ökonomischen Bereich fairer Handel absolut wirkt“, sagt Lübke. Dennoch kommt es zu Verstößen, etwa wenn Kinder auf Kakaoplantagen arbeiten. Die könne man leider nicht ausschließen, sagt Lübke. Wichtig sei aber, wie man damit umgehe. „Fairtrade ist ein lernendes System.“

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