Fallstricke des Alltags : Die Grenzen der Vorstellung

Einmal in der Woche fragen Sie Elisabeth Binder, wie man mit komplizierten oder peinlichen Situationen so umgeht, dass es am Ende keine Verstimmungen gibt: So kann's gehen.

Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.
Tagesspiegel-Kolumnistin Dr. Elisabeth Binder.Quelle: Tsp

Kürzlich besuchte ich eine Vernissage. Dort sprach ich mit zwei Bekannten, als sich ein Gast hinzugesellte, mit dem ich vor Jahren Kontakt hatte. Sein Name wollte mir partout nicht einfallen. Ich stellte die anderen vor, ihn aber eben nicht mit Namen, sondern nur als Liebhaber moderner Kunst. Vermutlich war das unhöflich. Aber wie hätte man es richtiggemacht?

Fabian, vergesslich

Namen zu vergessen ist längst kein Hinweis mehr auf eine beginnende Krankheit. Das passiert auch Menschen in jüngeren Jahren. Die Dauerberauschung durch Smartphones und Tablets fordert ihr Tribut. Man könnte sagen, dass inzwischen viele Menschen unter digitaler Demenz leiden. Mal abgesehen davon ist es normal, dass ein Name irgendwann aus dem Hirnspeicher rausfällt. Hätten Sie in dem größeren Kreis nach dem Namen gefragt, dann wäre womöglich eine peinliche Situation entstanden. Sie hätten ja preisgegeben, dass dieser Mensch in Ihrem Denken nicht gerade eine Hauptrolle spielt. Das ist zwar nicht schlimm, aber manche fühlen sich dadurch gekränkt.

Richtig wäre es gewesen, wenn der alte Bekannte von sich aus seinen Namen gesagt hätte, sobald erkennbar wurde, dass der Ihnen nicht einfällt. Es ist immer höflich, anderen hilfreich zur Seite zu springen. Warum hat er das nicht getan? Dafür kann es verschiedene Gründe geben, aber keiner ist wirklich gut. Vielleicht war er zu stolz dazu, weil er meinte, Sie hätten seinen Namen unbedingt präsent haben müssen. Vielleicht hat er auch gar nicht gemerkt, dass er Ihnen nicht mehr einfällt, und freute sich an der Bezeichnung „Kunstliebhaber“. Vielleicht war er heimlich sauer und hat sie extra auflaufen lassen. Was immer es war, Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen. Menschen sind nun mal nicht perfekt. Indem man das anerkennt und die Zahl der Situationen, in denen man beleidigt reagiert, auf ein Minimum zurückschraubt, offenbart man schon einen Funken Weisheit.

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