Familie trauert um Giuseppe Marcone : "Ein böser Traum – aber wir wachen nicht auf"



Bis zum 17. September schien die Familie Marcone, die einem Bilderbuch über gelungene Integration entstammen könnte, das Glück gepachtet zu haben. Das Glück der Tüchtigen: Vater Antonio aus Neapel lebt seit 1976 in Berlin, betreibt ein Restaurant. Mutter Vaja ist als Tochter eines Griechen und einer Bulgarin in Sofia geboren und als Achtjährige hierhergekommen. Sie hat ihren Söhnen Velin, Giuseppe und Savier vor allem vermittelt, wie wichtig Bildung ist.
Giuseppe, der Zweitälteste, war am Tag vor seinem Tod mit der Ausbildung zum Koch fertig geworden. Am 4. Oktober wollte er bei den Gebirgsjägern der Bundeswehr anfangen. „Er hatte vor, beim Bund Politik zu studieren und später im Außenministerium zu arbeiten“, sagt seine Mutter. Sie wirkt sehr gefasst – auch, weil sie das Gefühl hat, die ganze Welt trösten zu müssen. Vor allem Giuseppes Freunde, die ihre Unbeschwertheit verloren haben. Und ihre anderen Söhne. Velin, fünf Jahre älter als Giuseppe, durchleidet das klassische Trauma, wie er es selbstironisch nennt: „Ich habe meinen kleinen Bruder nicht beschützen können.“
Sein Trost sei der andere kleine Bruder, Savier. Der erzählt, wie er mit Giuseppe fünf Tage vor dessen Tod beim ausverkauften Mac-Miller-Konzert in Kreuzberg war. Giuseppe hatte nur eine Karte. „Wenn ich keine mehr bekomme, kriegst du meine“, versprach er Savier: „Aber ich bekomme garantiert noch welche.“ So war es dann auch.
Die Brüder und die Freunde versuchen, in diesen Tagen nicht allein zu sein. Ununterbrochen reden sie über Giuseppe, als könnten sie ihn damit bei sich behalten. Die Episoden sprudeln aus ihnen heraus, manchmal lachen sie bei einer Erinnerung und erschrecken, weil sie gelacht haben

. Manche kannten ihn vom Joggen, Klettern oder Malen, von Reisen nach Australien oder Israel.
Persönlich kennengelernt haben sich einige von ihnen erst nach seinem Tod. „Jetzt weiß ich, wer du bist, wegen dir hat Giuseppe mal ein Treffen abgesagt“, ist ein Satz, der in diesen Tagen häufiger fällt. „Er hatte so eine leichte Art, das Leben zu nehmen“, sagt ein Freund. „Einerseits verfiel er nie in Stress, nahm die Dinge gelassen. Auf der anderen Seite war völlig klar, dass es im Leben nicht nur um das eigene Ego gehen kann, sondern um etwas Größeres. Also dass man sich auch um andere kümmern muss.“

Die Erzählungen der Bekannten und Verwandten von Giuseppe Marcone stammen aus einer Welt, in der es Freundschaft gibt, Würde und Mitgefühl. Eine Welt, die so gar nichts mit U-Bahn-Schlägereien zu tun hat oder den Tatverdächtigen, die offenbar aus einer anderen Welt kommen. Die beiden, die Giuseppe und Raul angegriffen haben sollen, sind der Polizei bereits bekannt – wegen Raubes, Diebstahls und Körperverletzung.

Wie die Familie mit dem Trauma umgeht, lesen Sie auf der nächsten Seite.

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