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Familie trauert um Giuseppe Marcone : "Ein böser Traum – aber wir wachen nicht auf"

Vaja Marcone empfindet ihnen gegenüber keinen Hass: „Da würde ich sie ja in mein Leben lassen, ihnen Macht einräumen“, sagt sie. Ob es zur Anklage kommt, steht noch nicht fest. Ihr Anwalt hat die Familie gewarnt: Die Gegenseite werde alle Register ziehen, um nachzuweisen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Zusammentreffen ihrer Mandanten mit Giuseppe und dem Unfalltod gibt.
Für seine Mutter steht das allerdings außer Frage: „Giuseppe trainierte seit 2007 Krav Maga“, sagt sie. Das sei ein einfaches und wirkungsvolles Selbstverteidigungssystem, das entwickelt wurde, um gewalttätige Situationen unter psychischem Druck zu meistern: „Wenn sich Giuseppe also zur Flucht entschieden hat, dann nur, weil die Situation für ihn und Raul sehr, sehr bedrohlich gewesen sein muss. Giuseppe muss um sein Leben gerannt sein, das er dann doch verlor.“
Was im U-Bahnhof genau geschah, haben die Überwachungskameras nicht aufzeichnen können, heißt es aus Ermittlerkreisen. Dass die Tatverdächtigen, die sich später stellten, Giuseppe und seinen Freund verbal und auch tätlich angriffen, sei aber relativ klar. Gegen beide wird deshalb wegen schwerer Körperverletzung ermittelt. Einer ist wieder frei, er soll sich nicht an der späteren Hetzjagd beteiligt haben. Der zweite Verdächtige soll Giuseppe verfolgt haben. Ihm wird zusätzlich Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen, er sitzt in Untersuchungshaft.
Vaja Marcone macht sich selbst Vorwürfe: „Wir Eltern haben vor der alltäglichen Gewalt auf Straßen, Bahn- oder Schulhöfen doch längst kapituliert“, sagt sie: „Wir schicken unsere Kinder lieber rasch auf eine andere Schule, anstatt offensiv gegen die Gewalt anzugehen.“ Giuseppe habe das getan, erzählt sie. Schon in der Grundschule half er einem Jungen, der gemobbt wurde. Die Rolle des Beschützers gefiel ihm. Aber er habe auch Brücken zu anderen Menschen gebaut.
Weil Familie und Freunde diese Brücken nach seinem Tod nicht einstürzen lassen wollen, hat Giuseppes großer Bruder Velin eine Webseite (www.giuseppemarcone.de) entworfen. Sie ist für Menschen mit ähnlichen Schicksalen gedacht: zum Dialog, zur Kommunikation – ganz im Sinne seines Bruders. Vielleicht wird eine Giuseppe-Marcone-Stiftung daraus, gegen die alltägliche Gewalt, die jeden treffen kann. „Vielleicht fühlen sich auch andere Eltern angesprochen, etwas für die Sicherheit ihrer Kinder zu tun“, sagt Vaja Marcone, die selbst bei der gestrigen Trauerfeier bemüht war, Fassung zu bewahren.
Das liege vielleicht daran, dass das Bewusstsein sich weigere, den Tod von Giuseppe zur Kenntnis zu nehmen, sagt sein Bruder Velin: „Wir denken immer noch, das sei nur ein böser Traum. Leider wachen wir aber nicht auf.“

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