Familienkolumne : Sportlich den Hampelmann machen

Sieben Minuten Training jeden Tag? Unsere Redakteurin Tanja Buntrock und ihre Tochter lassen sich früh morgens von einer App anbrüllen.

Frühsport auf der Wohnzimmermatte. Wer daheim Leibesübungen macht, wie hier Mutter und Tochter (Symbolbild) auf dem Foto, spart sich das Fitnessstudio.
Frühsport auf der Wohnzimmermatte. Wer daheim Leibesübungen macht, wie hier Mutter und Tochter (Symbolbild) auf dem Foto, spart...Foto: imago

Mein Trizeps wächst. Schuld ist meine Tochter. Punkt 5.50 Uhr steht sie im Schlafzimmer. „Mama, ich bin bereit. Und duuuu?“ So geht das seit Januar. JEDEN Morgen. Meine Neunjährige holt mich direkt aus dem Bett zum Sportmachen ab – ins Wohnzimmer auf die bereits von ihr ausgerollte Matte. Und ich komme aus der Nummer nicht mehr raus. Seit uns mein Nachbar am Jahresbeginn eine App empfohlen hat, mit der man nur sieben Minuten in einer bestimmten Reihenfolge zwölf Übungen trainieren muss, stecke ich in diesem HIIT-Schlamassel. HIIT steht für (High-Intensiv-Intervall-Training), das haben zwei junge Amerikaner erfunden. Man brauche nur sieben Minuten täglich diese Übungen wie Hampelmänner, Liegestütz, Planke, Crunches und ähnliche Quälereien auszuführen und verliere angeblich Stunden später durch den Nachbrenneffekt noch Fett.

Begeistert fummelt sie an meinem Handy herum und sucht passende Leibesübungen aus der App

Das alles interessiert meine Tochter Gott sei Dank nicht. Dünn zu werden, um so auszusehen wie die Influencerinnen auf Instagram oder die Mädchen in der unerträglichen Heidi-Verblödungs-Show, ist überhaupt nicht ihr Anliegen. Nein, der ganze Klimbim drum herum macht ihr Spaß: Seit die App auf meinem Handy ist, fummelt sie begeistert darin herum und sucht für jeden Morgen passende Leibesübungen heraus. Noch entscheidender für sie ist jedoch: „Welchen Trainer oder welche Trainerin nehmen wir denn heute?“ Ein Menü mit gezeichneten Figuren und entsprechenden Stimmen, die Anweisungen geben (auf Englisch), geht auf. Von der Cheerleaderin, die motivierend anfeuert („Super“), über den Drill-Sergeant, der die ganze Zeit nur brüllt („Let’s go!“), bis zur wütenden Mutter („Faster or no video games“). Während wir also springen oder auf der Matte bei den Kraftübungen schwitzen, lassen wir uns anschreien und mein Mädchen lacht sich kaputt dabei.

Das Training am frühen Morgen macht mich fix und fertig

Ich hingegen habe ganz schön zu tun, meine müden Augen offen zu halten und nicht allzu schnell aus der Puste zu geraten. Schließlich bin ich 33 Jahre älter. Meist verfluche ich während der Übungen den Tag, an dem ich diese App installiert habe, denn das Training so früh am Morgen macht mich fix und fertig. Ich gebe zu – nur für den Moment. Denn wenn wir durch sind, klatschen wir uns ab. Ich fühle mich wach, fit und irgendwie ist die Körperspannung tagsüber eine ganz andere als vorher. Meine Tochter zählt die Herzen in der Statistik, die wir für jedes absolvierte Training bekommen. Wenn wir eines ausfallen lassen – was ja so gut wie nie vorkommt, weil das Kind so streng ist –, zerbricht ein Herz. Klar, es geht doch nichts über das Belohnungsprinzip, dachte ich. Da hat sich wieder jemand was ganz Sinniges ausgedacht, um die Leute bei der Stange zu halten.

Einige Tage später, es war noch vor 5.50 Uhr, schreckte ich im Bett hoch. Ein regelmäßiges Poltern drang aus dem Kinderzimmer. Bumm, bumm, bumm. Ich schaute nach. Mein Mädchen sprang tatsächlich mit ihrem roten Hüpfseil mitten im Raum. „Mama, ich möchte so schnell Seil springen können wie die Boxer beim Training, aber das klappt mit diesem dicken Seil nicht“, maulte sie. „Können wir uns auf Youtube ein Video anschauen, wie man das blitzschnell und über Kreuz macht?“ Es ist der Wahnsinn, next level.

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