Familienpflege in Berlin : „Ohne Helga würde hier gar nichts mehr gehen“

Wenn Eltern erkranken, wissen sie oft nicht, wer sich um die Kinder kümmern soll. Die Lösung: Von der Krankenkasse finanzierte Familienhilfe.

Wenn ein Elternteil eine fiebrige Erkältung hat und das andere auf Dienstreise ist, können Familien Unterstützung beantragen.
Wenn ein Elternteil eine fiebrige Erkältung hat und das andere auf Dienstreise ist, können Familien Unterstützung beantragen.Foto: Getty Images/iStockphoto

Was macht man eigentlich, wenn man zu krank ist, um sich um seine Kinder zu kümmern? Wer kocht, wer putzt, wer füttert das Baby, trägt es herum, wenn es schreit, wer holt die Größeren von der Kita ab – wenn die Eltern plötzlich ausfallen? Kommt dann das Jugendamt und nimmt die Kinder mit? Mit diesen Fragen musste sich Familie Güzel* kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes notgedrungen auseinandersetzen – ehe sie die Lösung fand: eine Familienpflegerin.

„Ohne Helga würde hier gar nichts mehr gehen“, sagt Yazemin Güzel*. „Die Kinder lieben sie, für die ist sie nur die Tante Helga.“ Helga B., blonder Pferdeschwanz, Brille, zierlich, steht gerade in der kleinen Küche der Familie Güzel und bereitet einen Bulgur-Salat zu. Gekocht wird hier überwiegend türkisch, sie hat sich darauf eingestellt: „Das ist das Schöne an diesem Beruf, dass man unterschiedliche Menschen kennenlernt, auch unterschiedliche Kulturen – und, dass man wirklich helfen kann.“ Bei Familie Güzel tut sie dies seit einem Jahr. Vorher waren schon andere Familienpflegerinnen bei der Familie. Dass Familie Güzel die Familienpflege schon lange in Anspruch nehmen muss, liegt an den immer wieder auftretenden gesundheitlichen Rückschlägen von Yasemin Güzel. Auch heute noch muss die 42-Jährige, die an diesem Tag ein hellrosa Kopftuch trägt, sich immer wieder irgendwo anlehnen, wenn sie durch ihre Wohnung geht.

Erst nach der Entbindung gab es weitere Untersuchungen und eine Diagnose

Alles begann während ihrer zweiten Schwangerschaft. Sie merkte, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Starke Schmerzen plagten sie in den letzten zwei Monaten vor der Geburt ihrer heute 19 Monate alten Tochter Laleh*. Doch die Ärzte verwiesen nur immer wieder auf die typischen Beschwerden einer Schwangerschaft. Erst nach der Entbindung gab es weitere Untersuchungen und eine Diagnose: Lymphdrüsenkrebs im dritten Stadium. Plötzlich musste alles sehr schnell gehen. Ganze vier Tage nach der Geburt ihres zweiten Kindes begann die Mutter die erste von insgesamt acht Chemotherapien. Doch was sollte mit Laleh und Alici*, dem damals zweieinhalbjährigen Sohn, passieren? „Zuerst waren die Kinder bei meiner Schwester. So konnten wir zumindest die ersten fünf Wochen überbrücken“, sagt Yazemin Güzel. Sie sitzt im Wohnzimmer ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in Moabit. Ihr Sohn ist gerade in der Kita, die Tochter bei einer Tagesmutter. Im Wohnzimmer steht neben der Couch auch das Ehebett, viel Geld hat die Familie nicht.

Yazemin Güzels Mann arbeitet als Friseur in einem Warenhaus – auf Provisionsbasis. Er muss dafür sorgen, dass er seinen Kundenstamm nicht verliert, und kann sich nur am Wochenende um die Kinder kümmern. Würde er sich freinehmen, gäbe es in der Familie niemanden mehr, der Geld verdient. „Wenn kein erwachsenes Familienmitglied mehr in der Lage ist, sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern, ist die Familie in ihrer Existenz gefährdet“, sagt Sabine Werth, Betreiberin der gleichnamigen Familienpflegeeinrichtung. Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist sie vor allem als Gründerin und ehrenamtliche Vorsitzende der Berliner Tafel – die Familienpflege ist ihr Broterwerb.

Die Gründe, weswegen Familien eine Familienpflegerin benötigen, sind vielfältig

Wenn sich die Eltern infolge von Krankheit nicht um den Haushalt und ihre Kinder kümmern können, gibt es die Möglichkeit, eine Familienpflegerin bei der gesetzlichen Krankenkasse zu beantragen. Dafür muss mindestens ein Kind im Haushalt unter zwölf Jahre alt sein. „Und – ganz wichtig – es darf kein weiterer Erwachsener im Haushalt sein, der sich um die Kinder kümmern könnte“, sagt Werth. „Geht das andere Elternteil arbeiten, trägt er oder sie im Antrag die Abwesenheitszeiten ein. Dann wird geguckt, in welchen Zeiten eine Betreuung für die Kinder nötig ist. Für Freiberufler gilt das Gleiche. Urlaubszeiten werden nicht abgefragt. Das gesunde Elternteil muss also nicht nachweisen, dass es für die Zeit Urlaub nehmen kann“, teilt ein Sprecher der Techniker Krankenkasse mit. Sind alle Voraussetzungen erfüllt und liegt der Antrag für die Krankenkasse und ein Attest des Arztes vor, bemüht sich die Pflegeeinrichtung, schnellstmöglich eine Pflegerin zu schicken, in Notfällen noch am selben Tag.

Die Gründe, weswegen Familien eine Familienpflegerin benötigen, sind vielfältig. „Das kann eine schwerere Erkältung sein, eine Schwangerschaft, oder eben ein Härtefall. Wir versuchen allen zu helfen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht um ihre Kinder kümmern können“, sagt Sabine Werth. Derzeit sind 30 Frauen für sie im Einsatz: „Ich würde ja gerne auch Männer einstellen, aber die bekomme ich nicht vermittelt. Die Familien bestehen meistens darauf, dass eine Frau zu ihnen kommt.“ Dass nicht mehr Frauen bei ihr arbeiten, liegt laut Werth an der angespannten Arbeitsmarktsituation im Pflegesektor.

Für den Job benötigt man keine besonderen Qualifikationen

Dabei muss man für den Job keine besonderen Qualifikationen mitbringen. Die üblichen Aufgaben sind Putzen, Kochen, Einkaufen, mit den Kindern spielen oder Hausarbeiten machen. „Am liebsten nehme ich eigentlich 50- bis 60-jährige Mütter“, sagt Werth. „Also eigentlich alle die, die es auf dem Arbeitsmarkt sonst richtig schwer haben. Mütter bringen alles mit, was man für den Job können muss.“ Eine von diesen Frauen ist die 56 Jahre alte Helga B. Die gebürtige Österreicherin lebt schon seit Anfang der neunziger Jahre in Berlin, war lange Zeit selbstständig und ist erst seit zwei Jahren in der Pflege tätig. „In den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass ich ein Händchen fürs Soziale habe. Als dann meine Tochter auszog, hatte ich den Eindruck, als fehlte etwas. Vielleicht hat auch das die Entscheidung mitbeeinflusst“, sagt sie.

Ihr Händchen fürs Soziale setzt sie nun bei den Güzels ein. Sie unterstützt Yazemin Güzel, die durch Erkrankung und Therapie vor immer neuen gesundheitlichen Problem steht: Zuerst Herz-Rhythmus-Störungen, dann steht sie wegen der Chemo kurz vor einem Leberversagen. Immer wieder muss sie für längere Zeit ins Krankenhaus.

Die Krankenkasse weigerte sich zunächst die Betreuung der Kinder weiter zu bezahlen

Und immer wieder gibt es auch Streit mit der Krankenkasse, die sich erst weigert, die Betreuung der Kinder weiter zu bezahlen, dann zwar zustimmt, aber nur wenige Stunden in der Woche übernimmt. Doch Yazemin Güzel ist zu schwach, um sich allein um die Kinder zu kümmern. Irgendwann – nach langem Zögern – wendet sie sich ans Jugendamt. Dieses übernimmt in Notfällen die Kosten der Familienpflege, etwa wenn die Kasse die Leistung verweigert, weil sie schon über einen zu langen Zeitraum beansprucht wurde. „Zuerst hat man da echt Angst, dass die einem die Kinder wegnehmen. Aber das war gar nicht so.“ Nach langen Verhandlungen übernimmt das Amt die Kosten für 300 Stunden für das aktuelle Jahr. Dieses Kontingent wird voraussichtlich noch bis Ende Dezember reichen. „Wie es dann weitergehen soll, weiß ich auch nicht“, sagt Yazemin Güzel.

„Eigentlich bin noch nicht dafür bereit, wieder allein mit den Kindern zu sein." Schwierigkeiten mit den Krankenkassen kennt man auch in den Familienpflegeeinrichtungen: „Wir sind eine Interessengemeinschaft von derzeit sechs Einrichtungen in Berlin“, sagt Sabine Werth. „Wir verhandeln immer wieder mit den Krankenkassen, mit dem Verband der Ersatzkassen und auch mit dem Berliner Senat, weil unsere Arbeit kaum noch wirtschaftlich ist.“ Mit dem, was die Krankenkassen derzeit bezahlten, könnten kaum alle Kosten gedeckt werden.

"Die Helga macht ihren Job einfach richtig gut"

Dabei sind die Vorteile der Familienpflege unübersehbar. Auch für die kranken Elternteile sind die Pflegerinnen da, unterstützen sie neben den häuslichen Aufgaben auch moralisch. Nachdem Yazemin Güzel aus dem Krankenhaus zurück nach Hause kam, hatte sie Schwierigkeiten, ein Näheverhältnis zu ihren Kindern aufzubauen, konnte die Lautstärke ihrer Kinder nicht ertragen, zog sich zurück.

„Da hat mich Helga irgendwann zur Seite genommen und mir klipp und klar gesagt, dass das so nicht geht. Seitdem ist das Verhältnis zwischen mir und meinen Kindern wieder viel besser. Die Helga macht ihren Job einfach richtig gut.“ Und Helga B., die noch kochend in der Küche steht, bevor sie sich bald auf den Weg macht, um die beiden Kinder abzuholen, sagt: „Ich versuche halt einfach, Normalität aufkommen zu lassen. Das ist kein Job. Das ist mehr, als wäre ich bei guten Freunden, um zu helfen.“

*Namen geändert.

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