Familientour nach Schweden : Mit dem Rad nach Bullerbü

Wer durch Südschweden reist, trifft auf eine vertraute Landschaft aus der Welt der Kinderbücher. Ein perfektes Urlaubsziel für den Familienurlaub.

Auf den Spuren von Astrid Lindgren. Den Original-Drehort der Bullerbü-Filme kann man in Småland besuchen.
Auf den Spuren von Astrid Lindgren. Den Original-Drehort der Bullerbü-Filme kann man in Småland besuchen.Foto: Promo

Schweden kannte ich lange nur aus Büchern - vor allem aus Kinderbüchern, geschrieben von Astrid Lindgren, aber auch aus Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson“. Wie so viele meiner Generation bin ich mit „Ferien auf Saltkrokan“ aufgewachsen, das in den Stockholmer Schären spielt. Und wie so viele sehne ich mich nach Bullerbü zurück, in das Kinderparadies schlechthin. Als mir ein Prospekt für einen Ferienhof mit rot-weißen Holzhäusern bei Vimmerby in Småland, der Heimat Astrid Lindgrens, in die Hände fiel, war es um mich geschehen: Ich wollte das Land meiner literarischen Kindheit erkunden, ich wollte nach Bullerbü!

Mein Mann verbindet nicht viel mit Bullerbü, aber er ist begeisterter Radfahrer. Also einigten wir uns auf eine Radtour von Trelleborg in Südschweden zum 390 Kilometer nördlich gelegenen Vimmerby – mit Teilstrecken per Zug und Bus. Unseren Fünfjährigen brauchten wir nicht zu überreden – intensives Bullerbü-Vorlesen hat auch bei ihm Spuren hinterlassen. Die Reiseplanung war schnell abgeschlossen: Mein Mann überließ mir sein neues, knallrotes Elektro-Lastenrad, das wir „Roter Blitz“ nennen, und holte sein altes Tourenrad aus dem Keller – mit Kinderanhänger. So hat unser Sohn immer die Wahl, ob er bei Mama oder Papa Beifahrer sein möchte. Fast eine ganze Satteltasche stopfte ich mit Büchern von und über Astrid Lindgren voll, für Kinder und Erwachsene.

So querten wir das Meer mit der Fähre von Warnemünde, fuhren an der schwedischen Küste von Trelleborg auf ruhigen Landstraßen nach Ystad, schauten riesigen Katamaranen mit Kurs Bornholm beim Ablegen zu, probierten köstliches Fliedereis und schlugen am Abend unser Zelt auf Campingplätzen auf. Landeinwärts ging es über Hügel voller Korn und in den Nationalpark Stenshuvud, wo einer der größten Hainbuchenwälder Schwedens, ein Torfmoor, ein Heidegebiet und Feuchtwiesen dicht beieinanderliegen. Was für eine Vielfalt!

Mit jedem Kilometer wird die Landschaft jetzt schöner. Von dem kleinen Küstenort Kivik aus fahren wir auf einer Schotterpiste hoch oben auf einer Steilküste. Hier gibt es keine Häuser, Schafe laufen herum, manche stehen mitten auf der Straße. Wir rollen hinab zu einem Strand, auf dem eine kleine Hütte zwischen niedrigen Dünen steht. Rosen ranken an ihr hinauf, ein altes Fischerboot liegt im Sand. Unter einer verkrüppelten Kiefer, die mein Sohn gleich erklimmt, ziehe ich meinen Badeanzug an und springe in die hohen Wellen.

Die Landschaft wird uriger - in Kristianstad ist Kindertag

Zu gerne würde ich länger an diesem Ort bleiben, einen Strandtag einlegen. Aber wir haben nun mal unsere rot-weiße Bullerbü-Hütte gebucht. Also fahren wir landeinwärts und folgen vielversprechenden Plakaten: In Kristianstad ist Kindertag! Das klingt wie der Kindertag in Bullerbü in einem von Astrid Lindgrens Büchern. Allerdings ist der in Kristianstad ganz anders. Bei Lindgren gehören Saft, Wecken, Lämmchenstreicheln und Schaukeln dazu. Hier ist es eine laute Mischung aus Jahrmarkt und Freizeitpark hinter einem Bauzaun. Wir steuern also lieber einen schönen Spielplatz an. Kinder turnen auf einem Kletterschiff umher und spielen im Wasser, sie sprechen Schwedisch, Türkisch und Arabisch.

Im Stadtzentrum besuchen wir ein schwedisches Süßigkeitengeschäft in Supermarktgröße. Hier kann man sich alles selbst in Tütchen abfüllen – Schokolade, Lakritz, Bonbons, unverpackt und so weit das Auge reicht. Wir sind komplett überwältigt. Wir übernachten in einem „Wanderheim“, der schwedischen Form einer Jugendherberge, und mieten für etwa 15 Euro eine winzige Hütte.

Ein einziger Abenteuerspielplatz sind die schwedischen Wälder mit ihren vielen Findlingen.
Ein einziger Abenteuerspielplatz sind die schwedischen Wälder mit ihren vielen Findlingen.Foto: Daniela Martens

Am nächsten Morgen geht es weiter auf einem alten Bahndamm, der uns nach einigen Kilometern zu einer Badestelle an einem See führt, die zugleich ein Spielplatz mit Schaukeln und Wasserrutsche ist. Wir springen ins Wasser, obwohl wir noch nicht weit gekommen sind. Dann will unser Sohn auch noch schaukeln – und legt sich mit schwedischen Kindern auf der Nachbarschaukel an – sie sagen irgendetwas in neckendem Tonfall, er brüllt wütend zurück: „Ich hab' euch doch schon gesagt, dass ich kein Schwedisch kann!“ Der schnurgerade Bahndamm führt vorbei an Seen, kleinen Dörfern und durch dichten Wald nach Immeln, das an einem langgezogenen See liegt, auf dem ein Liniendampfer verkehrt. Unser Campingplatz ist sehr klein, aber er hat eine Badestelle mit Rutsche und Sprungturm. Jetzt sind wir endlich in Småland.

Die Landschaft ist nun urwüchsiger. Die großen schwedischen Wälder beginnen hier, wir fahren über leere Landstraßen, nur alle halbe Stunde überholt uns mal ein Auto, einmal auch eine Frau mit kleinem Kind auf einem Quad. Als wir durch Vilshult, ein hügeliges Örtchen mit einer Fabrik, fahren, sehen wir zwei Männer, die Stühle und einen Tisch am Straßenrand aufgestellt haben, auf dem Tisch steht eine silberne Teekanne. Sie grüßen uns mit einem Lächeln und Winken. Wir fragen sie, ob wir bei ihnen Wasser nachfüllen können, und werden gleich in die Wohnung eingeladen. Einer der beiden erklärt halb auf Englisch, halb auf Schwedisch, dass sie aus Syrien stammen. Und dass wir unbedingt zum Essen bleiben sollen. Ingenieur sei er. Sein Englisch sei schlechter geworden, seit er Schwedisch lernt, doch viel Kontakt zu Schweden hätte er noch nicht. Er gibt uns unsere gefüllten Wasserflaschen zurück. Und noch eine weitere.

Weiter geht es durch den Nationalpark Åsnen

Inzwischen sieht die Landschaft so aus, als würden jeden Moment Trolle und Zwerge auftauchen: hügelige Wälder, deren Boden mit großen grauen, teils bemooste Steinen bedeckt ist. Einsame, aber bestens asphaltierte Straßen schlängeln sich durch diese Landschaft. Dann geht es wieder durch Felder. In einem der menschenleeren Dörfer gibt es einen menschenleeren, aber geöffneten Second-Hand-Laden, jeder kann hier etwas mitnehmen – und das Geld in eine Spardose legen.

Wir übernachten auf dem Campingplatz Norraryd, nicht weit vom Örtchen Ryd. Für uns Erwachsene ist es der schönste bislang: Er hat einen weichen, grünen Waldboden, liegt unter hohen, eher lichten Kiefern, direkt an einem See. Unser Sohn hat eigene Kriterien: Es gibt nur eine Schaukel und keinen richtigen Spielplatz. Dafür gibt es eine schwimmende Sauna im See, zu der man über einen langen Steg gelangt.

Weiter geht es am nächsten Morgen durch den Nationalpark Åsnen, der nach einem riesigen See benannt ist, einem beliebten Ziel für Paddler. Die Landschaft ist spektakulär, an einigen Stellen fahren wir auf einem schmalen Damm mitten durch das Wasser. Wir sehen Greifvögel, Bachstelzen, Schafe und Kühe. Schon auf dem Stadtgebiet von Växjö frage ich nach dem Weg zum Campingplatz und komme mit einem spleenigen Schweden ins Gespräch. Er trägt ein Basecap mit integriertem Ventilator und erzählt munter drauflos. Er habe gerade eine Ein-Mann-Partei gegründet, um gegen die politischen Missstände im Land anzugehen. Vorher sei er Sonnenschutzberater auf den Kanarischen Inseln gewesen und habe deutsche Urlauber beim Sonnenmilchkauf beraten. Er ist mit einem schicken Klapprad unterwegs, das er mit einer einzigen Handbewegung stolz zusammenklappt. Der „rote Blitz“ kommt mir dagegen etwas sperrig vor.

Katthult trägt inzwischen den Filmnamen offiziell

Nach einem Ruhetag am großen Helgasjön-See ist der Akku des „Roten Blitzes“ wieder geladen. Wir sind bereit für ein Zugabenteuer von Vaxjö nach Nässjö. Wir nehmen einen Zug des Krösatorget-Privatverbunds, denn die staatliche Bahnlinie nimmt keine Fahrräder mit, bugsieren die Räder und den Anhänger über eine kleine Treppe in den Zug hinein. In Nässjö angekommen, wollen wir mit dem Bus weiter. Mein Mann überredet den Busfahrer, alle Räder – selbst unseren „roten Blitz“ – ins Gepäckfach zu schieben. Wir steigen an einer Kreuzung aus, von der es nur noch 15 Kilometer bis zu unserem Ferienort sind.

[Dieser Text stammt aus dem Magazin „Tagesspiegel Radfahren 2019/20“. Darin finden Sie 27 Touren für Familien, Kulturfreunde, Genießer und Entdecker in Berlin, Brandenburg und Umgebung. Erhältlich im Handel (9,80 Euro) oder im Tagesspiegel-Shop unter tagesspiegel.de/shop]

Und da liegt es nun, Lilla Sverigebyn, das kleine Schwedendorf. So heißt unser Bullerbü. Es wird von einem deutschen Ehepaar betrieben. Sie haben drei ehemalige Bauernhöfe zusammengelegt und eine weitläufige Anlage geschaffen, mit Kletterbäumen und einer Spielscheune. Vor allem deutsche Familien haben sich hier einquartiert. Die Kinder laufen frei umher, so wie in den Büchern und Filmen, die es alle im Kinderkino in der Scheune zu sehen gibt. Wir Erwachsenen haben so für ein paar Stunden frei.

Zum Verschnaufen geht's zum Café am Straßenrand.
Zum Verschnaufen geht's zum Café am Straßenrand.Foto: Daniela Martens

Man kann von hier aus leicht zu den Höfen fahren, auf denen die Bullerbü- und Michel-Filme gedreht wurden. Katthult ist ausgeschildert – inzwischen trägt der reale Ort den Filmnamen sogar offiziell. Wir wollen nach der langen Radtour aber die Ruhe genießen und drehen nur zweimal eine Runde ins 13 Kilometer entfernte Vimmerby. Der Weg dorthin kommt immer wieder in den Michel-Geschichten vor, die wir nacheinander alle durchlesen. Mein Sohn identifiziert sich total mit dem Fünfjährigen, ebenfalls blonden Michel aus dem Film.

Bei unserem zweiten Ausflug nach Vimmerby besuchen wir die Astrid-Lindgren-Welt, eine Mischung aus Freizeitpark und riesigem Freilichtkindertheater. Zu fast jeder Lindgren-Geschichte steht hier eine Kulisse, die man erkunden kann, die Geschichten werden von Laienschauspielern aus Vimmerby nachgespielt: Wir besuchen Ronjas Räuberburg, Lottas Krachmacherstraße, Pippis Villa Kunterbunt und die Hoppetosse, das Schiff von Pippis Vater. Nach einem Tag dort haben wir die volle Lindgren-Dosis getankt. Und unser Sohn ist jetzt mit einer echten blauen Michel-„Müsse“ ausgestattet, die er stolz auf seinem Kopf trägt.

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