Berlin : Fan-Auflauf im Affenhaus

Die Orang-Utans, Gorillas und Schimpansen haben im Zoo viele Stammgäste Ihre treuesten Anhänger kommen täglich – auch außerhalb der Öffnungszeiten

Vera Kröning

Auf jeden ihrer Unterarme hat sie sich einen Affenkopf tätowieren lassen. Auf die Innenseite, dort, wo sie am empfindlichsten sind. „Das hat richtig wehgetan“, sagt sie. „Es war ein echtes Opfer. Aber ich hab’s gern gemacht. Damit ich sie immer ganz nah bei mir habe.“ Die Affen. Den Gorilla-Jungen Dschambala auf dem linken, das Orang-Utan-Weibchen Mücke auf dem rechten Arm.

Angela Krüger sieht jünger aus als 57. Sie ist Stammgast. Seit 1994 kommt sie täglich ins Affenhaus des Berliner Zoos. Dort riecht es nach Tiermist. Es ist dämmrig. Schritte schlurfen über Steinplatten. Rechts und links sitzen Menschenaffen in ihren gekachelten Zellen. Und hinter sieben Zentimetern Panzerglas stehen die Gäste. Angela Krüger ist nicht der einzige Dauerbesucher. Man kennt und grüßt sich. In diesen Tagen ist es besonders voll im Affenhaus: Bonobo-Mutter Yala hat Nachwuchs bekommen, den will natürlich jeder Zoobesucher sehen. Ob das Baby männlich oder weiblich ist, wissen die Pfleger noch nicht. Seine Mutter lässt bisher niemanden nah genug ran. Auch über die Frage nach dem Vater können die Pfleger – und die Stammgäste – im Moment nur spekulieren.

Ein Schimpanse steht dicht vor seinem Fenster. Angela Krüger tritt dicht vor ihn hin und presst ihre Stirn an das Glas. Der Schimpanse lehnt seine Stirn von der anderen Seite dagegen. So verharren sie einen Augenblick. Als junge Frau wollte Angela Krüger Tierpflegerin werden. Doch sie bekam nur Absagen. In den 60ern galt der Beruf für Frauen als zu gefährlich. „Da ist für mich eine Welt zusammengebrochen“, sagt sie. „Ich war acht Mal im Zoo, um zu fragen, ob es nicht doch geht.“ Der Zoo blieb hart. Angela Krüger gab ihren Wunsch auf und ging in den öffentlichen Dienst. Seitdem verbringt sie fast ihre komplette Freizeit mit Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen.

„Wenn ich in den Zoo komme, dann gebe ich beim Pförtner ein Riesenpaket ab, voll mit Stress, Frust und Sorgen. Wenn ich herauskomme, hole ich das Paket wieder ab. Und dann ist es nur noch halb so groß.“ Der Anblick der Affen tue ihr sehr gut. Sie fühlt sich von ihnen wiedererkannt und aufgemuntert. „Die merken sofort, wenn es mir schlecht geht. Dann kommen sie und spielen mit mir.“ Das war ihr vor zwei Jahren besonders wichtig, als ihr Mann schwer krank wurde. Auch damals ging sie jeden Tag in den Zoo, um abzuschalten. Danach habe sie wieder die Kraft gehabt, für ihn da zu sein. Ihr Mann habe mit ihrer Leidenschaft für Affen kein Problem, sagt Angela Krüger. „Der sagt immer, es sei für ihn schöner, eine glückliche Frau für ein paar weniger Stunden zu haben als eine gestresste Frau für ein paar mehr.“

Für das dicke Orang-Utan-Weibchen Bini hat Angela Krüger eine Patenschaft übernommen. Sie zahlt dem Zoo rund 600 Euro im Jahr. Dafür darf sie ab und zu außerhalb der Öffnungszeiten in den Zoo und den Pflegern Leckereien für die Tiere geben, die diese dann im Beisein der Paten fressen.

Einmal wollte Bini eins der Mitbringsel, einen Apfel, nicht annehmen. „Sie hat ihn mir durch das Gitter wieder zurückgereicht“, erzählt Angela Krüger aufgeregt. „Sie wollte ihn mir schenken.“ Den Apfel hat Angela Krüger nicht mehr. Aber andere Geschenke, die Bini ihr durch das Gitter gereicht hat, trägt sie in einem Beutelchen bei sich. Einen halben, sauberen Pfirsichkern, dem eine Ecke fehlt, einen roten, zusammengewickelten Plastikfaden und einen kleinen, dunkelbraunen Kern, der weich und glatt in der Hand liegt.

Christian Aust ist seit 25 Jahren Tierpfleger im Berliner Zoo, seit neun Jahren arbeitet er im Menschenaffenhaus. Aus seiner Sicht ist es schwer zu beurteilen, ob die Menschenaffen sich den Stammbesuchern so verbunden fühlen, wie diese es sich wünschen. „Die Besucher sehen das gern mit anderen Augen als wir und interpretieren in das Verhalten der Tiere eine Menge rein.“ Affen sind und bleiben wilde Tiere, sagt Christian Aust. In Einzelfällen hat er beobachtet, dass sie Besucher wiedererkennen. Das funktioniere hauptsächlich übers Essen, sagt er. Die Affen wüssten, dass die Tierpaten etwas für sie dabei hätten und freuten sich mehr über die Leckereien als über den Besuch. „Ich denke, von einer persönlichen Bindung kann man nur dann sprechen, wenn das Tier traurig ist, weil ein Besucher nicht kommt. Das haben wir als Pfleger nicht feststellen können. Ob ein bestimmter Besucher kommt oder nicht – den Affen ist das im Prinzip egal.“

Im Affenhaus ist ein alter Orang-Utan allein in seiner Kammer. Er liegt seitlich auf dem Boden und lehnt seinen Kopf gegen das Fester. Nur die Augen bewegen sich ohne erkennbares Ziel hin und her. Leute stehen davor und versuchen ihn zu animieren. Sie winken, klatschen in die Hände, ziehen Grimassen. Eine alte Frau mit Rosenbluse und Faltenrock hat schließlich Erfolg. Sie stellt sich links von ihm vor die Scheibe, bewegt ihren Unterarm langsam vom Affen auf sich zu. Der Orang rutscht über den Boden bis zu ihr hin. Gesicht an Gesicht, seins dreimal so groß wie das ihre, graue Dauerwelle an hennaroten Zotteln. „Na, Kajan, mein Süßer“, sagt die Frau und schmatzt Küsschen in die Luft. Kajan haucht sanft an die Scheibe, so dass sie beschlägt.

Das Wohl der Tiere ist ihr wichtiger als die Nähe zu ihnen, sagt Angela Krüger. Sie wolle die Affen auf keinen Fall vermenschlichen. Wie wichtig diese Einstellung ist, hat sie auf Sumatra, der Heimat der Orangs, erfahren. Dort arbeitet sie fast jedes Jahr in ihrem Urlaub auf einer Orang-Utan-Station. „Man hat die Tiere zum Pflegen auf dem Schoß, aber dann muss man sie auch wieder auf den Baum setzen. Ich gebe zu, dass mir das schwerfällt. Ich muss mir immer wieder sagen: Jetzt halt mal die Füße still – du musst Distanz halten. Tier bleibt Tier.“

Und trotzdem: Zum Stammgastsein gehört für Angela Krüger auch Trauerarbeit. Vor zwei Jahren ist in Berlin ein alter Gorilla gestorben, der Silberrücken Derrick. „Das war sehr traurig.“ Krüger setzt ihren Rucksack ab und nimmt ein Foto heraus. Darauf ist ein Gorilla im Vierfüßlerstand zu sehen. „Das ist Derricks Sohn Bodo. Der ist jetzt in Heidelberg im Zoo.“ Derricks anderer Sohn, Budi, ist nach Spanien gebracht worden. Dort hat sie ihn besucht, kurz nachdem er aus Berlin weggezogen ist. „Da geht es ihm so gut“, sagt Angela Krüger glücklich. „Ein wunderschöner Park. Und ein ganz hübsches Gorillaweibchen hat er da gefunden. Das ist eine ganz tolle Love Story.“

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