Berlin : Fans rücken Knut auf den Pelz

Eisbärchens Showprogamm im Zoo hat begonnen. Der Star kuschelt, wütet – und seine Fans stehen an

Christian van Lessen

Vorm Zoo sind vormittags schon alle Kassen geöffnet, davor bilden sich lange Warteschlangen. Im Zoo kennen Tausende nur ein Ziel – den kleinen weißen Knut in der abgezäunten Gastherberge der Braunbären. Gestern, zur offiziellen Erstpräsentation, trottet er Punkt 11 Uhr aus der Höhle. „Er kommt“, ruft es, dann tapst der Star zwischen Sandkuhlen und Felsen herum, spielt und streitet sich lautlos mit den Pflegern und wärmt ringsum alle Herzen. Heute wieder, um 11 und 13 Uhr, jeweils eine halbe Stunde.

Der Weg zu ihm muss gar nicht ausgeschildert werden. Immer der Menge hinterher. Auffallend viele junge Familien sind unterwegs, oft mit Ferngläsern, weil Knut so klein ist. Zur Premiere erscheint er mit Ziehvater und Pfleger Thomas Dörflein, Kollege Ronny Henkel assistiert. Der kleine Eisbär schaut kurz in die Menge, macht Männchen, nuckelt an einer Flasche. „Er trinkt gerade“, erklären Eltern mit besserer Übersicht ihren Kindern. Viele Erwachsene sind auch ohne Kinder auf die Kletterburg und das Kletter-Walross gegenüber gestiegen, es knarrt laut im Spielgebälk, das an der Grenze seiner Belastbarkeit scheint.

Knut bietet derweil ein kleines Showprogramm, trottet brav hinter den Pflegern her, wie ein folgsames Hündchen. Wild wird er, wenn Dörflein und Henkel ein großes Tuch hervorholen, dann zeigt er Zähne und zerrt wütend am Stoff, als wär’ s eine Robbe. Dann entdeckt er es als Schmusetuch und kuschelt. Nach zehn Minuten scheint Knut etwas erschöpft, er verschwindet in einer Kuhle und ist eine halbe Minute lang gar nicht zu sehen. „Er braucht Ruhe“, erklären die Leute. Aber dann wedeln die Pfleger wieder mit dem Tuch und wecken in Knut neue spielerische und kämpferische Instinkte. Manchmal scheint er außer Kontrolle. Ein Kameramann ist auch im Gehege, Knut verfolgt ihn kurz, starrt aufs Objektiv, eine Tatze greift danach, als wäre es ein Fisch. Wenig später tapst er ziellos herum, bis ihn wieder die Pfleger interessieren, die Pullover, die sie tragen und an denen er sich festbeißen kann. Er wird mit dem Tuch geputzt, versucht sich am Kletterbaum. Dann sieht es aus, als wolle er sich Verstecken. Was er auch tut – die Zuschauer sind gerührt, und die Kinder und Erwachsenen in der zweiten, dritten, vierten Reihe rufen immer wieder seinen Namen, und einige glauben, dass der kreisende Hubschrauber hoch oben nur wegen des Andrangs um Knut in der Luft ist. Die Braunbären im Nachbargehege sind eifersüchtig.

„Haste ’ne Lücke, Lukas?“ fragt ein Vater seinen Sohn, der so klein ist, dass er gar nichts sieht.

Spätestens nach einer Viertelstunde beginnen kleine Kinder – so sie überhaupt Knut gesehen haben – zu nölen. Wollen weiter, andere Tiere sehen. Und etliche Eltern sagen dann, dass sie doch nur wegen Knut gekommen seien. Am Gehege werden Stoff-Knuts aus China verkauft, sie sind reißend gefragt, so dass immer wieder Kartons mit Nachschub geholt werden müssen. Knuts zum Kuscheln für zu Hause, für lange Zeit und so klein und niedlich wie das Original.

Es gibt auch Besucher, die gehen die paar Schritte herum zum richtigen Eisbärgehege und schauen sich an, wie große Knuts aussehen. Tosca zum Beispiel, die ehemalige Zirkusbärin und Mutter von Knut, die gerade ein Bad nimmt. Und dann erklären Erwachsene den Kindern, dass die Mutter den kleinen Knut nicht haben wollte und dass er vom Pfleger die Flasche bekam und überlebte und deshalb was Besonderes ist. Und viele lesen laut vor, was unter dem Namen Tosca auf dem Erklärschild steht: Dass Eisbären wilde Tiere sind und Einzelgänger und besonders gern Robben fressen.

Aber darüber, dass die kaum beachtete Tosca dem Zoo eine unglaubliche Attraktion geschenkt hat, ist nichts zu lesen.

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