Feministische Pornografie : Was ist das überhaupt, eine Klitoris?

Die "PorYes"-Bewegung kämpft für eine neue, frauenfreundlichere Pornografie und eine sexuelle Revolution - unter anderem mit einem Filmfestival.

Feministische Pornos wenden sich gegen Geschlechterstereotypen.
Feministische Pornos wenden sich gegen Geschlechterstereotypen.Foto: Getty Images/iStockphoto

"Uuuuuuuuuhh jaaa! Uuuuuuuh! Das ist gut, das ist wirklich, wirklich gut!“ Eine Frau stöhnt; mit ihren Händen umklammert sie die Schultern des nackten Mannes, der über ihr liegt. Seine Stirn ist feucht vom Schweiß, seine Augen sind geschlossen. Erneut stöhnt die Frau: „Uuuuuuuuuhh! Das ist gut“, sie lächelt.

Auf den ersten Blick wirkt das, was man im Video sieht, nicht viel anders als das, was man etliche Male zuvor gesehen hat. In all den Filmen, die in der Videothek in der „Erwachsenenabteilung“ auf Zuschauer warten. In all den Clips, die man auf den zahllosen Schmuddelplattformen im Internet mit Namen wie „Youporn“, „Xhamster“ oder „Pornhub“ findet.

Auf den zweiten Blick aber entdeckt man Unterschiede.

Anders als auf „Pornhub“ etwa spielt nicht in jeder Szene eine Vagina oder ein Penis die Hauptrolle, sondern die Menschen, zu denen sie gehören. Anders ist in diesem Video auch, dass den Darstellern häufiger mal ein Lächeln auf den Lippen liegt. Ihnen scheint zu gefallen, was sie dort treiben in diesem „feministischen Porno“.

Glaubt man der feministischen Aktivistin Laura Méritt, gehört das zu den Hauptmerkmalen dieser pornografischen Nische. „Ein guter feministischer Pornofilm fängt mit dem Konsens an. Dass also alle, die mitmachen, es freiwillig tun und auch selbst gestalten können, was sie zeigen und es nichts zu sehen gibt, was sie eigentlich nicht tun wollen“, sagt sie. Es sei kein schöner Anblick, wenn man den Mädels im Film beim Ackern zusehen müsse, „mit ihren völlig fertigen Gesichtern. Da fragt man sich dann: Das soll Sex sein?“

Eine Antwort auf Alice Schwarzer

Für Méritt eine rhetorische Frage: ist es natürlich nicht. Auf Pornografie wollte sie dennoch nicht verzichten und engagierte sich deshalb bei „PorYes“, einer sogenannten sexpositiven Bewegung, die sich für einen respektvollen, unbeschwerten Umgang von Frauen (und allen anderen Menschen) mit ihrer Sexualität ausspricht. Gemeinsam mit anderen arbeitete sie in den vergangenen Jahren daran, diese Fraktion der feministischen Bewegung in Deutschland zu etablieren. Bereits seit 2009 wird in Berlin der PorYes-Award, der Feministische Pornofilmpreis Europa, verliehen. „Wir wollen zeigen, dass es scharfe, lustige und sexy frauen- und genderfreundliche Pornos gibt“, sagt Laura Méritt.

Die Bewegung ist also auch eine Antwort auf die Feminismus-Ikone Alice Schwarzer und ihre „PorNo“-Bewegung, die hierzulande lange die dominierend feministische Kraft war. Pornos, schrieb Schwarzer 1987 in der „Emma“, seien ein Mittel der Unterdrückung und Erniedrigung, seien „Kriegspropaganda gegen Frauen“.

Derart militaristische Begriffe gehen Méritts Mitstreiterin Polly Fannlaf nicht über die Lippen, wenn sie über ihren Frust mit Pornos spricht, die vornehmlich für einen männlich geprägten Markt produziert wurden. „Als ich eine Jugendliche war, gab es zur Mainstream-Pornografie eigentlich keine Alternative. Es gab nur diese Lesben-Schublade, also Spiele zwischen Frauen, die aber nur initiiert wurden, damit irgendwann im Film der Mann dazukommt, um die beiden zu befriedigen – das ist absurd.“

Feminismus ist auch für Männer da

Doch Fannlaf ist überzeugt, dass sich feministische Pornografie nicht alleine an ein weibliches Publikum richtet: „Es geht darum, dass festgefahrene Geschlechterstereotype nicht mehr bedient werden“ – und das treffe letztlich auch die Männer. „Es gehört ja leider mit zur Mainstream-Pornografie, dass Frauen am Ende so aussehen, als kämen sie gerade aus einem Krisengebiet. Gleichzeitig werden die Männer in diesen Filmen ja meist einzig über ihr Geschlechtsteil definiert, auch das ist Sexismus“, sagt Fannlaf.

Sorgen, dass die feministische Porno-Revolution scheitern könnte, haben Méritt und Fannlaf nicht. Obwohl ein Blick in die Geschichte skeptisch stimmen müsste: Denn schon in den 80er Jahren versuchte die Pornolegende Theresa Orlowski mit ihrem Unternehmen, Sexfilme zu drehen, die sich an ein weibliches Publikum richteten. Der Versuch scheiterte, weil die Produktionen floppten. „Dass es damals nicht geklappt hat, hat wahrscheinlich auch mit den technischen Gegebenheiten zu tun“, glaubt Méritt. „Dass die Mainstream-Pornografie sexistisch, rassistisch und anderes ist, das hat sich ja mittlerweile herumgesprochen“, findet sie. „Dass es aber Alternativen dazu gab, hatte damals nicht die Runde gemacht. Durch das Internet haben sich die Dinge in den vergangenen 20 Jahren aber geändert. Wir haben durch das Netz eine enorme Reichweite gewonnen.“ Darüber hinaus, glaubt Méritt, lag es auch an den Vertriebsstrukturen: „Pornos gab es damals vor allem in Sexshops zu kaufen – und wir wissen alle, wie die aussahen. Da ging man nur mit einem Trenchcoat rein.“ Heute gäbe es einerseits Sexshops, die auch ein weibliches Publikum direkt ansprechen, andererseits aber eben das Internet als wichtigsten Vertriebskanal.

Nachholbedarf bei der Aufklärung

Viel wichtiger aber noch als die Veränderung bei den Vertriebswegen sei ein Wandel in der sexuellen Aufklärung von Mädchen. Méritt denkt zurück an die eigene Aufklärung durch die Eltern: „Bei mir zu Hause war das kein großes Thema“, sagt sie. „Mein Vater hat mal einen ganzen Stapel Pornohefte mitgebracht und auf den Tisch gelegt und gesagt: Schaut euch das an. Und das war’s.“ Viel Geschehen sei seither nicht: „Die Biologiebücher vermitteln noch viel zu oft, dass ‚richtiger Sex‘ bedeutet, dass der Schwanz in die Vagina eindringt – nur das und nichts Anderes. Und junge Mädchen müssen auch heute erst noch lernen, dass das eben nicht stimmt, sondern dass das nur eine Form von Sex ist.“

Diese überkommenen Vorstellungen von Sexualität aufzubrechen, müsse weiterhin eines der Hauptanliegen der feministischen Bewegung sein, fordert Méritt. „Das wird aber auch schon rein sprachlich erschwert, denn was haben wir Frauen eigentlich – Lustorgane oder Fortpflanzungsorgane?“ Die weibliche Anatomie werde dabei meist völlig übergangen – nicht nur in der Pornografie, sondern auch in der sexuellen Aufklärung. Méritt hat sich diesbezüglich engagiert: Gemeinsam mit anderen Aktivisten hat sie ein Standardwerk in der Frauengesundheitsbewegung, das Lehrbuch „Frauenkörper neu gesehen“, erneut aufgelegt. „Was ist das überhaupt, eine Klitoris? Wie sieht das Schwellgewebe aus? All das waren Fragen, denen sich zuvor niemand gewidmet hatte. Erst mit diesem Buch wurden sie beantwortet.“

Bis die pornografische Revolution von Méritt und ihren Mitkämpfern ihr Ziel erreicht hat, das wird deutlich, dürfte es also noch eine Weile dauern. Denn selbst in den eigenen, feministischen Reihen haben sexpositive Aktivistinnen noch immer mit Widerstand zu kämpfen. Méritt erinnert sich: Auch Alice Schwarzer habe sie schon zum PorYes-Festival eingeladen: „Aber leider ist sie nicht gekommen.“

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