Fiktives Bauprojekt „Princess Towers“ : Berliner Kuckucksheime

Die Künstlerin Dorothea Nold hat Bauschilder mit Fantasieprojekten in Berlin aufgehängt. Viele potenzielle Investoren interessierten sich dafür.

Eva Steiner
Nolds Hausprojekte sind eine Mischung aus Hundertwasser und Villa Kunterbunt.
Nolds Hausprojekte sind eine Mischung aus Hundertwasser und Villa Kunterbunt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Eigentlich müsste es auffallen. Nicht nur, weil zwischen den beiden Türmen ein Pferd steht und am Bildrand eine Kehrmaschine zu sehen ist. Die vermeintliche Immobilienfirma, die auf dem Schild für das Bauprojekt „Princess Towers“ wirbt, heißt dazu noch „Schark Immo“. Schark wie „Shark“ – englisch für Hai.

Das Bauschild vor den Prinzessinnengärten am Moritzplatz in Kreuzberg ist eines von dreien, die die Künstlerin Dorothea Nold vor rund sechs Wochen in Berlin aufgestellt hat. Die beiden anderen Bauschilder stehen an der Grenze zwischen Kreuzberg und Treptow in der Straße „Am Flutgraben“ sowie am Mariannenplatz in Kreuzberg: Bildkompositionen lebendiger Architekturwelten. Eine Mischung aus Hundertwasser-Häusern und Villa Kunterbunt. Zu collagenhaft, zu provisorisch verspielt, zu fröhlich bunt, um echt zu sein.

Ab 2021 seien die geplanten Eigentumswohnungen verfügbar – provisionsfrei, heißt es auf den Schildern. Eine Berliner Telefonnummer ist angegeben. Sie führt per Rufumleitung direkt auf Nolds Handy. Über 200 Anrufe von Wohnungsinteressenten und Investoren hat die 37-Jährige seit dem Beginn des Kunstprojekts „Zukunftsland 2099“, wovon ihre drei Bauschilder ein Teil sind, bekommen.

„Ich glaube, die Anrufer haben überhaupt nicht richtig hingeschaut. Sie waren einfach nur daran interessiert zu investieren“, sagt Nold erstaunt. Viele der Anrufe kamen aus Deutschland aber es waren auch einige aus Schweden, Norwegen, Hongkong, Großbritannien und Australien dabei.

Die meisten Interessenten haben entspannt reagiert

Die meisten Anrufer ließ Nold in dem Glauben, dass es sich um echte Bauprojekte handele. Ernsthaften Interessenten versprach sie, in Kürze ein Exposé per E-Mail zu schicken. Dann soll der Spaß aber endgültig ein Ende haben: Das Exposé will Nord möglichst absurd gestalten mit merkwürdigen Grundrissen und auch noch mal mit einem Bild des Plakats, in der Hoffnung, dass den meisten Interessenten dann endlich ein Licht aufgehen dürfte. Die wenigen, denen Nold schon am Telefon reinen Wein eingeschenkt hat, haben entspannt reagiert. Einige haben sogar gelacht.

„Es war mir wichtig, dass man mich bei einem Kunstprojekt im öffentlichen Raum tatsächlich kontaktieren kann. Sonst wäre das Projekt genauso anonym geblieben wie so manches echte Bauvorhaben in Berlin“, sagt Nold. Die Erlaubnis für das Schild am Moritzplatz hat sie direkt vom Kollektiv der Prinzessinnengärten bekommen.

Für die Schilder am Landwehrkanal und am Mariannenplatz hatte Nold bei den zuständigen Straßen- und Grünflächenämtern angefragt. Als sie keine klare Reaktion bekam, hat sie die Schilder einfach aufgestellt. „Die meisten Menschen in Berlin werden auch nicht gefragt, was mit ihrer Stadt passiert, wie sie sich diese wünschen. Daher habe ich beschlossen, dass es in Ordnung ist, ein paar Schilder aufzustellen, um auf diesen Missstand hinzuweisen“, sagt Nold.

Nold wohnt in Schöneberg

Seit fünf Jahren wohnt Dorothea Nold in Berlin. An der Grenze zur Schweiz in Süddeutschland aufgewachsen, hat sie, sobald es möglich war, Land- gegen Stadtleben getauscht: Sie hat in Paris studiert, unter anderem im chinesischen Xi’an und in Istanbul gelebt und macht derzeit noch ihren Doktor an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. In ihrem Werk beschäftigt sich Nold vor allem mit den Veränderungen von Räumen, Städten und Architektur.

„Als ich vor Jahren immer mal wieder aus dem dicht bebauten Istanbul für einige Zeit nach Berlin kam, war das ein Stück Naherholung für mich“, erzählt Nold. Inzwischen würden die Brachen in Berlin immer schneller verschwinden. „Von einem auf den anderen Tag sind schon wieder neue ,Ufos‘, neue Appartement- oder Büro-Komplexe, gelandet“, sagt Nold.

Sie selbst wohnt in Schöneberg in Nähe der Kurfürstenstraße. „Natürlich bin ich als relativer Neuankömmling auch Teil der städtischen Veränderung, ich kann mich gar nicht davon ausnehmen.“ Ihre Wohnung habe sie allerdings über eine Freundin gefunden, der Vermieter sei eine Wohnungsbaugesellschaft, Mieterhöhungen habe es noch nicht gegeben.

Warum hat man all den Freiraum nicht gestaltet?

„Ganz anders als die Straße, in der ich lebe, sieht zum Beispiel ganz in der Nähe die Flottwellstraße am Gleisdreieck aus: Da stehen nur funkelnagelneue Stadthäuser und Eigentumswohnungen. Wahrscheinlich von ausländischen Investoren gekauft“, sagt Nold. Denn die ganze Straße wirke leer und tot. Eine Geisterstraße. Nur Glas, nur Beton – das sehe man inzwischen überall.

In dieser Geballtheit habe die vorherrschende neue Architektur Berlins eine Stumpfheit, die bei den Menschen zur Abstumpfung führen können. „Berlin mit seinen vielen Freiflächen ist noch vor Jahren einzigartig in Europa gewesen. Warum hat man all diesen Freiraum nicht anders gestaltet? Nun ist die einmalige Chance vertan“, sagt Nold bedrückt.

Obwohl sie viele Menschen kenne, die sich gern engagieren würden. Bei den Veränderungen ohnmächtig zuschauen zu müssen, daran würden viele verzweifeln, so Nold. Beim Projekt „Zukunftsland 2099“ der „alpha nova und galeria futura“ ist Nold eine der Kuratorinnen. Das Projekt will unter anderem mit Stadtrundfahrten zu ausgewählten Orten eine Zukunft zeigen, in der die Utopie eines gelebten Miteinanders in der Stadt Wirklichkeit geworden ist. Nolds Bauschilder sollen auch mit einem Augenzwinkern zeigen, was in 80 Jahren möglich wäre, wenn ein Umdenken statt fände.

Architektur kann das Miteinander verändern

Nold selbst würde sich eine organische, menschenfreundliche Architektur wünschen. Eine Architektur, die von den Menschen nicht als Fremdkörper, sondern als Verlängerung des eigenen Körpers wahrgenommen wird. Eine Architektur, die über ihre Sinnlichkeit, über Sehen, Hören und Riechen, mehr Mensch-Sein ermöglicht.

Mit geteilten Räumen. Räumen, in denen sich Menschen begegnen müssen, die das Vorhandene einbinden und den Bewohnern die Möglichkeit geben, Verantwortung für ihren Lebensraum zu übernehmen. „Konkret könnte ein Gesetz dafür sorgen, dass neue Bauprojekte zu einem großen Teil genossenschaftlich organisiert sein müssen. Und die Stadt Berlin müsste Kredite absichern, damit etwas gewagt werden kann“, schlägt Nold vor.

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Sie glaube daran, dass Architektur auch das soziale Miteinander positiv verändern kann, sagte die Künstlerin. Doch ohne dass politisch die Rahmenbedingungen zur Partizipation an den Veränderungen geschaffen werden, gehe es nicht.

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