Filmprojekt für geflüchtete Jugendliche : Aus dem Leben auf die Leinwand

Junge geflüchtete Menschen in Berlin verarbeiten ihre Erfahrungen in einem Film über Zusammenhalt. Am Samstag stellen sie ihr Werk vor.

Zoe Ibrahimovic
Am Samstag stellen die Jugendlichen ihren Film "Brother" vor.
Am Samstag stellen die Jugendlichen ihren Film "Brother" vor.Foto: Sandra Marquardt

An einen Holztisch im Medienhof Wedding sitzen Jugendliche und diskutieren. In der Mitte steht ein dampfender Topf, aus dem sie sich ein arabisches Gericht auf die Teller füllen, das sie selbst gekocht haben. Es ist Sonntag, sie sind seit Stunden im Studio, um über das Drehbuch zu einem Film zu sprechen.

Sandra Merseburger, eine kleine Frau mit Lockenkopf, hört aufmerksam zu und kommentiert. Die Kamerafrau leitet gemeinsam mit der Anthropologin Hannah Marquardt den Filmworkshops „Ankommen in Deutschland“. Bei der Suche nach einer Storyline für den Film hört sie viele persönliche Geschichten. Die meisten in der Gruppe sind Jungen, die es aus Ländern wie Afghanistan und Syrien bis nach Deutschland geschafft haben.

Ihr Film soll von zwei geflüchteten Brüdern handeln, die versuchen, ihre Eltern nachzuholen.

Fiktive Geschichten, reale Sorgen

Ein Handy klingelt, der 18-jährige Wael aus Syrien entschuldigt sich und geht eilig in die Küche. Als er wieder zurückkommt, sieht sein Gesicht gequält aus. Seine Mutter hat ihm gerade in Panik erzählt, dass seine einjährige Schwester, die in Deutschland geboren wurde, abgeschoben werden soll, weil sie einen Gerichtstermin verpasst hat. Waels 17-jähriger Bruder Mustafa wird bleich. Sandra und Hannah reagieren sofort. Während die eine einen Anwalt anruft, tröstet die andere die Brüder. Die Arbeit am Drehbuch ist für den Moment unterbrochen.

Im Rampenlicht. Die Truppe des Projekts „Ankommen in Deutschland“.
Im Rampenlicht. Die Truppe des Projekts „Ankommen in Deutschland“.Foto: Sandra Marquardt

Sandra Merseburger und Hannah Marquardt besuchten 2015 Flüchtlingsunterkünfte für Jugendliche, um Teilnehmer für einen Filmworkshop zu gewinnen. Die Jungs, die noch kaum Deutsch verstanden, wussten nicht recht, ob sie zusagen sollten, und auch die beiden Frauen waren sich nicht sicher, dass ihr Projekt Erfolg haben würde. Doch gleich ihr erster Film „I Am Here“ wurde 2016 beim Kölner Filmfestival als bester Amateurfilm nominiert.

Seither ist die Gruppe gewachsen, jetzt sind mehr Mädchen und Jugendliche aus Berlin dabei. Sie haben an einem Tanzworkshop teilgenommen und sich mit Filmschnitt beschäftigt. Anfangs klappte die Verständigung nur mit Übersetzung, mittlerweile sprechen alle fließend Deutsch, die meisten haben ihren Mittleren Schulabschluss geschafft und bereiten sich aufs Abitur vor.

Präsentation des Abschlussfilms

Und für alle hat der Filmworkshop eine besondere Rolle bei ihrer Integration in Deutschland gespielt. Merseburger und Marquardt haben sie bei Behördengängen begleitet, mit ihnen Wohnungen gesucht, Geld für Anwälte gesammelt.

Am Sonnabend, dem 28. Oktober, schließt die Gruppe von „Ankommen in Deutschland“ das dritte Jahr ihres Filmworkshops ab. Um 16 Uhr wird der Spielfilm „Brother“ im Kreuzberger fsk-Kino gezeigt. Die Geschichte enthält Erfahrungen wie die von Wael, Mustafa und ihrer kleinen Schwester, es geht um Abschiebung und die Wirren der Bürokratie – der Film ist gleichzeitig Fiktion und ein Spiegelbild der Wirklichkeit.

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