• Filmstart von "Von Bienen und Blumen": Was passiert, wenn Stadtmenschen aufs Land ziehen?

Filmstart von "Von Bienen und Blumen" : Was passiert, wenn Stadtmenschen aufs Land ziehen?

Störrische Erde: Lola Randl ist aus Berlin aufs Land gezogen. Nun hat sie ein Buch und einen Film darüber gemacht – fernab von Plattitüden.

Antonia Märzhäuser
Entschleunigung auf Knopfdruck. Kann das funktionieren, wenn Städter ein Leben auf dem Land beginnen?
Entschleunigung auf Knopfdruck. Kann das funktionieren, wenn Städter ein Leben auf dem Land beginnen?Foto: Detailfilm-Tohuwabohu-Rbb-Arte

Wenn Städter aufs Land ziehen, dann meist, weil sie wollen, dass alles anders wird. Gesündere Luft, gesündere Arbeitszeiten, gesünderes Leben – so etwa. Die Veränderung, das mögen die Städter mitunter denken, gibt es quasi gratis zu der frischen Brise dazu. Dass das Quatsch ist, merken einige erst, wenn es zu spät ist. Und so sitzen sie dann in einer schlaflosen Nacht mit aufgeklappten Laptop im Bett, draußen nichts als brandenburgische Stille, und bestellen Goji-Beeren, chinesische Wu Wei Zi-Sträucher und Kiwisamen im Internet. So erging es zumindest der Filmemacherin Lola Randl vor ein paar Jahren in der Uckermark.

Das Ende der Geschichte könnte man sich wie folgt ausmalen: Ernüchterung, doch alles nicht so einfach in der Provinz, Rückkehr in die Stadt, ins Hamsterrad. Doch Lola Randl ist immer noch da, in Gerswalde auf dem Land, und das seit mittlerweile zehn Jahren.

Die Kiwis und Goji-Beeren gedeihen in den brandenburgischen Permakulturböden erstaunlich gut. Genau wie der ehemalige Stadtmensch Randl, Jahrgang 1980. Gerade hat Randl quasi zeitgleich einen Film und ein Buch über das Leben auf dem Land und in der Natur herausgebracht. In diesen Tagen ist das Presseaufgebot in Gerswalde entsprechend hoch. Denn jetzt wollen alle wissen: Wie macht sie das?

Südfranzösischer Charme in Brandenburg

Gerade zieht Lola Randl laut ratternd eine Mülltonne über den grünen Vorhof, vorbei an Fliedersträuchern und einer halbfertigen Fassade. Der Besucher aus der Stadt ist ganz entzückt: So viel südfranzösischen Charme hatte er in Brandenburg gar nicht erwartet. Randl hat ihr eigenes Rezept gefunden und das hat wenig mit der Achtsamkeit zu tun, an der sich der selbstoptimierungsgestresste Projektmensch sonst so gern festhält: „Ich habe gelernt, dass sich meine Unruhe am besten bekämpfen lässt, wenn ich ihr nachgebe“, sagt sie.

Mit ihrem Mann Philipp Pfeiffer und zwei kleinen Söhnen hat sie sich nicht einfach nur ein neues Leben auf dem Land aufgebaut, sondern auch eine alte Schlossgärtnerei mit riesigem Garten übernommen. Sie hat eine Beziehung mit einem weiteren Mann begonnen, lebt nun in einer komplizierten Dreieckskonstellation, ist erste Schritte als Autorin gegangen und hat an einigen Filmen gearbeitet.

Das neueste Werk heißt „Von Bienen und Blumen“, ist gerade in die Kinos gekommen und changiert zwischen Dokumentarfilm, Essay und überspitzter Scripted-Reality-Soap. Ursprünglich wollte Randl eine Kochshow machen. Für das von ihr erdachte Format sei das Fernsehen aber noch nicht reif gewesen. Jetzt also dieser Kinofilm, von dem Randl sagt, er habe sich selbst erfunden.

Von Bienen und Blumen handelt der Film natürlich nur am Rande. Vielmehr geht es um die Hoffnungen und Sehnsüchte, die eine zusammengewürfelte Gruppe aus Städtern an sie knüpfen.

Postkapitalismus, Sinnsuche und Utopie aus dem Off

Die Menschen sind zum Arbeitseinsatz aus dem knapp 100 Kilometer entfernten Berlin nach Gerswalde gekommen, genauer auf den Hof von Philipp und Lola und in ihre Außenanlage, die sie „Großer Garten“ getauft haben. Die Umpflugversuche mit prähistorischem Gewerk und die Aufzucht eines Bienenvolks werden von einer Stimme aus dem Off begleitet. Die zitiert aus einer fiktiven Doktorarbeit mit sehr langem Titel, es geht um Postkapitalismus, Sinnsuche und Utopie.

Vier Jahre hat Randl an dem Film gearbeitet und dokumentiert, was passiert wenn Stadtmenschen mit viel Enthusiasmus anfangen, die mitunter störrische brandenburgische Erde umzugraben. Um Antworten ging es ihr dabei weniger. Dafür ist Randl zu sehr Realistin: „Einer verwirklichten Utopie fehlt alles, was sie mal war.“ Als Wunschvorstellung, da sei sie sicher, entfalte eine Utopie mehr Kraft. Schaut man den neuen Landbewohnern beim Rumwerkeln in den Beeten zu, wird man das Gefühl nicht los, dass Randl diese Erkenntnis für sich behalten hat.

Zarte Pflanze. Das Glück im Dorf scheint fragil, genau wie in der Stadt.
Zarte Pflanze. Das Glück im Dorf scheint fragil, genau wie in der Stadt.Foto: Detailfilm-Tohuwabohu-Rbb-Arte

Dabei liegt die große Stärke der Filmemacherin darin, dass sie ihre Protagonisten, egal wie eigenartig ihr Verhalten auch ist, nie der Lächerlichkeit preisgibt. Der Film ist ein liebevolles Porträt sowohl der Städter, die etwas unbeholfen durch die Beete stapfen, diese dann gleich noch digital vermessen wollen, als auch der Dorfbewohner, die zunächst skeptisch und neugierig über den Zaun lugen und irgendwann mit dem dringend benötigten Rat Teil des Projekts werden.

Randls Blick in den Mikrokosmos Dorf ist der einer Ethnografin, die sich ihrer Rolle als gut integrierte Außenseiterin stets schmerzlich bewusst ist. Es ist die Erzählhaltung, die sich selbst nicht zu ernst nimmt, die ihr im März erschienenes Buch „Der Große Garten“ zu einem der seltenen wirklich witzigen Bücher über das Leben auf dem Land macht.

Mit eigener Ahnungslosigkeit auf Entdeckungsreise

Randl, die bevor sie nach Gerswalde zog, wenig Berührung mit Gärten, Beeten und der Aufzucht von Schafen hatte, nutzt ihre eigene Ahnungslosigkeit, um den Leser fest an der Hand zu nehmen, um mit ihm auf Entdeckungsreise zu gehen. Eine angenehme Abwechslung zu jenen Publikationen, in denen frischgebackene Landlebenexperten ihr Wissen gönnerhaft mit ihrer Leserschaft teilen.

Zwei Jahre hat Lola Randl an dem Buch geschrieben und herausgekommen ist eine Art wildes Glossar. Es reicht von A wie Awareness oder Apfeltag über Maulwurf 1-6 bis zu Verwesung und Zerrissenheit. Trotz der lexikalischen Struktur liest man das Buch am besten ganz klassisch von vorne nach hinten. Wenn nach dem Kapitel „Facetime“ ein Absatz zu Schweineferkeln und dicken Bohnen folgt, dann offenbart sich die ganze Unruhe des randl'schen Denkens und wird zu etwas, das man wohl modernes Dorfleben nennen kann.

Fließende Grenzen zwischen Realität und Fiktion

Dass im Film wie auch im Buch die Grenzen zwischen Realität und Fiktion fließend verlaufen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass das Dorf für den Städter zur idealen Projektionsfläche geworden ist. Was der Realität und was der Vorstellungskraft der Autorin entspringt – so genau will man es eigentlich gar nicht wissen. Beobachtungen aus dem Garten – warum legen sich Schneeglöckchen flach auf den Boden? Was machen Eierschalen im Beet? – finden sich gleichberechtigt neben Erkenntnissen über die Schwierigkeit polyamouröser Beziehungen – wie verlässt man das Haus des Liebhabers für alle Beteiligten würdevoll?

Einige Figuren sind vom Film ins Buch gewandert, etwa die Therapeutin, die extra aus München anreist, um mit Achtsamkeitsübungen das verworrene Beziehungsgeflecht zu sortieren. Randl hält von den Übungen wenig und sucht unter Z wie Zerrissenheit Hilfe im Tierreich: „Bei Tieren tritt die Zerrissenheit nur momentweise auf und wird meist sehr schnell von einer Entscheidung abgelöst. Flucht oder Kampf oder Schockstarre.“

Lola Randl hat weder die Flucht angetreten noch ist sie in Schockstarre verfallen. Stattdessen sucht sie noch etwas weiter nach der perfekten Utopie.

Der Film „Von Bienen und Blumen“ läuft derzeit im Sputnik Kino (am Sonnabend um 17.30 Uhr, Hasenheide 54), Kino Krokodil (am Sonnabend um 18.15 Uhr, Greifenhagener Straße 32) und im Kino Wolf in Neukölln (am Sonnabend um 14.30 Uhr und 21 Uhr, Weserstraße 59). Das Buch „Der Große Garten“ ist bei Matthes & Seitz erschienen, 320 Seiten, 22 Euro. Lola Randls Gartenanlage samt Café, Räucherei und Bar ist an Sommerwochenenden offen für Besucher: Dorfmitte 11, 17268 Gerswalde. Informationen gibt es unter www.dergrossegarten.de.

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