2004 für einen Euro gekauft

Seite 2 von 2
Filmstudio boomt : So viel Babelsberg gab es noch nie auf der Berlinale

Der Blick aus Fissers Fenster geht auf das Studiogelände hinaus. Im Februarnebel zeichnen sich die Umrisse der alten Marlene-Dietrich-Halle ab, die Fritz Lang 1927 für „Metropolis“ bauen ließ, bei Weitem nicht der erste Babelsberg-Film, aber der älteste, den man bis heute weltweit mit den Potsdamer Filmstudios in Verbindung bringt. Mehr als 100 Jahre Filmgeschichte liegen vor Fissers Fenster, und mehr als 25 000 Quadratmeter Studiofläche, 20 riesige Hallen, 10 000 Quadratmeter Außenbereiche, ein 500 000-Liter-Tank für Unterwasser-Stunts, ein kamerabestücktes Passagierflugzeug mit 120 Sitzen, ein Fundus mit einer Million Requisiten und einer halben Million Kostümen, dazu Werkstätten, die von Raumschiffen bis zu Märchenschlössern so ziemlich alles bauen können, was je ein Drehbuchautor ersponnen hat.

Mit all diesen Qualitäten hat sich Babelsberg einen Ruf erarbeitet, den viele den alten Studios kaum noch zugetraut hatten, als Fisser und sein Vorstandskollege Carl Woebcken das Gelände 2004 für einen symbolischen Euro vom französischen Medienkonzern Vivendi Universal übernahmen, der es zuvor der Treuhand abgekauft hatte und aus den tiefroten Zahlen nicht herauskam. Fisser und Woebcken strukturierten das Unternehmen um und brachten es ein Jahr später an die Börse. Nicht in jedem Jahr konnte die Studio Babelsberg AG ihren Aktionären seitdem Dividenden zahlen, aber mit den lebensbedrohlichen Krisenphasen scheint es fürs Erste vorbei.

Zumal der Name Babelsberg zur Marke geworden ist, deren Ruf nicht nur Tom Hanks in der Welt verbreitet. Quentin Tarantino, nach dem sie auf dem Studiogelände eine Straße benannt haben, ist seit den Dreharbeiten zu „Inglourious Basterds“ bekennender Babelsberg-Fan. Auch wer mit Jeremy Dawson spricht, einem der Produzenten von „Grand Budapest Hotel“, bekommt nur Positives über die Studios zu hören, über ihre Ausstattung, ihre Werkstätten, ihr Personal. „Dass Babelsberg Teil der Kinogeschichte ist“, fügt Dawson hinzu, „macht den Standort natürlich auch attraktiv.“

Studio zahlt mehr Steuern, als es an Filmförderung erhält

50 Jahre lang, sagt Fisser, habe Babelsberg aus historischen Gründen keine Rolle für den internationalen Film gespielt. Inzwischen müsse er am Telefon dagegen nur „Babelsberg“ sagen, um Termine mit Filmgrößen zu bekommen, deren Zeit sonst knapp bemessen sei. Fisser ist einer dieser Redner, deren Begeisterungsfähigkeit sich bruchlos auf den Zuhörer überträgt. Wer ihm eine Weile gegenübersitzt, hat irgendwann das Gefühl, dass es wirklich nichts gibt, was dieses Studio nicht stemmen könnte. Es müsste nur können dürfen.

Als im Zuge der Koalitionsverhandlungen durchsickerte, dass man darüber nachdenke, in Ausnahmefällen die Kappungsgrenzen bei der Filmförderung aufzuheben, war Christoph Fisser zunächst überglücklich – genau dafür plädierte er seit Jahren. Eine entsprechende Formulierung wurde im Entwurf des Koalitionsvertrags fixiert, sie fiel jedoch aus der endgültig verabschiedeten Version wieder heraus. Insider sagen, am Ende habe die Befürchtung überwogen, dass der Förderfonds bei gleichbleibendem Jahresbudget von 60 Millionen Euro weniger kleinere Filme fördern werde, wenn die Kappungsgrenze für Großproduktionen wegfiele.

Hinzu kommt, dass der Förderbedarf von Filmen der deutschen Öffentlichkeit mitunter schwer zu vermitteln ist. Thomas Schulz, Sprecher der Filmförderungsanstalt in Berlin, erzählt von regelmäßigen Briefen des Bundes der Steuerzahler, in denen angefragt werde, warum zum Beispiel „Inglourious Basterds“ Fördergelder bekomme, obwohl das doch gar kein deutscher Film sei. Übersehen wird dabei nicht nur, dass der in Babelsberg gedrehte Film eine amerikanisch-deutsche Koproduktion ist, an deren Einspielergebnissen beide Partner beteiligt sind. Übersehen werde vor allem, sagt Thomas Schulz, dass jeder Euro Filmförderung sechs Euro Investitionen in der deutschen Kinobranche auslöse. Die regionalwirtschaftlichen Auswirkungen sind bei großen Filmprojekten immens: Hoteliers verdienen mit, Autovermietungen, Dienstleister, auch Handwerker, die auf Zeit am Set arbeiten. Die 90 festen Mitarbeiter der Filmstudios werden in Spitzenzeiten von bis zu 2500 Zeitkräften verstärkt. Und allein an Steuern, sagt Christoph Fisser, zahle das Studio mehr, als es an Filmförderung erhalte.

Der Traum vom "Hobbit"

Draußen vor den Werkstatthallen steht ein großes gotisches Brunnenfragment aus bemaltem Styropor. Es ist eins der wenigen Set-Überbleibsel von George Clooneys Weltkriegsdrama „Monuments Men“, das diesen Samstag auf der Berlinale Premiere feiert, mit Matt Damon, Bill Murray, John Goodman und natürlich Clooney selbst. Eine Großproduktion, keine Frage, aber keine der ganz, ganz großen. Ginge es nach Christoph Fisser, könnte in Babelsberg irgendwann auch ein „Hobbit“ gedreht werden, könnten hier Filme entstehen, deren Budgets nicht im zwei-, sondern im dreistelligen Millionenbereich liegen.

Vorerst ist das noch ein Traum. Aber wie man aus Träumen Wirklichkeit macht, das wissen sie in Babelsberg seit mehr als 100 Jahren.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!